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Joseph Goebbels Tagebücher 1924 - 1945

Band 1

Einführung 1924-1929

Herausgegeben von Ralf Georg Reuth

Piper München Zürich

Diese Taschenbuchausgabe basiert auf der erweiterten gebundenen Sonderausgabe der Tagebücher, Piper Verlag, München 1999.

Von Ralf Georg Reuth liegen in der Serie Piper vor: Joseph Goebbels: Tagebücher 1924-1945 (Hrsg,, 1410) Joseph Goebbels (2023)

Originalausgabe

1. Auflage September 1992

3. Auflage März 2003

© 1992, 1999 Piper Verlag GmbH, München Umschlag /Bildredaktion: Büro Hamburg Isabel Bünermann, Julia Martinez/ Charlotte Wippermann, Katharina Oesten Umschlagfoto: Scherl/SZ Bilderdienst Gesamtherstellung: Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany ISBN 3-492-21411-8

www.piper.de

Inhalt

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Die Tagebücher des Joseph Goebbels und ihre Überlieferungsgeschichte . ........ URL 3

Glaube und Judenhaß als Konstanten im Leben des Joseph:Göebbels: +... = a Wr20:.,.2.2.03 2 men 20

DIE TAGEBÜCHER DES JOSEPH GOEBBELS

1897-1923 (Erinnerungsblätter) 5 2 49 1 (0X: EEE BR RER SE EHE. RER REF RLR 88 125 Hanna rare 00 1926 aaa Era ER rue 217 1028 a EN a 283 1929 a a en ee an 345 Banp 2 IBAN N EN EEE EEE REIT Tre ee 441 19 Bernd Se 2.549 VI DN EL ne a a En e RRE SR NE a 10)+) ZZ I RE ra 742 1934 wen er. 838

ANHANG

Editorische Anmerkungen . ... 2... 2.2.2 2a ee0e-

Namensregister zu den Tagebuch-Eintragungen

Abkürzungsverzeichnisse ..... 2.22.22 0%

Literaturverzeichnis .. 2.2... 222 22a nen I. Verzeichnis der Goebbels-Schriften

1) Unveröffentlichte Arbeiten az } 2) Veröffentlichte Schriften ... --» 2 -- 2.2.» -

II. Goebbels-Biographien ....: 2222220004

III. Auswahlbibliographie . . : » 2».

IV. Bisherige Tagebuch-Ausgaben ......- 22...» Nachwortzurergänzten Neuauflage ...-.... - Goebbels-Tagebücher/Nachtrag 1999 . .

EINFÜHRUNG von Ralf Georg Reuth

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Die Tagebücher des Joseph Goebbels und ihre Überlieferungsgeschichte

»Ich schreibe nicht zu meinem Vergnügen, sondern weil mir mein Denken eine Qual und eine Lust ist. Früher wenn es Samstag war und der Nachmittag weiter ging, dann hatte ich keine Ruhe mehr. Dann lastete die ganze Woche mit ihrer kindlichen Qual auf meiner Seele. Ich half mir immer dann am besten dadurch, daß ich mein Gebetbuch nahm und zur Kirche ging. Ich dachte über alles nach, was die Woche mir Gutes und Böses gebracht hatte, und dann ging ich zu dem Priester und beichtete mir alles von der Seele herunter. Wenn ich jetzt schreibe, dann habe ich ein gleiches Gefühl. Es ist mir, als müßte ich beichten gehen. Ich will mir das letzte von meiner Seele herunterschreiben.«' Mit diesen Worten erläuterte Joseph Goebbels im Frühjahr 1923 seiner damaligen Lebensgefährtin, der Rheydter Volksschullehrerin Else Janke, das Motiv seiner »Schreibwut«, die ihn schon in früher Jugend zu Feder und Papier greifen ließ.

Bei den ersten Versuchen des Oberschülers Paul Joseph Goeb- bels handelte es sich nicht um Tagebücher, sondern um Gedichte. ? Bald traten längere Abhandlungen, wie zum Beispiel über Wilhelm Raabe? oder Theodor Storm*, hinzu. Nachdem Goebbels im Jahr

Goebbels, Joseph: Aus meinem Tagebuch, 1923, BA Koblenz, NL 118/126; zu den biographischen Angaben siehe: Reuth, Ralf Georg: Goebbels, ?. Aufl., München/ Zürich 1991 (weiterhin zitiert als: Reuth, Goebbels). 2 In den Goebbels-Papieren finden sich zahlreiche dieser Gedichte sowie eine Sammlung derselben: ZLyrische Gedichte. Dem Herrn Professor Rentrop, mei- nem hochverehrten Lehrer, in Dankbarkeit zugeeignet (ohne Datum), Bestand Genoud, Lausanne. Goebbels, Joseph: Wilhelm Raabe, 7.3.1916, Bestand Genoud, Lausanne. 4 Theodor Storm als Lyriker. Zu seinem 100. Geburtstag am 14. September 1917 von P. Joseph Goebbels, Bestand Genoud, Lausanne.

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4 Die Tagebücher des Joseph Goebbels

1917 in Bonn das Studium der Geschichte, Germanistik und Altphi- lologie begonnen hatte, verfaßte er auch einige »Novellen«°, wie er die Traktate selbst überschrieb. Mit Judas Iscariot entstand im Jahr darauf eine »biblische Tragödie«*, weitere Dramen wie Heinrich Kämpfert’, Kampf der Arbeiterklasse? oder Die Saat? folgten. The- matisierten diese Stücke bereits seine eigene überaus schwierige Lebenssituation als Krüppel minderer Herkunft, so brachte er mit Michael Voormanns Jugendjahre!” seine eigene Geschichte zu Papier, »ohne Schminke, so wie ich es sehe«.!! Nur der Name des Protagonisten blieb in dem im Herbst 1923 begonnenen und im dar- auffolgenden Winter fertiggestellten Tagebuch-Roman Michael Voormann. Ein Menschenschicksal in Tagebuchblättern?, der spä- ter, im Jahr 1929, umgearbeitet zu einem »Deutschen Schicksal in Tagebuchblättern«'’, beim parteieigenen Franz Eher-Verlag erscheinen sollte.

Mit einem Tagebuch im eigentlichen Sinne hatte dies freilich noch nichts zu tun. Dies gilt auch für die mit den Worten Aus meinem Tagebuch * überschriebenen Aufzeichnungen vom Frühjahr 1923, in denen Goebbels gegenüber seiner Lebensgefährtin Else Janke sein »verpfuschtes Leben« offenlegte. Abgesehen von einem nur

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Bin ein fahrender Schüler, ein wüster Gesell... Novelle aus dem Studentenleben

von Joseph Goebbels. Meinem lieben Leibburschen Karl Heinz Kölsch, Som-

mer 1917, BA Koblenz, NL118/117; Goebbels, Joseph: Die die Sonne lie-

ben... Sommer 1917, BA Koblenz, NL118/117.

6 Judas Iscariot. Eine biblische Tragödie in fünf Akten von P.J. Goebbels, Au-

gust 1918, BA Koblenz, NL 118/117.

Heinrich Kämpfert. Ein Drama in drei Aufzügen von P. Joseph Goebbels, Fe-

bruar 1919, BA Koblenz, NL 118/114.

8 Kampf der Arbeiterklasse. Drama von Joseph Goebbels, Jahreswende 1919/ 20, Bestand Genoud, Lausanne.

9 Die Saat. Ein Geschehen in drei Akten von P. Joseph Goebbels, März 1920, BA

Koblenz, NL 118/117.

10 Michael Voormanns Jugendjahre, I. und III. Teil, 1919, BA Koblenz, NL 118/126 und NL 118/115 (weiterhin zitiert als: Michael Voormann).

11 Erinnerungsblätter, Herbstferien 1919 in Münster und Rheydt.

12 Michael Voormann. Ein Menschenschicksal in Tagebuchblättern, 1923, Be- stand Genoud, Lausanne (weiterhin zitiert als: Michael 1923).

13 Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern, München 1929 (weiter- hin zitiert als: Michael 1929).

14 Aus meinem Tagebuch, 1923, BA Koblenz, NL 118/126.

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Die Tagebücher des Joseph Goebbels 5

sporadisch geschriebenen, nicht überlieferten Tagebuch aus seiner Schülerzeit, begann Goebbels das Tagebuchschreiben im Herbst 1923. Er halte die Qual nicht mehr aus. »Ich muß mir die Bitterkeit vom Herzen schreiben. Else schenkt mir ein Buch für den täglichen Gebrauch. Am 17. Oktober beginne ich also mein Tagebuch.«'® Goebbels beendete mit diesen Worten die sogenannten Erinne- rungsblätter, die er im Juli/ August 1924 zu Papier brachte. Im Tele- grammstil hielt er darin Herkunft, Kindheit, Schul- und Studien- jahre fest, aber auch die quälende Zeit der Arbeitslosigkeit nach der Promotion im Herbst 1921, die mit der Beschäftigung bei einer Köl- ner Filiale der Dresdner Bank zu Beginn des Jahres 1923für gut acht Monate unterbrochen wurde. Diese Notizen, in denen er sich eben- falls über seine Liebesbeziehung zunächst zu der Recklinghausener Studentin Anka Stalherm, dann zu Else Janke ausließ, dienen gleichsam als Vorspann zu den eigentlichen Tagebüchern, die Goebbels von jenem 17. Oktober 1923 an sein ganzes weiteres Le- ben führen sollte. Die letzte Eintragung schrieb der Reichskanzler Joseph Goebbels am Nachmittag des 1. Mai 1945, wenige Stunden, bevor er gemeinsam mit seiner Familie Hitler in den Tod folgte.'® Die erste nicht überlieferte Tagebuch-Kladde in Din-A4-Format reicht bis Ende Juni 1924, die zweite bis zum 9. Juni 1925.'’ Es folgt das sogenannte Elberfelder Tagebuch, deren erhaltene Teile den Zeitraum vom 12. August 1925 bis zum 30. Oktober 1926 abdecken. Mit Ausnahme des Tagebuchs vom 8. November 1926 bis zum 1. Juli 1928 umfassen die drei darauffolgenden Kladden Zeitspannen von jeweils gut einem Jahr. Seit 1932 führten die verbesserten Lebens- verhältnisse und die wechselnden Wohnsitze dann dazu, daß Goeb- bels parallel Tagebuch schrieb. Neben dem Tagebuch zu Hause legte Goebbels am 22. Mai 1932 ein Tagebuch für Ferien und Reise an, am 6. April 1935 ein Tagebuch Schwanenwerder und am 29.Ok-

15 Erinnerungsblätter, Von September bis Oktober 1923 in Rheydt und Cöln.

16 Reuth, Goebbels, S. 613.

17 Zum Umfang der Überlieferung im einzelnen vgl.: Die Tagebücher des Jo- seph Goebbels. Sämtliche Fragmente, hrsg. von Elke Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und in Verbindung mit dem Bundesarchiv, Teil I, Aufzeichnungen 1924 bis 1941, München/New York 1987 (weiterhin zitiert als: TGB IfZ), Bd.1, S.XXIIff.

6 Die Tagebücher des Joseph Goebbels

tober desselben Jahres ein Tagebuch mit der Deckblatt-Bezeich- nung Haus am Bogensee. Die systematische Trennung der Tagebü- cher geriet jedoch bald durcheinander. So scheint es, daß das Ferien- und Reisetagebuch spätestens in der zweiten Hälfte 1935 zu dem normalen Tagebuch mit etwa fünfzehn Eintragungen im Monat wurde. Seit 1937 nahm Goebbels’ Schreibintensität zu und steigerte sich mit Kriegsbeginn nochmals.

Von Sommer 1941 an wandelte sich der Charakter der Tagebü- cher. Die Eintragungen begannen fortan mit dem militärischen La- gebericht, den ein Verbindungsoffizier zum OKW vortrug. Ihnen schloß sich der eigentliche Teil des Tagebuchs an. Diesen diktierte Goebbels regelmäßig am Vormittag vor der um elf Uhr begin- nenden Ministerkonferenz. Beide Vorträge wurden von dem Steno- graphen Otte auf einer Continental-Schreibmaschine mit übergro- ßen Drucktypen, sogenannten »Führer-Typen«, übertragen.'® Bis Ende 1944/ Anfang 1945 existierten von den Tagebüchern drei Fas- sungen: die insgesamt 22 Kladden des handschriftlichen Tagebuchs, die bis dahin in den Tresoren der Reichsbank lagerten, und die Erst- und Zweitschrift des maschinenschriftlichen Tagebuchs. Die Leitz- Ordner mit je etwa fünfhundert Blatt wurden in einem gesonderten Raum des Ministeriums aufbewahrt (jeweils hundert Ordner pro Fassung).

In dieser gewaltigen Menge Papier passiert das Leben eines Man- nes Revue, der in den Stürmen jener dramatischen Zeit zu den Na- tionalsozialisten und zu Hitler fand. Die Aufzeichnungen werden damit zu einem Dokument, das nicht nur Gedankenwelt und politi- schen Weg des Joseph Goebbels offenlegt. Da dieser wie die mei- sten seiner Generation reagierte, freilich entsprechend dem de- struktiven Zug seiner Person heftiger, überspitzter, vermittelt das Tagebuch bei all der eitlen Selbstbespiegelung und autosuggestiven Lügenhaftigkeit des Autors so auch den Zugang zum Geist seiner Zeit, zum Verstehen, weshalb viele Sozial-Deklassierte, von den Nachkriegsereignissen aus der Bahn Geworfene und vom Weimarer System Enttäuschte den Weg zu Hitler gingen.

Die Aufzeichnungen des Joseph Goebbels sind freilich auch aus

18 Vorwort zu TGB IfZ, S.LIX.

Die Tagebücher des Joseph Goebbels 7

anderen Gründen eine historische Quelle ersten Ranges. Sie geben nicht nur Einblick in die Anfänge des Propagandisten Goebbels, sondern auch in die des Nationalsozialismus in Nordwestdeutsch- land, den Aufstieg der NSDAP in Berlin von den Saalschlachten der endenden zwanziger bis hin zu den Massenaufmärschen und Groß- kundgebungen der beginnenden dreißiger Jahre, aber auch von den Macht- und Flügelkämpfen in der Partei. Dem Leser wird der Blick freigegeben auf die Phase der Machtübernahme und auf die Konso- lidierung dieser Macht, von dessen Zentrum sich Goebbels zuneh- mend entfernte. Das Private, teils sorgsam zwischen den Zeilen ver- steckt und für den Leser kaum erkennbar, wie die Notizen über die Affäre des Propagandaministers mit der Filmschauspielerin Lida Baarova, oder teils offen hingeschrieben, wie im Falle seiner nicht enden wollenden Ehekrise, drängt nun die politischen Ereignisse mitunter in den Hintergrund. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, als bald an die Stelle der geplanten Abfolge von Blitzkriegen und Sie- gen ein kräfteverschleißender Abnutzungskampf tritt und Propa- ganda und Propagandaminister ihre Bedeutung zurückgewinnen, erlangen auch die Tagebücher ihren hohen Stellenwert als Ge- schichtsquelle zurück. Der Leser wird jetzt vor allem mit jener gi- gantischen Kampagne des Versuchs der kollektiven Überwindung der Vernunft konfrontiert, deren Höhepunkt Goebbels’ Rede zum »totalen Kriege« im Berliner Sportpalast im Februar 1943 darstellt. Da der Reichsminister ins Zentrum der Macht drängt, enthalten seine Ausführungen nun immer häufiger die Lageeinschätzungen »seines Führers«. Mit dem nahenden Ende spiegelt das Tagebuch beider Männer Flucht in die Irrationalität, ineinen Glauben, der das »Wunder des Unmöglichen« möglich machen sollte, so wie er es schon einmal mit ihrem Aufstieg zur Macht Wirklichkeit werden ließ. Insbesondere jene Aspekte der Tagebücher verdeutlichen das eigentliche, das häufig vernachlässigte Wesen des Nationalsozialis- mus als »politische Religion«, als vermeintliche »Antwort der Seele« auf eine scheinbar vom Materialismus beherrschte und ver- derbt geglaubte Welt, der Oswald Spengler schon vor dem Ersten Weltkrieg ihren Untergang prophezeit hatte.

Um den Versuch der Rettung des Abendlandes, als den Goebbels den Nationalsozialismus begriff, über die Zeiten hinweg zu doku- mentieren, begann er im November 1944, verschiedene Maßnah-

8 Die Tagebücher des Joseph Goebbels

men einzuleiten. Zunächst erhielt der Stenograph Otte den Auf- trag, die handschriftlichen Kladden zu transkribieren, was mit 600-800 Seiten aus der Zeit von Juli bis Oktober 1941 geschah.” Bald darauf ordnete Goebbels an, die maschinenschriftlichen Tage- bücher zu kopieren.?? Er bestellte eine sogenannte Goebel-Planfilm- Kamera, mit der zwei Fotolaborantinnen in der Künstlergarderobe des Privattheaters in Goebbels’ Wohnung in der Hermann-Göring- Straße sämtliche bis dahin vorliegende Tagebücher mikrofichierten. Die Negativ-Glasplatten hatten ein Format von 14,5 x 10,5 cm mit jeweils maximal 45 Tagebuch-Seiten pro Platte. Die fast tausend Glasplatten sollen - wie Otte nach Kriegsende berichtete- voneinem Offizier in der Nähe Potsdams, zwischen Caputh und Michendorf, unweit der Reichsautobahn, vergraben worden sein. Im Verlaufe des Umzuges von Goebbels und seiner Familie in den Bunker unter der Reichskanzlei am 22. April 1945 wurden dann die Orginalklad- den des handschriftlichen und die Orginalfassung des maschinen- schriftlichen Tagebuchs in Aluminiumkisten verpackt und dorthin transportiert. Die noch im Propagandaministerium befindliche Durchschrift der maschinenschriftlichen Tagebücher sollte Otte vernichten. Dem Stenographen lag jedoch die Rettung des eigenen Lebens näher. Er setzte sich ab, noch ehe er seinen Auftrag erfüllt hatte, so daß weite Teile der Durchschrift einfach liegenblieben. Nachdem wenige Tage darauf die Kämpfe beendet und die ver- kohlten Leichen von Joseph und Magda Goebbels vor einem Aus- gang des Führerbunkers gefunden worden waren, stießen sowjeti- sche Sondertrupps bei der Sichtung des Regierungsviertels auf die Goebbels-Tagebücher. Im allgemeinen Chaos konnte freilich von einer wissenschaftlichen Erfassung der Funde keine Rede sein. Wie tatsächlich vorgegangen wurde, darüber berichtet die Historikerin Jelena Rshewskaja, die in Goebbels’ Zimmer im Führerbunker ne- ben anderen Materialien die Tagebücher fand.?' Da es sich als be- schwerlich herausgestellt habe, in dem Bunker zu arbeiten, habe man die Sortierung in den Saal der Reichskanzlei verlegt. Dorthin

19 Ebda.,S.LX.

20 Vgl. dazu das Nachwort zu: Joseph Goebbels. Tagebücher 1945. Die letzten Aufzeichnungen, Bergisch Gladbach 1980, S. 547.

21 Rshewskaja, Jelena, Hitlers Ende ohne Mythos, Ost-Berlin 1967, S. 28.

Die Tagebücher des Joseph Goebbels 9

hätten sowjetische »Aufklärer« die in Säcken zusammengesammel- ten losen Schriftstücke geschleppt und sie auf den Prunkboden ge- schüttet. Auch aus dem Propagandaministerium hätten die Sowjets Durchschriften zusammengetragen, die später wenig sorgfältig ver- filmt wurden.

Im November 1945 fand der amerikanische Offizier und spätere Vizekonsul W. Montenegro dicht am Führerbunker zwei von der Erde und vom Wetter feuchte Büchlein.” Bei einem der beiden han- delte es sich um das sogenannte Elberfelder Tagebuch von 1925/26, das 1947 zur Hoover Institution nach Stanford gelangte.?? Auf Frag- mente des Goebbels-Tagebuchs stießen jedoch auch andere. Der Berliner Altpapier-Händler Robert Breyer hatte in einem Papier- haufen etwa siebentausend Blatt, wegen ihrer besonderen Papier- qualität auffällige, Goebbels-Tagebücher aus den Jahren 1942/43 entdeckt.”* Für einige Stangen Zigaretten gab er diese wohl aus dem Bestand der im Propagandaministerium befindlichen Durchschrif- ten schließlich einem amerikanischen CIC-Offizier. Von diesem ge- langten sie auf Umwegen in die Hände des Journalisten Louis P. Lochner, der sie 1948 herausgab.” Ein CIC-Agent namens Eric C. Mohr fand ein 591 Seiten umfassendes maschinenschriftliches Tage- buch-Fragment, das er 1947 der amerikanischen Regierung über- gab. Das dritte in amerikanische Hände geratene Fragment wurde nach 1972 im Washingtoner Nationalarchiv wiederentdeckt. Schon im Jahr 1961 hatte die kurz nach Kriegsende im Führerbun- ker zu Aufräumungsarbeiten verpflichtete Frau Else Goldschwamm dem Institut für Zeitgeschichte (I£Z) ein Bündel mit fünfhundert Blatt Goebbels-Tagebüchern aus den Jahren 1942, 1943 und 1944 überlassen. Ihren Angaben zufolge hatte sie es aus einer Alumi- niumkiste entnommen.?”

22 Vorwort zu TGB IfZ, S.LXVII.

23 Das Elberfelder Tagebuch wurde 1960 von Helmut Heiber herausgegeben (Tagebuch von Joseph Goebbels 1925/26, mit weiteren Dokumenten hrsg. von Helmut Heiber, Stuttgart 1960).

24 Vorwort zu TGB IfZ, S. LXVIIIf.

25 Goebbels Tagebücher aus den Jahren 1942-43. Mit anderen Dokumenten hrsg. von LouisP. Lochner, Zürich 1948.

26 Vorwort zu TGB IfZ, S.LXIXf.

27 Ebda., S. LXIIIE.

10 Die Tagebücher des Joseph Goebbels

Im Oktober 1972 sollte es dann zur Sensation kommen. Erwin Fischer, ein westdeutscher Journalist und Buchautor, reiste mit 6600 Blatt Fotokopien maschinenschriftlicher Goebbels-Tagebü- cher und im darauffolgenden Jahr noch einmal mit 37 Mikrofilmen und Mikrofiches mit handschriftlichen Tagebuch-Eintragungen aus den Jahren 1924 bis 1945 von der DDR in die Bundesrepublik. Es handelte sich um Kopien aus jenen Beständen, die die Sowjets im Jahr 1945 im Propagandaministerium und im Führerbunker gefun- den und als Kriegsbeute in die Sowjetunion verbracht hatten.”

Über die Herkunft der Tagebücher berichtete Fischer der west- lichen Öffentlichkeit Bemerkenswertes: Im Jahr 1969 habe er von einem Mitglied des sowjetischen Schriftstellerverbandes erfahren, daß sich dieses gegenwärtig mit der Archivierung von Goebbels- Tagebüchern beschäftige. »Ich suchte nun also einen Weg, die karge Information zurealisieren. Das begann durch ganz normale Briefe an die russischen Botschaften in Bonn, Berlin, DDR. Das begann mit Nachfragen in Archiven. Im Verlaufe dieser Recherchen verdichtete sich immer mehr der Verdacht, daß es ein gewaltiges Konvolut von Tagebüchern geben muß, vermutlicher Aufbewahrungsort Moskau oder Ost-Berlin. Also versuchte ich herauszufinden, wer ist zu- ständig in Moskau, wer ist zuständig in Ost-Berlin. Es kamen dann Hinweise, die mich nach Bratislava geführt haben, in die Tschecho- slowakei. Es gab auch einen weiteren Hinweis dann, ein Staats- archivdirektor in Budapest arbeitet mit Goebbels-Tagebüchern. Ich bin auch dort hingeflogen |. ...] wieder gings nach Moskau zurück, zu den Archivleuten. Aber schließlich nach zweieinhalb Jahren, stand doch fest, daß das Konvolut als Kriegsbeute der Roten Armee 1945 von Berlin aus in die Sowjetunion verbracht war.«?° Schließlich habe er, Fischer, durch seine Intervention von den östlichen Stellen die Genehmigung für eine Veröffentlichung im Westen erhalten.?®

Der frühere Leiter des Dokumentationszentrums der staatlichen

28 Vgl. dazu den zusammenfassenden Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19.11.1988.

29 Sein deutsches Volk formieren. Goebbels: Ein Porträt nach den Tagebü- chern. Feature von Manfred Franke. Gesendet vom Deutschlandfunk am 23.2.1988.

30 Ebda.

Die Tagebücher des Joseph Goebbels 11

Archivverwaltung der einstigen DDR, Ludwig Nestler, plauderte gegenüber der Herausgeberin der Goebbels-Tagebuch-Dokumen- tation des IfZ, Elke Fröhlich, hingegen aus, daß die Kopien der Kopien der Goebbels-Tagebücher um 1970 von einem hochgestell- ten sowjetischen Gast anläßlich eines Besuches in der DDR als Gastgeschenk mitgebracht worden seien.?! Nestler verwies damit Fischers Tagebuch-Odyssee in den Bereich der Legende - freilich einer Legende, mit der Fischers Rolle als »Strohmann« Ost-Berlins gegenüber der westdeutschen Öffentlichkeit verschleiert werden sollte.

Über die Motive Ost-Berlins, die aus der Sowjetunion stammen- den Tagebuch-Kopien in der Bundesrepublik herausgeben zu las- sen, kann nur spekuliert werden. Wenngleich Fischer behauptete, er habe sich bei seinem Ehrenwort und Ansehen als Schriftsteller in Ost-Berlin verpflichten müssen, dafür zu garantieren, daß weder »die Naziwelle angeheizt wird, noch eine finanzielle Spekulations- welle ausgelöst wird«,?? dürfte die dortige Intention genau die ge- genteilige gewesen sein. Abgesehen davon, daß es ohnehin der im kommunistischen Teil Deutschlands damals praktizierten Vergan- genheitsbewältigung entsprach, den düsteren Teil der gemeinsamen Geschichte den Westdeutschen zu überlassen, ging es der DDR of- fenbar vorrangig um Devisen. Außerdem ist nicht ganz auszuschlie- Ben, daß der Tagebuch-Transfer in Ost-Berlin im Zusammenhang mit den soeben in bundesdeutsche Länderparlamente einziehenden Nationaldemokraten gesehen wurde.

Wie dem auch sei, schon wenige Tage nach dem Transfer unter- schrieben Fischer und der damalige Leiter des Verlages Hoffmann und Campe, Knaus, einen »vorläufigen Vertrag«, in dem vereinbart wurde, daß Fischer die als »gemeinfrei« erachteten Tagebücher zur Veröffentlichung unter seiner Herausgeberschaft dem Hamburger Unternehmen zur Verfügung stelle.”” Während sich das Verlags- haus an die aufwendige Transkription der Texte machte, trat ein Mann auf den Plan, mit dem niemand gerechnet hatte: Francois

31 Vorwort zu TGB IfZ, S.LXIV.

32 Siehe oben Anm. 29.

33 Vorläufiger Vertrag zwischen dem Hoffmann und Campe Verlag und Herrn Erwin Fischer, Steingaden, den 10. Oktober 1972, Archiv Reuth.

12 Die Tagebücher des Joseph Goebbels

Genoud. Der Schweizer, der in jungen Jahren dem Frontismus, der Schweizer Spielart des Faschismus, zugetan gewesen sein soll und auch nach 1945 keinen Hehl aus seiner Sympathie für den National- sozialismus machte,” beanspruchte die Verwertungsrechte an den Tagebuch-Kopien, die Fischer Hoffmann und Campe zur Verfü- gung gestellt hatte. Wie Genoud belegen konnte, hatte er im August 1955 Gebühren entrichtet. Sie entstanden beim Verkauf von Ver- mögenswerten des früheren Propagandaministers, die nach dem Urteil der Spruchkammer Berlin beschlagnahmt worden waren und die weder die Berliner Treuhandstelle für NSDAP-Vermögen noch eine andere Behörde hatte übernehmen wollen. Der vom Amts- gericht Zehlendorf am 21. September 1954 eingesetzte Nachlaß- pfleger, Rechtsanwalt Leyke, übertrug dafür Genoud im darauffol- gendem Jahr »alle urheberrechtlichen Verwertungsrechte an dem gesamten literarischen Nachlaß des Dr. Joseph Goebbels, gleich- viel, ob es sich schon um veröffentlichte oder bisher unveröffent- lichte Werke handelt, ohne jede Einschränkung«.°®

Von seinen in Berlin erworbenen Rechten machte Genoud noch im selben Jahr Gebrauch, als der Kölner Verlag »Wort und Werk« in niederrheinischen Kirchenkreisen aufgetauchte Aufsätze, lite- rarische Versuche, Zeugnisse, Briefe und sonstige private Unter- lagen, jedoch keine Tagebücher, aus Goebbels’ frühen Jahren (1915-1924) veröffentlichen wollte. Genoud verlor einen Prozeß vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Auf seine Revision beim Bundesgerichtshof hin verwies dieser das Verfahren an das Ober- landesgericht Köln, das Genoud im Jahr 1964 die urheberrecht- lichen Verwertungsrechte an den frühen Goebbels-Papieren be- stätigte.”*

Diese Rechtslage überzeugte Hoffmann und Campe davon, daß Genouds urheberrechtliches Verwertungsrecht auch bei der Her- ausgabe der Tagebücher nicht zu umgehen sei. Als im Herbst 1977

34 Zu Genoud siehe insbesondere den Bericht von Frank Garbely in der Züri- cher Weltwoche vom 20.2.1986.

35 Vertrag zwischen den unbekannten Goebbels-Erben, vertreten durch Kurt Leyke, und Frangois Genoud, Berlin, den 23. August 1955, Archiv Reuth.

36 BGH-Urteil vom 21.12.1960 (AZ VIII ZR 145/59); Urteil des OLG Köln vom 30.11.1964 (AZ 5 U 150/56 und 5/61).

Die Tagebücher des Joseph Goebbels 13

bei Hoffmann und Campe ein Band mit Tagebüchern aus dem Jahr 1945 erschien, war die Operation Ost-Berlins gescheitert, denn Fi- scher war »ausgebootet« worden. Neben dem Hamburger Verlag und Genoud, die inzwischen einen Vertrag abgeschlossen hatten, gehörte nun die inzwischen ermittelte Goebbels-Erbin, Maria Kimmich, die Schwester des einstigen Propagandaministers, zu den Verdienern an dem gutverkauften Buch. ?’

Der mit den Schadensersatzforderungen Fischers belastete Ham- burger Verlag sah nun ein, daß die Herausgabe sämtlicher Tage- buch-Fragmente, insbesondere wegen der schwierigen Transkrip- tion der handschriftlichen Texte, verlegerisch kaum noch lukrativ wäre. Er verkaufte daher das umfangreiche Material samt einer kompletten, jedoch äußerst mangelhaften Transkription an das Bundesarchiv und an das IfZ zu einem Preis von 72997 DM, der von den Käufern je zur Hälfte bezahlt wurde.?® Unberücksichtigt blieb in dem am 13. August 1980 unterzeichneten Vertrag zwischen Bundesarchiv/IfZ und Hoffmann und Campe die letztinstanzlich vom Hanseatischen Oberlandesgericht festgestellte Rechtsver- bindlichkeit des Vertrags zwischen Fischer und Hoffmann und Campe.

Mit dem Erwerb der Tagebücher sahen sich Bundesarchiv und IfZ, gegen die Fischer vergeblich auf Herausgabe der Papiere geklagt hatte, den urheberrechtlichen Verwertungsansprüchen Ge- nouds ausgesetzt. Eine von ihnen beauftragte Münchener Anwalts- kanzlei entgegnete der Klage des Schweizers, daß eine rechtswirk- same Übertragung der Urhebernutzungsrechte zum Zeitpunkt des Berliner Rechtsgeschäftes vom August 1955 sowohl der Regelung des Militärregierungsgesetzes sowie der Entnazifizierungsgesetz- gebung im Wege gestanden habe. Danach seien - so die Münchener Anwälte -, sofern nicht die Militärregierung ihre Ermächtigung ausdrücklich erteilt habe, alle Verfügungs- und Verpflichtungsge-

37 Vgl. dazu die Frank furter Allgemeine Zeitung vom 19.11.1988.

38 Vertrag zwischen Hoffmann und Campe Verlag einerseits und Bundesre- publik Deutschland und IfZ andererseits vom 13. August 1980, Archiv Reuth.

39 Urteil des Hanseatischen Oberlandesgerichts vom 18. Oktober 1988 (AZ 3 U 155/87 - 74 O 130/87), Archiv Reuth.

14 Die Tagebücher des Joseph Goebbels

schäfte über beschlagnahmtes NS-Vermögen unzulässig und verbo- ten.*

Im gleichen Zusammenhang wurde von anderer Stelle darauf ver- wiesen, daß Goebbels zu Lebzeiten seine Tagebücher dem Münche- ner Franz Eher-Verlag, dem Zentralverlag der NSDAP, verkauft hatte.*! Die Konsequenz daraus wäre gewesen, daß der Bayerische Staat die Verfügungsgewalt über die Tagebücher erhalten hätte; denn der Eher-Verlag, der die meisten Goebbels-Schriften veröf- fentlichte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom Bayerischen Staat per Gesetz übernommen, um eine mißbräuchliche Verwen- dung von nationalsozialistischem Propagandamaterial kraft Urhe- berrecht zu verhindern.

Genoud und Bundesarchiv/Institut für Zeitgeschichte suchten schließlich auf Rat des Landgerichts München den Vergleich. Mit der am 10. September 1985 unterschriebenen Vereinbarung, der zufolge IfZ und Bundesarchiv sich gemäß ihrer »satzungsrecht- lichen und gesetzlichen Aufgabenbindung auf die wissenschaftliche Erforschung des Materials und seiner Darstellung« beschränken und die kommerzielle Verwertung des Materials dagegen Genoud vorbehalten bleibt, hatten beide Seiten ihr Ziel erreicht.* Gleich- zeitig war mit dem Vergleich der Bundes- beziehungsweise Landes- einrichtung mit dem Schweizer de facto ein Rechtsrahmen für die künftige Behandlung der Urheberrechtsproblematik im Zusam- menhang mit den Goebbels-Tagebüchern vorgegeben.*

40 Dr. jur. Georg Romatka/Dr. jur. Ursula Romatka an das Landgericht I Mün- chen, 7. Zivilikammer, München, den 16.4.1984, Archiv Reuth.

41 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.11.1988.

42 Vereinbarung zwischen IfZ/Bundesrepublik Deutschland (BA) und Fran- cois Genoud vom 10.9.1985, Archiv Reuth; siehe dazu auch die Begründung des früheren IfZ-Direktors Broszat, weshalb IfZ/BA die Vereinbarung mit Genoud eingingen. Das auf einer Pressekonferenz am 27.8.1987 verteilte Pa- pier trägt die Überschrift: Martin Broszat: Die rechtliche Auseinandersetzung mit Francois Genoud.

43 Die Palette derjenigen, die sich an diese Vorgaben hielten, reicht vom Spiegel bis zum Siedler-Verlag; sie gelten auch für die vorliegende Edition des Piper Verlags. Es existiert bislang lediglich eine Ankündigung des Berliner FU- Professors Bernd Sösemann, er werde sich nicht um Genouds Rechte küm- mern. Siehe unten S. 16.

Die Tagebücher des Joseph Goebbels 15

Im Herbst 1987 - zur gleichen Zeit erschienen die ersten vier Bände der Goebbels-Tagebuch-Dokumentation des IfZ - gelang es dem Münchener Institut, mit der Staatlichen Archivverwaltung der DDR einen Vertrag über inzwischen aufgetauchte Tagebuch-Frag- mente des Jahres 1944 abzuschließen.** Ludwig Nestler machte zur Herkunft derselben folgende Angaben: Angeregt durch das vorge- nannte sowjetische Filmrollen-Geschenk, habe man 1969 in der DDR weitere Nachforschungen auf dem gesperrten Gelände der Reichskanzlei veranlaßt. Dabei seien neun Aluminiumkisten mit Tagebüchern gefunden worden. Der Inhalt, jahrzehntelang der Feuchtigkeit ausgesetzt, habe sich allerdings in einem deplorablen Zustand befunden. Immerhin sei klar erkennbar gewesen: eine der Kisten sei mit handschriftlichen Kladden von Goebbels gefüllt ge- wesen, deren ursprünglich mit Tinte beschriebene Blätter fast gänz- lich ausgelaufen und unleserlich geworden waren. Die acht anderen Kisten hätten Original-Fragmente der maschinenschriftlichen, je- dochdurch Feuchtigkeit und andere Ursachen hochgradigzerstörten Tagebücher enthalten. Es habe sich um Tagebücher verschiedener Jahre gehandelt, von denen die Sowjetsirrtümlichgeglaubthätten, es seien Doubletten, und sie deshalb zurückgelassen hätten.*®

Es sollte jedoch nicht zur Übergabe der bereits vom IfZ in Ost- Berlin verfilmten Kopien des Tagebuch-Jahrgangs 1944 an das Münchener Institut kommen. Statt dessen trat wiederum Fischer auf den Plan. Er versuchte, in der Bundesrepublik empörte Öffent- lichkeit ob des Vergleichs zwischen Bundesarchiv/lfZ und dem Goebbels-Verehrer Genoud zu schaffen. Dies tat Fischer, indem er mit bislang im Westen unbekannten Goebbels-Tagebuch-Fragmen- ten hausieren ging und dabei von einem in seinem Besitz befindli- chen Konvolut von etwa viertausend Blatt sprach, darunter der gesamte Jahrgang 1944, aber auch Teile von 1938 und 1934.“ In Redaktionsstuben erzählte der interessant gewordene Fischer Jour- nalisten nun nicht mehr nur seine unglaublich klingende Ge-

44 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.11.1988.

45 Vorwort zu TGB IfZ, S. LXXIIf.

46 Briefe Fischers an die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 5.11.1987, an den Verleger Wolf Jobst Siedler vom 20.Januar 1988 und an andere, sämtliche im Archiv Reuth.

16 Die Tagebücher des Joseph Goebbels

schichte, wie er die Tagebücher aufgestöbert habe, sondern stellte sich als das Opfer des damaligen Leiters des IfZ, Broszat, dessen Ehefrau Elke Fröhlich und deren »Komplizen« Genoud dar.*” Fischer blieb dabei der Erfolg nicht versagt. Selbst Politiker befaßten sich nun mit dem Vergleich zwischen IfZ/Bundesarchiv und Ge- noud. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Jürgen Vahlberg richtete am 14. Januar 1988 sogar eine Anfrage an den Bundesinnenmini- ster.*?

Während sich Bundesarchiv und IfZ, die zunehmend unter Druck geraten waren, vergeblich um die Goebbels-Tagebücher bemühten, kam es im Herbst 1988 in West-Berlin »eher zufällig« - wie Karl- Heinz Janßen in dem Wochenblatt Die Zeit berichtete - zu einer Begegnung zwischen Fischer und einem der vier Leiter des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissen- schaften an der Freien Universität (FU) Berlin, Bernd Sösemann.” Das Ergebnis dieser Kontaktaufnahme, der sich Gespräche in Ost- Berlin anschlossen, wurde Anfang November 1989 auf einer Presse- Konferenz präsentiert, an der neben Fischer und Sösemann auch der damalige Präsident der FU, Dieter Heckelmann, teilnahm. Ange- kündigt wurde das auf einer privatrechtlichen Abmachung zwischen dem »Strohmann« Ost-Berlins und Sösemann basierende, die urhe- berrechtlichen Ansprüche Genouds qua Vorankündigung in den Wind schlagende Forschungsprojekt »Beiträge zur Restituierung der Goebbels-Aufzeichnungen«. ° Restituiert werden sollte »auch das gesamte Jahr 1944«. Neben der Sammlung und Prüfung des Ma- terials, der Erstellung eines textkritischen Apparates sollte Fischer einen ausführlichen Einleitungsteil schreiben und damit die Über- lieferungsgeschichte »erhellen«.

Beim Münchener Institut für Zeitgeschichte reagierte man auf die Berliner Gegen-Edition - es hatte keinerlei Kontakte zwischen und IfZ gegeben - mit Empörung. In einer Stellungnahme des sei- nerzeitigen kommissarischen Leiters, Ludolf Herbst, heißt es, jetzt

47 Zahlreiche Unterlagen hierzu befinden sich im Archiv des Herausgebers.

48 Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Jürgen Vahlberg vom 14.1.1988 (Mo- nat Januar 1988, Arbeits-Nrn. 106 und 107), Archiv Reuth.

49 Die Zeitvom 2.3.1990.

50 Pressemitteilung Heckelmanns und Sösemanns vom 2.11.1989.

Die Tagebücher des Joseph Goebbels 17

hätte sich die östliche Seite offenbar einen neuen Partner im Westen gesucht, der sich gegen das Koblenzer Bundesarchiv und das IfZ ausspielen lasse. Dies sei ein trauriges Zeichen für die Koope- rationsbereitschaft und Kollegialität unter Historikern. Ebenso erstaunlich sei es, daß eine überwiegend aus Bundesmitteln finan- zierte Einrichtung wie die gegen das ebenfalls aus Bundesmit- teln finanzierte Bundesarchiv und das IfZ tätig werde.°!

Auf Presseberichte, die Zusammenhänge aufzeigten, die eine na- heliegende Beteiligung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) nicht ausschließen wollten, reagierte Sösemann mit einer durch po- litische Beziehungen gestützten Kampagne.” In der Zeit verbreitete Karl-Heinz Janßen flankierend die Geschichte des »behaglich seine Pfeife schmauchend(en)«, findigen Journalisten und Schriftstellers Fischer.5? Die Studenten am Institut der Freien Universität fragten hingegen kritisch, was es wohl zu bedeuten habe, wenn Sösemann sage, »als Wissenschaftler arbeite ich mit jedem zusammen«.°* Der ließ wiederum verlauten, »weder er noch das Material seien bei der Stasi-Institution gewesen«. Dies habe er auch der Berliner Wissen- schaftssenatorin Riedmüller auf eine entsprechende Anfrage versi- chert. Fischer sei ebenfalls bereit, eidesstattlich zu erklären, daß er »während seiner nunmehr 20jährigen Recherche nach den Goeb- bels-Tagebüchern niemals Berührung mit dem DDR-Staatssicher- heitsdienst« gehabt habe.’

Diese Behauptungen wären wohl nie angezweifelt worden, wäre nicht wenige Tage nach der Pressekonferenz Sösemanns, Fischers und Heckelmanns die Mauer gefallen. Wochen darauf, am 15. Ja- nuar 1990, wurde der Gebäudekomplex der Staatssicherheit an der Ost-Berliner Normannenstraße gestürmt. Am 30. Januar tagte erst- mals das Bürgerkomitee zur Auflösung des MfS. Da sich in dem Areal des Ministeriums mehrere zehntausend laufende Mcter Ak- ten befanden, waren die Leiterin des einstigen Staatsarchivs der

51 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.11.1989.

52 Siehe dazu die Briefe Sösemanns im Archiv Reuth.

53 Die Zeit vom 2.3.1990.

54 Lankwitz Telegraph. Studentisches Mitteilungsblatt am Fachbereich Kommu- nikationswissenschaften der Freien Universität, Nr.28, 11.12.1989, S. 2.

55 Berliner Morgenpost vom 4.2.1990.

18 Die Tagebücher des Joseph Goebbels

DDR in Potsdam, Brachmann-Teubner, sowie der Direktor der Staatlichen Archivverwaltung der DDR, Herzog, zu Rate gezogen worden. Wie Frau Brachmann-Teubner berichtete, seien in den Stasi-Beständen neben Akten des Reichskirchenministeriums, des Volksgerichtshofes auch die Goebbels-Tagebücher des Jahres 1944 sowie weitere Tagebuch-Fragmente aus anderen Jahren aufgefun- den worden. Der Leiter der Staatlichen Archivverwaltung der DDR, Nestler, der nach dem Fall der SED-Diktatur den Kontrakt mit dem IfZ erfüllte, ergänzte dazu, daß die betreffenden Goebbels- Tagebücher kurz nach dem Vertragsabschluß mit dem IfZ im Herbst 1987 auf Anordnung hoher DDR-Stellen dem MfS zur wei- teren Verwendung überstellt worden seien, er glaube sogar der Hauptverwaltung Aufklärung.” Dies legt folgende Vermutung nahe: Sösemanns Gegen-Edition wurde von einer für die Bundes- republik zuständigen Stelle des einstigen DDR-Staatssicherheits- dienstes eingefädelt, um IfZ und Bundesarchiv zu blamieren und zu diskreditieren.

Eine weitere Etappe der unendlich erscheinenden Überliefe- rungsgeschichte der Goebbels-Tagebücher begann im Jahr 1992. Die Sunday Times und Der Spiegel veröffentlichten im Juli bislang unbekannte Goebbels-Tagebücher aus verschiedenen Jahren, die der britische Historiker David Irving aus dem Staatlichen Sonder- archiv der Russischen Föderation beschafft hatte. Es handelte sich unter anderem um Auszüge aus jenen verloren geglaubten etwa 1600 Glasplatten-Mikrofiches, die der Goebbels-Stenograph Otte seit Herbst 1944 auf Anordnung seines Chefs angefertigt hatte.

Bereits im März 1992 war Elke Fröhlich bei einer ihr ermöglich- ten Sichtung der sowjetischen Goebbels-Tagebücher-Bestände auf die Glasplatten gestoßen, mit denen die Moskauer Archivare nichts anzufangen gewußt hatten. Die sogleich aufgenommenen Verhand- lungen zwischen der Leitung des IfZ und dem Komitee für Archiv- angelegenheiten der Regierung der Russischen Föderation wurden mit einem Vertrag über die wissenschaftliche Nutzung durch das

56 Mitteilung von Frau Brachmann-Teubner vom 28.5.1990, Archiv Reuth; dies schrieb auch Berthold Seewald in dem bisher wohl treffendsten Bericht über den deutsch-deutschen Tagebuch-Transfer, Die Welt vom 26.7.1990.

57 Mitteilung von Herrn Nestler vom 25.März 1990.

Die Tagebücher des Joseph Goebbels 19

Münchener Institut abgeschlossen. Die russische Archivverwaltung gestattete diesem zufolge dem IfZ, sämtliche Tagebuch-Texte zu kopieren und im Rahmen der von IfZ und Bundesarchiv gemeinsam herausgegebenen Tagebuch-Dokumentation zu veröffentlichen.

Der Kontrakt dürfte Sösemanns inzwischen inaugurierten Ge- samt-Editions-Plänen die Grundlage entzogen haben. Denn Mos- kau sicherte den Münchnern vertraglich zu, daß es bis zum Erschei- nen der Edition keiner weiteren juristischen oder natürlichen Person das Recht einräumt, die in dem Archiv vorhandenen Über- lieferungen der Tagebücher von Joseph Goebbels in vollem Umfang zu kopieren und zu verbreiten. Der enttäuschte Sösemann reagierte darauf mit heftigen Attacken gegen Elke Fröhlich, der er vorwarf, die von ihr herausgegebene Tagebuch-Dokumentation sei ein »miß- lungener Versuch«.

Solche Angriffe vermögen nichts daran zu ändern, daß das ge- samte verfügbare Material nunmehr vom IfZ herausgegeben wer- den wird und ein Ende der über Jahrzehnte hinweg andauernden Auseinandersetzung um die Goebbels-Tagebücher in Sicht ist. Mit den Moskauer Funden hofft man in München, die meisten Über- lieferungslücken schließen zu können. Ob dabei zu den vier vorlie- genden Bänden der Jahre zwischen 1924 und 1941 Supplement- Bände erstellt werden oder eine Neuauflage erscheinen wird, ist ungewiß. Sicher ist nur, daß es noch Jahre dauern wird, bevor die eher für den Fachhistoriker bestimmte, weil unkommentierte Edi- tion, die den Umfang einer Großlexikon-Ausgabe erreichen dürfte, fortgesetzt beziehungsweise abgeschlossen sein wird. Was fehlte, war eine übersichtlich geordnete, für den zeitgeschichtlich Interes- sierten, aber auch für den Geschichtsstudenten konzipierte Aus- gabe der wichtigsten Goebbels-Tagebuch-Eintragungen - unter Berücksichtigung der neuesten Moskauer Funde -, die mit einem umfangreichen Arbeitsapparat samt erklärendem Namensregister versehen ist. Sie liegt hiermit vor.”

58 Zu den Auswahlkriterien der Tagebuch-Eintragungen und zur Kommentie- rung derselben siehe die Editorischen Anmerkungen im Anhang, S. 2189 ff.

Glaube und Judenhaß als Konstanten im Leben des Joseph Goebbels!

Das Leben des am 29. Oktober 1897 im niederrheinischen Rheydt geborenen dritten Sohnes des Fritz Goebbels und seiner Ehefrau Katharina wäre wohl in gänzlich anderen Bahnen verlaufen, wäre da nicht - wie Joseph Goebbels selbst in der Rückschau schrieb - dieses »richtunggebende Ereignis« seiner Kindheit gewesen.? Er meinte damit die Knochenmarkentzündung, an der er im Alter von vier Jahren erkrankt war. In deren Folge verkümmerte seine rechte Unterschenkelmuskulatur, was trotz aller Anstrengungen der Ärzte zur Entwicklung eines Klumpfußes führte.’

\ Die Deutung des Phänomens Goebbels reicht vom »mitreißenden, weil mit-

w

gerissenen Gläubigen« (Einführung Rolf Hochhuths in: Joseph Goebbels. Tagebücher 1945. Die letzten Aufzeichnungen, Bergisch Gladbach 1980) bis zum »Macchiavellisten der letzten Konsequenz« (Fest, Joachim C.: Das Ge- sicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft, München 1963, S. 119ff.). Hochhuths treffender Deutung nähern sich Manvell und Fraenkel, die in ihrer Biographie den Mann mit dem Klumpfuß als Zukurzgekommenen darstellen, der schließlich in der Weltanschauungs- und Führergläubigkeit Kompensation fand (Fraenkel, Heinrich/Manvell, Roger: Goebbels. Eine Biographie, Köln/Berlin 1960). Helmut Heiber zeichnet in seinem in volks- pädagogischer Manier geschriebenen Buch einen erbärmlichen Oppor- tunisten, der seine pubertäre Emphase nie überwand (Heiber, Helmut: Joseph Goebbels, Berlin 1962). Viktor Reimann sieht in Goebbels einen rationalen Propaganda-Macher (Reimann, Viktor: Dr. Joseph Goebbels, Wien/Mün- chen/ Zürich 1971). Eine Auflistung der Arbeiten über Goebbels befindet sich im Anhang dieser Edition.

Erinnerungsblätter, Von 1897 bis zu meinem ersten Semester 1917 in Bonn. Zu den biographischen Angaben siehe auch im weiteren: Reuth, Goebbels.

Die Tatsache, daß es eben nicht jeder x-beliebige war, sondern ein Klumpfüßi- ger, der zum großen Promoter Hitlers wurde, verweist einmal mehr den Ansatz der Strukturhistoriker, dem zufolge letztlich die Produktionsmittel Geschichte ausmachen, in den Bereich eines verengten ideologischen Dogmatismus.

Glaube und Judenhaß 21

Diese Behinderung blieb nicht ohne Auswirkungen auf die innere Befindlichkeit des Knaben. Goebbels selbst legte in der neben den Erinnerungsblättern wohl wichtigsten Quelle über seine Kindheit, seinem autobiographischen Lebensbericht, in dem er uns als »Mi- chael Voormann« entgegentritt, eindrucksvoll Zeugnis darüber ab, wenn er schrieb, er habe immer gedacht, die Kameraden schämten sich seiner. »Wenn er so sah, wie die anderen liefen und tollten und sprangen, dann murrte er gegen seinen Gott, der ihm ...] das ange- tan hatte, dann haßte er die anderen, daß sie nicht so waren wie er, dann lachte er über seine Mutter, daß sie solch einen Krüppel noch gern haben mochte.«*

Da man ihn in dem streng katholischen Elternhaus, in dem er aufwuchs, den Glauben an einen gerechten Gott lehrte, mußte die Frage, diesich der junge Goebbels immer wieder stellte, zwangsläu- fig lauten: »Warum hatte Gott ihn so gemacht, daß die Menschen ihn verlachten und verspotteten? [...] Warum mußte er hassen, wo er lieben wollte und lieben mußte ?«° Da er keine Antwort darauf fand, zweifelte er daran, daß Gott »überhaupt da sei«. Und doch setzte er seine ganze Hoffnung in ihn, denn nur Gott gab ihm die Zuversicht, auch er finde einmal die ersehnte Integration.

So betrachtete es der Junge wohl als das Wirken der göttlichen Gerechtigkeit, als er erkannte, daß er auf den Gebieten des Wissens nicht benachteiligt war. Hier würde er seine Behinderung kompen- sieren können. Seine schulischen Leistungen und das Dazutun sei- ner Eltern ermöglichten es ihm, von 1908 an die städtische Oberre- alschule zu besuchen. Auch hier wollte er wiederum alle übertreffen und arbeitete dafür vom ersten Tage an verbissen. Wenn seine Mit- schüler ihn mitunter um Hilfe gebeten hätten - schrieb er später zurückblickend -, dann habe er sie seine Überlegenheit spüren las- sen und »freute [...] sich in seinem Inneren, denn er sah, daß der Weg, den er ging, der richtige war«.®

Die von seinem Deutschlehrer Voss geförderte Auseinanderset- zung mit der Literatur inspirierte die Phantasie des Schülers. Oft

4 Michael Voormann, Teil I. 5 Ebda. 6 Ebda.

22 Glaube und Judenhaß

versetzte er sich nun in die Rolle des Helden, der er im Leben nicht sein konnte. »Dann empfand er es nicht mehr so bitter, daß er nicht mehr wie die anderen herumtollen konnte, dann freute er sich, daß es auch noch für ihn, den Krüppel, eine Welt des Genießens gäbe.«’ Etwa von 1912 an begann der Junge mit der sich ausprägenden Autosuggestionskraft, die ihn gar nicht mehr ihn selbst sein ließ, diese Empfindungen zu kultivieren. Die ersten Gedichte und bald auch längeren Abhandlungen, die er schrieb, sah er als das Resultat einer Begabung an, mit der er - so mutmaßte er ausgestattet wor- den sei, »wohl weil Gott ihn an seinem Körper gezeichnet hatte«.®

Wenngleich Goebbels, der sich ob seiner Fähigkeiten eingebildet und arrogant gebärdete, an der Oberrealschule zu den Besten zählte, blieb er jedoch ein Außenseiter. Die Ursache dafür lag nun nicht mehr so sehr in seiner Behinderung, sondern in seiner minde- ren Herkunft. Als Sohn eines zum »Stehkragenproletarier« aufge- stiegenen Tagelöhners und einer Mutter, die sich früh als Magd auf einem Bauernhof hatte verdingen müssen, paßte er nicht auf die Rheydter Oberrealschule und schon gar nicht auf das dieser ange- gliederte Reformgymnasium, das er seit Ostern 1914 besuchte.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges änderte sich dies. Ob- wohl durch seinen Klumpfuß nicht kriegsverwendungsfähig, ver- spürte Goebbels jetzt erstmals in seinem Leben das Geborgenheit vermittelnde Gefühl der großen, scheinbar alle Klassenschranken überwindenden, vaterländischen Solidarität. So barg für den nun dazugehörenden Goebbels der ihm bald »heilig« gewordene Krieg nicht nur eine vorübergehende Erleichterung seiner Lebenssitua- tion, sondern darüber hinaus die Hoffnung auf eine bessere Zu- kunft, in der auch für ihn ein seinen Fähigkeiten angemessener Platz zu finden sein würde.

Bestärkt wurde Goebbels in seinem Hoffen durch Wilhelm Raabe, der ihm zum »Urbild des deutschen Idealisten und Träu- mers«’ wurde, hatte dieser doch in seinen Romanen eben jene »deutsche Volksgemeinschaft« beschworen. In dem Dichter glaubte

7 Ebda. 8 Ebda. 9 Goebbels, Joseph, Wilhelm Raabe, 7.3.1916, Bestand Genoud, Lausanne.

Glaube und Judenhaß 23

er sich auch selbst wiederzuerkennen. Raabe habe stets hinaufge- schaut in seinem Leben, »so hat er die jahrelange Zurücksetzung ertragen können, ohne seinen Humor, seinen Lebensmut zu verlie- ren, so hat er rastlos weitergearbeitet an seinem Lebenswerk, ge- würdigt nur von wenigen Freunden, verkannt von fast ganz Deutschland, aber überzeugt von seinem hohen Beruf. So hat er weiter gestrebt, wenn nicht für seine Mitmenschen, so doch für eine spätere Generation. Sind wir diese Generation fragte der Gymna- siast.!"

Die weitgespannten Hoffnungen erfüllten sich für Goebbels nicht. An die Stelle der »Volksgemeinschaft« trat der Bürgerkrieg, nachdem der Erste Weltkrieg verlorengegangen war. Auf den von der überzogen-pathetischen Form des Miteinanders geprägten Goebbels - er hatte im April 1917 als Jahrgangsbester das Abitur gemacht, in Bonn das Studium begonnen und es in Freiburg und Würzburg fortgesetzt - wirkten die politischen Erschütterungen, die nicht zuletzt auch das Resultat eines sozialen Konfliktes waren, der schon weit vor der Jahrhundertwende mit der Industrialisierung sei- nen Ausgang genommen hatte, wie auf die meisten seiner Genera- tion, wie ein Schock - ein Schock, der den Krüppel, ob seiner an den Sieg geknüpften persönlichen Erwartungen, um so härter treffen mußte.

Seine Mitgliedschaft im katholischen Unitas-Verein und die Be- ziehung zu der wohlhabenden Recklinghausener Kommilitonin Anka Stalherm änderten nichts daran, daß der junge Mann mit dem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex in eine schwere existen- tielle Krise geriet und immer mehr die Orientierung verlor. Die Erinnerungsblätter verdeutlichen seine Befindlichkeit, wenn er darin schrieb: »Ich kenne mich in der Welt nicht mehr aus.«!!

Goebbels zog daraus Konsequenzen. Er brach mit dem »Glauben seiner Kindheit«, fühlte er sich doch von seinem katholischen, die Gerechtigkeit verheißenden Herrgott betrogen. Immer wieder hatte er sich mit dessen Wirken auseinandergesetzt. So auch schon im Sommer 1918, nachdem sich der Krieg auch für ihn in unerträg-

10 Ebda. 11 Erinnerungsblätter, Osterferien 1919.

24 Glaube und Judenhaß

liche Länge gezogen hatte. Damals hatte er eine »biblische Tragö- die« verfaßt, der erden Titel Judas Iscariot '” gegeben hatte. Esist die Geschichte des »Außenseiters« und »>Schwärmers«, der dem folgen will, von dem er glaubt, er errichte ein »neues, schier unermeßliches Reich«. Als Judas der Jünger Jesu geworden ist, muß er zu seiner Enttäuschung feststellen, daß dessen Vaters Reich nicht von dieser Erde ist: »Und da in dieser Stunde fromme Sprüche / Einem be- drängten Volk ins Ohr zu blasen / Zureden von dem Reich inanderen Welten, / Daß Herrlichkeit ohn’ Ende sei und Grenzen, / Das zeich- net mir den kleinen Kopf und Geist«, läßt Goebbels Judas über Chri- stus sagen. Judas verrätschließlich seinen Meister, um selbst, an Jesu Stelle, das Reich Gottes auf dieser Erde zu verwirklichen.

Ende 1918 verließ Goebbels den katholischen Unitas-Verein und nahm - wie er in seinen Erinnerungsblättern vermerkte - erstmals am Heiligabend nicht an der Christmette teil. Wenngleich er sich zunehmend vom Katholizismus abwandte, versuchte er doch wei- terhin, Gott »zu schauen«. Dabei las er Strindbergs Werke mit ihrer mitunter mystisch und magisch gefärbten Religiosität. Er studierte die Schriften des romantisch-okkultistischen Dichters Gustav Mey- rink und beschäftigte sich immer wieder mit den großen russischen Schriftstellern Tolstoj und Dostojewskij. Vor allem von Dostojew- skij, der in seinen Romanen slawophilen Messianismus, Über- menschentum, Nihilismus und Sozialismus in lebendigen, oft patho- logischen Charakteren aufeinanderprallen ließ, war Goebbels »erschüttert«.

Nachdem sich im Winter 1920 seine Freundin Anka Stalherm von ihm abgewandt hatte, verlor er vollends den Halt. Dank der Zuwendung aus dem Elternhaus, wo er stets die Semester- ferien verbrachte, schöpfte er, der »Gottsucher, der Mystiker, der Romantiker«, wie er sich selbst sah, neuen Glauben »an einen Gott, der vom Einzelnen mystisch erlebt wird, [...] (und) an eine Welt, die gut ist«.'? Die Verbesserung seiner Lebenssituation blieb

12 Judas Iscariot, Eine Biblische Tragödie in fünf Akten von P.J. Goebbels, Au- gust 1918, BA Koblenz, NL 118/117.

13 Das Zitat stammt aus der Dissertation Goebbels’: Wilhelm von Schütz als Dramatiker. Ein Beitrag zur Geschichte des Dramas der Romantischen Schule, Phil. Diss. Heidelberg 1921.

Glaube und Judenhaß 25

Goebbels jedoch auch nach der Promotion, mit der er im November 1921 in Heidelberg sein Studium beendet hatte, versagt. Er fand keine Anstellung, lag den Eltern nach wie vor auf dem ohnehin schmalen Geldbeutel - kurzum: er blieb trotz des Doktortitels der belächelte komische Krüppel. Im Januar 1923 erhielt er auf Ver- mittlung seiner neuen Freundin, der Rheydter Lehrerin Else Janke, doch noch einen nur widerwillig angenommenen Posten bei einer Filiale der Dresdner Bank in Köln-Klettenberg. Bereits im Septem- ber kündigte man ihm. Nach Wochen des Hungers und der Entbeh- rung kehrte er schließlich, zudem erschüttert durch den Tod seines besten Freundes, Richard Flisges, krank an Körper und Seele wie- der ins Rheydter Elternhaus zurück.

Infolge seiner als hoffnungslos empfundenen Lage »zertrüm- merte« ein sich und die Menschen hassender Goebbels schließlich seine bisherige Glaubenswelt. Er, der so lange vergeblich auf die Gerechtigkeit des Christen-Gottes gehofft hatte, schuf sich nun sei- nen eigenen Gott. In seinem Tagebuch-Roman ', den er im selben Jahr schrieb, legte Goebbels seinem Helden Michael die Worte in den Mund, woran man glaube, sei gleichgültig, wichtig sei, daß man glaube. Goebbels erhob damit seinen Glauben selbst zu Gott. Je mehr er glaube, desto stärker werde er selbst, schloß er folgerichtig. Nichts anderes heißt es, wenn er seinen Roman-Helden sagen ließ: »Je größer und stärker ich Gott [also den Glauben, d. Hrsg.] mache, desto größer und stärker werde ich selbst.«'® Mit anderen Worten: Ein aus Verzweiflung und Haß geborener fanatischer Glaube an eine bessere Zukunft sollte die bittere Wirklichkeit seines Daseins überwinden helfen.

So wie Goebbels für sich einen Ausweg gesucht hatte, suchte er ihn auch für die deutsche Nation, deren Not er mit der seinen sym-

14 Michael 1923; vgl. dazu: Singer, Hans-Jürgen: Michael oder der leere (rlaube, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 2. Jg, Oktober 1987, Heft 4, S.68ff.,;, McMasters Hunt, Richard: Joseph Goebbels: A Study ofthe Formation of his National-Socialist Consciousness (1897-1926), Phil. Diss. Harvard University, Cambridge, Massachusetts 1960, S. 44ff.; Bärsch, Claus-Ekkehard: Erlösung und Vernichtung. Dr. phil. Joseph Goebbels. Zur Psyche und Ideologie eines jungen Nationalsozialisten 1923 bis 1927, München 1987.

15 Michael 1923, 1. Juni.

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biotisch verbunden sah. Ausgangspunkt war ihm dabei nach wie vor seine Vision von der »Volksgemeinschaft«, die er in verklärtem Rückblick auf das Jahr 1914 in Ansätzen erlebt zu haben glaubte. Im »System« von Weimar mit seinen konkurrierenden Parteien sah er den Widerpart dazu. So näherte sich Goebbels, der aus seiner Fami- lientradition heraus bei den Wahlen zur Weimarer Nationalver- sammlung im Januar 1919 noch die bayerische Landesorganisation des Zentrums, die Bayerische Volkspartei, gewählt hatte, fast zwangsläufig jenen, die vorgaben, diese Republik durch eine »ge- rechte Gesellschaft« ersetzen zu wollen.

Als nach dem gescheiterten Kapp-Putsch im Ruhrgebiet eine deutsche Rote Armee gegen die Republik marschierte, war er »aus der Ferne begeistert«.!° An Anka Stalherm schrieb er: »Kann man es da den Millionen verdenken, wenn sie für ihre Interessen, und auch nur für ihre Interessen eintreten? Kann man es ihnen verden- ken, wenn sie eine internationale Gemeinschaft anstreben, deren Ziel der Kampf gegen den korrupten Kapitalismus ist? Kann man es verurteilen, wenn ein großer Teil der gebildeten Stürmerjugend da- gegen angeht, daß die Bildung käuflich ist und nicht dem zuteil wird, der die Befähigung dazu hat? Ist es nicht ein Unding, daß Leute mit den glänzendsten geistigen Gaben verelenden und verkommen, weil die anderen das Geld, das ihnen helfen könnte, verprassen, verjubeln und vertuen?«!?

Schon Ende 1919 hatte Goebbels ein Fragment eines Dramas mit dem Titel Der Kampf der Arbeiterklasse'® geschrieben. Im März des darauffolgenden Jahres propagierte er in seinem Drama Die Saat” den »neuen Menschen«, der wisse, daß »wir alle Glieder einer Kette sind. [...] Glieder gleich groß und gleich klein«. Wenn die Arbeiter erst erwachten und sich gegen Knechtschaft und Unterdrückung auflehnten, legten sie die Saat für das »Geschlecht, das heranreift, dem starken, schönen des neuen Menschen«. Obgleich er sich auf

16 Erinnerungsblätter, Osterferien 1920 in Rheydt.

17 Joseph Goebbels an Anka Stalherm am 14.4.1920, BA Koblenz, NL 118/126.

18 Kampf der Arbeiterklasse. Drama von Joseph Goebbels, 1919/1920, Bestand Genoud, Lausanne.

19 Die Saat. Ein Geschehen in drei Akten von P. Joseph Goebbels, 1920, BA Koblenz, NL 118/117.

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Richard Flisges’ Rat hin auch mit den Schriften der materialisti- schen Theoretiker Marx und Engels auseinandersetzte, schienen ihm doch - wie er seiner Dissertation über den Dichter der Roman- tik, Wilhelm Schütz, aus Dostojewskijs Dämonen zum Geleit voran- stellte, »Vernunft und Wissen [...] im Leben der Völker stets nur eine zweitrangige, eine untergeordnete Rolle (zu spielen) - und das wird ewig so bleiben. Von einer ganz anderen Kraft werden die Völ- ker gestaltet, deren Ursprung vielleichtunbekannt und unerklärlich bleibt, die aber nichtsdestoweniger vorhanden ist.«?? Wiederum Dostojewskijs Visionen, diesmal von dem Glauben an Gott als dem großen Integrationsmoment des Volkes, der »synthetischen Persön- lichkeit des ganzen Volkes«, als dem »Körper Gottes«, zogen ihn in den Bann.

Immer mehr setzte sich bei dem materiell benachteiligten Goeb- bels die vermeintliche Erkenntnis durch, daß der Materialismus die Wurzel allen Übels sei. Neben anderen Schriften war es insbeson- dere die Lektüre von Spenglers Untergang des Abendlandes, die ihm solches näherbrachte.?! In der Geschichtsmorphologie des Nietz- sche-Epigonen las Goebbels, daß alle Kulturen ewigen Daseins- gesetzen vom Werden und Vergehen unterworfen seien; er las vom materialistischen Zeitalter der Industrie, der »Zivilisation«, die der Anfang vom Ende aller »Kultur« sei. Und er sah wie die meisten seiner Generation das teilweise schon vor dem Weltkrieg Ge- schriebene durch die deutsche Gegenwart bestätigt.

Seit 1922 begann Goebbels zwischen dem zunehmend verhaßten Materialismus und dem Judentum einen Zusammenhang herzustel- len. In seinem Elternhaus hegte man nicht mehr und auch nicht we-

20 Wilhelm von Schütz als Dramatiker. Ein Beitrag zur Geschichte des Dramas der Romantischen Schule, Phil. Diss. Heidelberg 1921.

21 Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morpho- logie der Weltgeschichte, München 1923; Goebbels schrieb darüber: »Ich liebe Spenglers Buch sehr und verdanke ihm manche kostbare Stunde. Das aber kann mich nicht davon abhalten, zu behaupten, daß das Buch unserem deutschen Geiste mehr geschadet denn genutzt hat; aber leider haben viele daraus einen krankhaften Pessimismus geschöpft, und Pessimismus ist heute mehr denn je Gift für unseren Volkskörper. Spenglers Buch kam zur verkehr- ten Zeit«; aus: Goebbels, Joseph: Vom Sinn unserer Zeit, in: Westdeutsche Landeszeitung vom 6.2.1922.

28 Glaube und Judenhaß

niger Vorurteile als anderswo im katholischen Kleinbürgertum. Die jüdischen Bürger galten als besonders klug und befähigt im Umgang mit Geld, was jedoch nichts daran änderte, daß man in ihnen ganz normale Deutsche sah, nicht zuletzt auch deshalb, weil auch sie im Weltkrieg für Kaiser und Vaterland im Felde gestanden hatten. Nachdem sich Vater Goebbels hochgearbeitet hatte, pflegte seine Familie freundschaftliche Kontakte zu einem jüdischen Advoka- ten.?? Man war stolz darauf, hob dies doch die eigene Reputation. Als Gymnasiast und auch während der Studienzeit hatte Joseph Goebbels Dr. Josef Joseph - so hieß der Rheydter Rechtsanwalt - manchmal besuchen dürfen, um sich mit ihm über Literatur zu un- terhalten. Entsprechend äußerte er sich während eines Disputs über den Literaturgeschichtler Adolf Bartels gegenüber Anka Stalherm: »Du weißt ja, daß ich dieses übertriebene Antisemitentum nicht be- sonders leiden mag. [...] Ich kann ja auch nicht gerade sagen, daß die Juden meine besonderen Freunde wären, aber ich meine durch Schimpfen oder gar durch Pogrome schafft man sie nicht aus der Welt, und wenn man es auf diese Weise könnte, dann wäre das sehr unedel und menschenunwürdig.«”? Goebbels meinte damals, es sei das beste Mittel gegen ihre angebliche Dominanz, die Dinge besser zu machen. Dies versuchte er durch das Studium bei dem von ihm verehrten jüdischen Germanisten Gundolf. Schließlich promovierte er bei dem von ihm ebenfalls geschätzten »Halbjuden« von Wald- berg.

In den Erinnerungsblättern findet sich im Jahre 1922 eine Eintra- gung zu einem Streit mit seiner Freundin Else Janke, in dessen Folge er erfuhr, daß sie die Tochter einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters sei. Goebbels notierte, daß der »erste Zauber« dahin sei.”* Aber er änderte seine Haltung ihr gegenüber nicht,

22 Offener Brief des in die Vereinigten Staaten emigrierten Dr. Josef Joseph an den Reichspropagandaminister, veröffentlicht im November 1944 in der amerikanischen Presse, zitiert nach: Erckens, Günter: Juden in Mönchen- gladbach. Jüdisches Leben in den früheren Gemeinden M.Gladbach, Rheydt, Odenkirchen, Giesenkirchen-Schelsen, Rheindahlen, Wickrath und Wanlo, Bd.2, Mönchengladbach 1988, S. 189f.

23 Joseph Goebbels an Anka Stalherm am 17.2.1919, BA Koblenz, NL 118/126.

24 Erinnerungsblätter, Von März 1921 bis Januar 1923 in Rheydt.

Glaube und Judenhaß 29

wenngleich für ihn eine »Judenfrage« bereits existierte. Offenbar hatte ihm wiederum die Lektüre Spenglers solche Gedanken näher- gebracht. Während eines Vortrages” im Oktober 1922, in dem er über die deutsche Literatur der Gegenwart sprach, fand er zwar noch für seinen akademischen Lehrer Gundolf höchst anerken- nende Worte, erachtete aber gleichwohl Spenglers Ansichten über das Judentum als »von eminenter Bedeutung«. Es scheine ihm, daß »hier die jüdische Frage an der Wurzel erfaßt ist. Man sollte anneh- men, daß dieses Kapitel eine geistige Klärung der Judenfrage her- beiführen müßte.« Erst seine Erfahrungen und Einsichten bei der Dresdner Bank, in jenem »Tempel des Materialismus«, wo er die Inflation erlebte und aus allernächster Nähe mitansehen mußte, wie kleine Leute ihr Erspartes verloren und mitunter jüdische Spekulan- ten Reichtümer erwarben, rückten für Goebbels dieses Problem in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Die Folge war, daß die »Ras- senfrage«, deren anatomische Komponente er aus naheliegenden Gründen stets ausklammern sollte, allmählich auch sein Verhältnis zu Else Janke trübte. Anfang November 1923 gelangte nämlich die Lehrerin zu der Überzeugung, daß Goebbels »in dieser Hinsicht ganz entschieden übertrieben« denke.?®

Zu diesem Zeitpunkt gehörte bereits Houston Stewart Chamber- lains Schrift Grundlagen des 19. Jahrhunderts, die Goebbels im Som- mer 1922 gelesen hatte, ?’ zu seinem »Fundus«. Der Brite hatte die Rassenlehre des Franzosen Gobineau, die dieser in seinem Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen (französische Ausgabe 4 Bände, 1853-55)?® aufgestellt hatte, »weiterentwickelt« und war dabei zu der Erkenntnis gelangt, daß der Arier »die Seele der Kul- tur« sei und es nur zwei Rassen gebe: die arische und die jüdische. Erstere, die das Vermächtnis des Altertums - die griechische Kunst

25 Goebbels, Joseph: Ausschnitte aus der deutschen Literatur der Gegenwart (Vortrag gehalten am 30.10.1922), Bestand Genoud, Lausanne.

26 ElseJanke an Joseph Goebbels am 4.11.1923, Bestand Genoud, Lausanne.

27 Erinnerungsblätter, Von Januar bis August 1923 in Cöln (Dresdner Bank); Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhun- derts, München 1899 (weiterhin zitiert als: Chamberlain, Grundlagen).

28 Comte de Gobineau, Joseph Arthur: Versuch über die Ungleichheit der Men- schenrassen, Berlin 1934.

30 Glaube und Judenhaß

und Philosophie, das römische Recht und das Christentum - in sich trage, sei als »Herrenrasse« dazu auserwählt, den herrschenden materialistischen Zeitgeist zu überwinden und ein neues Weltalter herbeizuführen. Voraussetzung dafür sei die »Reinhaltung«, denn »edle Menschenrassen werden durch das semitische Dogma vom Materialismus, das sich in diesem Falle und im Gegensatz zum Chri- stentum, frei von allen arischen Beimischungen erhalten hatte, für immer entseelt und aus dem ins »Helle strebenden Geschlecht« aus- geschlossen«.” Nachdem Goebbels später mit Chamberlain in Bayreuth zusammengetroffen war, notierte er euphorisch in sein Tagebuch, dieser sei der »Bahnbrecher«, »Wegbereiter«, ja »Vater unseres Geistes«.?"

Goebbels sah in den Juden nun immer mehr die Verkörperung des Materialismus, des Bösen schlechthin, des »Anti-Christen«?! und damit die konkret Schuldigen am Übel dieser Welt. Da sich aus dem Judentum nicht nur die Protagonisten des ihm eigenen seelen- losen materialistischen Kapitalismus und seiner demokratischen Ordnung rekrutierten, sondern auch viele der führenden Vertreter des Kommunismus, schloß Goebbels, daß der Marxismus »eine jü- dische Mache« sei, »die darauf ausgeht, die rassebewußten Völker zu entmannen und zu entsittlichen«.” Jüdischer Kapitalismus und dessen »Mache« Marxismus, oder, wie es Goebbels später sagte, »Börse und Marxismus«, verfolgten seiner Auffassung zufolge nur ein Ziel: »die restlose Beseitigung jeglicher nationaler Herrschaft, Überführung aller Wirtschaft unter die Herrschaft des Einen: des Börsenkapital Judas!«°? In Weltkrieg und »Systemzeit« sah Goeb- bels die Indizien dafür.

Was »das Kapital« anlangte, so differenzierte Goebbels später, nachdem er in die Politik gefunden hatte. Im Jahre 1924/25 schrieb

29 Chamberlain, Grundlagen, S. 259.

30 Eintrag vom 8.5.1926.

31 In Michael 1929 schrieb Goebbels unter dem 15.November (S. 82): »Christus ist der erste Judengegner von Format. »Du sollst alle Völker fressen!« Dem hat er den Krieg angesagt. Deshalb mußte das Judentum ihn beseitigen. Denner rüttelte an den Fundamenten seiner zukünftigen Weltmacht.«

32 Joseph Goebbels in der Völkischen Freiheit vom 15.11.1924.

33 Goebbels, Joseph: Lenin oder Hitler? Eine Rede, Zwickau 1926, S. 21.

Glaube und Judenhaß 31

er von »einem schaffenden Kapital« im industriellen Sektor und dem »Börsenkapital« als dem Hauptfeind der »nationalsozialisti- schen deutschen Freiheit«.°* »Das Börsenkapital ist kein schaffen- des, sondern ein schmarotzerisch-raffendes Kapital. Es ist nicht mehr erdverbunden, sondern bodenlos und international, es arbei- tet nicht produktiv, sondern es hat sich in den normalen Verlauf der Produktion hineingedrängt, um aus ihr Prozente zu ziehen. Es be- steht in mobilen Werten, d.h. in barem Gelde, sein Hauptträger ist die jüdische Hochfinanz, die das Bestreben hat, die schaffenden Völker für sich arbeiten zu lassen, und dabei noch die Erträge der Arbeit in die eigene Tasche zu stecken.«°° Das »Börsenkapital« mit seinem »Aushängeschild«, dem parlamentarisch-demokratischen System, arbeite mit den Führern des Marxismus Hand in Hand, weil sie derselben jüdischen Rasse entstammten.

Goebbels unterschied wohl auch seiner Vorliebe für Rußland und seiner Dramatiker wegen - zwischen Marxismus und Bolsche- wismus - eine Differenzierung, von der er später unter dem Einfluß Hitlers abrücken sollte. Im Bolschewismus sah er den Erben des russischen Nationalismus. Kein Zar - so Goebbels im Jahre 1925 habe das russische Volk in seinen Instinkten so verstanden wie Lenin, der im Gegensatz zu den deutschen Kommunisten kein inter- nationalistischer Marxist sei. »Lenin opferte Marx und gab dafür Rußland die Freiheit. Sie (die Führer der KPD, der Verf.) wollen die deutsche Freiheit nun Marx opfern.«?” Goebbeis’ politischen Vorstellungen zufolge war der Kommunismus demnach nur so lange verderblich, solange er internationalistisch, also antinationalistisch, daß heißt marxistisch und ihm damit jüdisch gelenkt erschien. Goebbels bezeichnete sich angesichts dieser Betrachtungsweise im Jahre 1923 selbst als einen »deutschen Kommunisten«,?® schien ihm

34 Goebbels, Joseph: Das kleine A.B.C. des Nationalsozialisten, handschrift- licher Entwurf vom Oktober 1925, BDC; siehe dazu TGB vom 26.10.1925.

35 Ebda.

36 Nationalsozialistische Briefe vom 15.10.1925; vgl dazu: Schüddekopf, Otto- Ernst: Nationalbolschewismus in Deutschland 1918-1933, Frankfurt a. M./ Berlin/Wien 1972, S. 176ff.

37 Ebda.

38 Erinnerungsblätter, Von Januar bis August 1923 in Cöln (Dresdner Bank).

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ein solcher doch im wesentlichen mit einem »nationalen Sozialisten« identisch.??

Aus all dem ergab sich für Goebbels etwa von Ende 1923 an eine »unerbittliche Logik«, nämlich diejenige, daß der Weg in eine »bes- sere Welt« über den Existenzkampf gegen das »internationale Ju- dentum« führen müsse.*’ Denn nicht nur der Untergang der deut- schen Nation, sondern auch der des Abendlandes, den Spengler durch den Übergang von der »Kultur« zum seelenlosen materialisti- schen Endzeitalter, der »Zivilisation«, vorausgesagt hatte, konnte nach Goebbels’ Sicht der Dinge durch die »Ausschaltung« des Ju- dentums verhindert werden. Die in der Geschichte einzigartige Größe der Aufgabe mußte dabei alle Mittel und Wege rechtferti- gen.

Was 1923 noch die Theorie eines ausgegrenzten Krüppels war, sollte, nachdem er auf Ähnlichdenkende stieß, zum untrennbaren Beiwerk seines Glaubens werden, der von ihm seinerseits bald zum Spezifikum einer neuen Politik erhoben wurde. So wie er sich von einem Fetisch Glauben das Heil versprach, sollte die Bewegung, der er sich 1924 anschloß, durch den Glauben zum Sieg gelangen. Im Jahr 1925 umschrieb Goebbels das Wesen nationalsozialistischer Politik dahingehend, daß sie nicht mehr »die Kunst des Möglichen ist. Was wir wollen ist nach den Gesetzen der Mechanik unerreich- bar und unerfüllbar. Wir wissen das. Und dennoch handeln wir nach der Erkenntnis, weil wir an das Wunder, an das Unmögliche und Unerreichbare glauben. Für uns ist die Politik das Wunder des Un- möglichen. «*'

Entscheidend für die Entfesselung von Glauben und Judenhaß war für Goebbels der Mittler, die Inkarnation dieses Glaubens, ge-

39 Vgl. dazu: Zitelmann, Rainer: Nationalsozialismus und Antikommunismus, in Uwe Backes/Eckhard Jesse/Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus, Frank- furta. M./Berlin 1990, S. 218 ff.

40 Goebbels, Joseph: Lenin oder Hitler? Eine Rede, Zwickau 1926, S. 21; dort schreibt Goebbels von der »unerbittlichen Logik dessen, was sein muß und was wir zu tun gewillt sind, weil es eben sein muß«.

41 Goebbels, Joseph: Die Führerfrage, in: Goebbels, Joseph: Die zweite Revo- lution. Briefe an Zeitgenossen, Zwickau 1926, S.6 (weiterhin zitiert als: Goebbels, Führer frage).

Glaube und Judenhaß 33

worden. Schon in seiner Dissertation hatte er beklagt, nirgendwo sei das »starke Genie, das auf dem Chaos der Zeit auf neuen Wogen zu neuen Zeiten führt«. Im Juni 1923 sehnte er den neuen »Florian Geyer« herbei, der »der deutschen Zwietracht den Dolch mitten ins Herz hineinstößt«.* In seinem Tagebuch-Roman Michael ließ er im selben Jahr seinen Helden nach demjenigen Ausschau halten, der einen Weg wisse. Als das Buch 1929 beim Münchener Eher-Verlag erschien, hat der Held in Hitler den »Auserwählten« »geschaut«.

Aufmerksam geworden war Goebbels auf Hitler, als dieser im November 1923 zur Feldherrnhalle marschierte. Den, »der da kom- men werde«, begann Goebbels jedoch erst während des Münchener Hochverratsprozesses im Februar 1924 in Hitler zu sehen. Hitler habe ihm »aus der Seele« gesprochen, schrieb er später,* denn er habe mehr zum Ausdruck gebracht als »eigene Qual und eigenen Kampf. Da nannten Sie die Not einer ganzen Generation, die in zerfahrener Sehnsucht nach Männern und Aufgaben sucht. [...] Was Sie da sagten, das ist der Katechismus neuen politischen Glau- bens in der Verzweiflung einer zusammenbrechenden, entgötterten Welt. Sie verstummten nicht. Ihnen gab ein Gott zu sagen, was wir leiden. Sie faßten unsere Qual in erlösende Worte, formten Sätze der Zuversicht auf das kommende Wunder.«*

Hitler drang nun immer stärker in Goebbels’ Bewußtsein ein. Sei- ner Rolle haftete etwas von einer Erscheinung an, hatte er doch die politische Bühne so schnell wieder verlassen, wie er sie vorher betre- ten hatte. Gerade weil er Goebbels fremd war, weil man nichts von ihm aus der Landsberger Festungshaft hörte, weil über ihn weniger gesprochen als gerätselt wurde, weil vieles verklärt wurde, begann Goebbels, seine Sehnsucht auf ihn zu projizieren. Als er im Herbst 1924 einziger Redakteur eines Kampfblättchens namens »Völkische Freiheit« wurde, das der deutsch-völkische Reichstagsabgeordnete Wiegershaus in Wuppertal-Elberfeld herausgab, feierte er Hitler als den »großen deutschen Apostel«,*® als »die Inkarnation unseres

42 Goebbels, Joseph: Aus meinem Tagebuch, 1923, BA Koblenz, NL 118/126. 43 Goebbels, Führerfrage, S.7.

44 Ebda.

45 Völkische Freiheit vom 15.11.1924.

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Glaubens und unserer Idee«,* einer Idee, die mit dem Führerprin- zip ihre Vollendung finden sollte.

Über Gregor Strasser - Hitlers Sachwalter in Norddeutschland - gelangte Goebbels schließlich in die Nähe Hitlers. Auf einer Gaulei- tertagung im thüringischen Weimar am 12. Juli 1925 begegneten sich beide Männer erstmals,” Anfang November in Braunschweig ein zweites und noch im selben Monat ein drittes Mal. »Wie lieb ich ihn«, schrieb Goebbels nach dieser Begegnung.*® Und kurz darauf: Er habe in »tiefster Seele« die »Beglückung« gefühlt, hinter einem Mann zu stehen, der den Willen zur Freiheit in seiner ganzen Person verkörpere. »Bis dahin waren Sie mir Führer. Da wurden Sie mir Freund. Ein Freund und Meister, dem ich mich bis zuletzt in einer gemeinsamen Idee verbunden fühle.«*

An anderer Stelle bekannte Goebbels, der sich inzwischen in der Bewegung einen Ruf als Redner gemacht hatte: »Ich stehe vor ihm erschüttert. So ist er: wie ein Kind, lieb, gut, barmherzig. Wie eine Katze listig, klug und gewandt, wie ein Löwe, brüllend-groß und gigantisch. Ein Kerl, ein Mann. Vom Staate spricht er. Nachmittags

46 Ebda., 10.1.1925.

47 Karl Kaufmann berichtete den Goebbels-Biographen Fraenkel und Manvell (Fraenkel, Heinrich/Manvell, Roger: Goebbels. Eine Biographie, Köln/ Berlin 1960, S. 95), daß die erste Begegnung zwischen Goebbels und Hitler im Herbst 1925 in Elberfeld stattgefunden habe. Kaufmann muß sich jedoch geirrt haben, denn in Goebbels’ Elberfelder Tagebuch, das am 12.8.1925 be- ginnt, findet sich vor dem 2. bzw. 6.11.1925 keine Eintragung über eine sol- che Begegnung. Der Tagebuch-Eintragung vom 6.11.1925 zufolge begegnete Goebbels Hitler in Braunschweig. Da beide Eintragungen eindeutig darauf schließen lassen, daß es sich nicht um die erste Begegnung handeln kann, muß diese in der Überlieferungslücke der Goebbels-Tagebücher vom 10.6.1925 bis zum Beginn der Elberfelder Tagebücher am 12.7.1925 stattge- funden haben. Da sich weder in der Memoiren-Literatur noch in den Quellen ein Hinweis findet, daß sich Hitler im Sommer 1925 in Elberfeld aufhielt (wohl aber ein Besuch im dortigen Vereinshaus im Juni des Jahres 1926 man- nigfach belegt ist), ist die Vermutung berechtigt, daß Goebbels und Hitler sich erstmals auf der Weimarer Gauführer-Tagung am 12.7.1925 begegneten, zumal sich in der im Juli 1928 endenden Kladde des Goebbels-Tagebuchs die Eintragung befindet: »Juli 25 Hitler Weimar [...] November 25 Hitler Braun- schweig [...]«. Siehe unten S. 309 f.

48 Eintrag vom 23.11.1925.

49 Goebbels, Führerfrage, S. 8.

Glaube und Judenhaß 35

von der Gewinnung des Staates und dem Sinn der politischen Revo- lution. Gedanken, wie ich sie wohl schon dachte, aber noch nicht sprach. Nach dem Abendessen sitzen wir noch lange im Garten des Marineheims, und er predigt den neuen Staat und wie wir ihn er- kämpfen. Wie Prophetie klingt das. Droben am Himmel formt sich eine weiße Wolke zum Hakenkreuz. Ein flimmerndes Licht steht am Himmel, das kein Stern sein kann. Ein Zeichen des Schick- sals?«°"

So wie hier Goebbels das Bild von der sich zum Hakenkreuz for- menden Wolke der Spätantike entlehnte - Konstantin dem Großen soll der Überlieferung nach vor der Schlacht bei der Milvischen Brücke ein Kreuzzeichen am Himmel erschienen sein und eine Stimme gesagt haben »In diesem Zeichen wirst Du siegen!« -, begann Goebbels, dem Nationalsozialismus Formeln und äußere Formen seines pseudo-religiösen Repertoires gleichsam »überzu- stülpen«. Die Parteitage wurden ihm zu »Hochämtern«, die SA-Ap- pelle zu »religiösen Feiern«. Hitler, der »Messias«, das »Werkzeug der Vorsehung«, kam mit dem Flugzeug vom Himmel hoch, im Ke- gel gewaltiger Scheinwerfer herab zu seiner Gefolgschaft.

Goebbels, von Hitler Ende 1926 als neuer Gauführer nach Berlin entsandt, begriff sich nun zusehends als dessen »erster Prediger«. Weniger seine organisatorische Arbeit als die seiner Propaganda zu- grundeliegende Idee vom Glauben an eine »gerechte Welt«, an ein Drittes Reich, in das ein Adolf Hitler allem Widerstand des Juden- tums zum Trotz führen werde, bildeten das Geheimnis seines zu- nächst schleppenden, dann immer stärker durchschlagenden Er- folgs. Dabei sei es nicht notwendig, schrieb Goebbels, daß diese Idee erkenntnisreich in einem dicken Buch dargelegt werde, viel- mehr müsse sie nur ein »ganz knappes und populär verständliches Thema« beinhalten, um dann in prophetischer Schau vorwegzu- nehmen: »Sie werden niemals Millionen von Menschen finden, die für ein Wirtschaftsprogramm ihr Leben lassen. Aber Millionen von Menschen werden einmal bereit sein, für ein Evangelium zu fallen.«°'

50 Eintrag vom 24.7.1926. 51 Goebbels, Joseph: Erkenntnis und Propaganda, Rede vom9. Januar 1928, in:

36 Glaube und Judenhaß

Als Hitler im Januar 1933 die Macht übergeben wurde, sah der Berliner Gauleiter darin den Beweis für die Richtigkeit dieser Idee, vor allem aber die Bestätigung seines Glaubens. Welche Ratio hätte dem nach Heil schreienden arbeitslosen Krüppel des Jahres 1923 und dem gestrandeten Gefreiten des Weltkrieges mit dem grotesk wirkenden Sendungsgehabe eine solche Zukunft verheißen kön- nen? »Ist es nicht ein Wunder«, so sollte Goebbels später fragen, »daß ein einfacher Weltkriegs-Gefreiter die Häuser der Hohenzol- lern und Habsburger abgelöst hat?«°? Was Goebbels dabei als »gro- Bes Wunder« erschienen sein mochte, war freilich das Wirken histo- rischer und politischer Kräftesowie die besondere Konstellation der aus ihnen hervorgegangenen Protagonisten, was keinesfalls zwangs- läufig zu diesem 30. Januar 1933 hätte führen müssen.

Immer wieder neue Triumphe Hitlers und des Nationalsozialis- mus banden Goebbels an »seinen Führer« die »Heimkehr« der Saar, die von den Westmächten hingenommene handstreichartige Besetzung des Rheinlandes. Über die sich im März 1936 daran an- schließende Volksabstimmung verkündete der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda im Großdeutschen Rundfunk, sich selbst die Vision von der »Volksgemeinschaft« suggerierend: »Man hatte das Gefühl, als sei Deutschland in ein einziges großes, alle Stände, Berufe und Konfessionen umschließendes Gotteshaus verwandelt worden, in dem nun sein Fürsprecher vor den hohen Stuhl des Allmächtigen trat, um Zeugnis abzulegen für Wille und Werk und seine Gnade und seinen Schutz zu erflehen für eine Zu- kunft, die noch ungewiß und undurchdringlich vor unseren Augen lag. [....] Das war Religion im tiefsten und geheimnisvollsten Sinne. Da bekannte sich eine Nation durch ihren Sprecher zu Gott und legte ihr Schicksal und Leben vertrauensvoll in seine Hände.«°?

Mit Hilfe des gewaltigen gleichgeschalteten Propaganda-Appara- tes rückte Goebbels Hitler, der einst versprochen hatte, das »Schanddiktat von Versailles« zu tilgen, und der es getilgt hatte, in

Signale der neuen Zeit. 25 ausgewählte Reden von Dr. Joseph Goebbels (1927-1934), München 1934, S. 44.

52 Goebbels’Ansprache vom Oktober 1938, zit. nach: Der Verführer. Anmer- kungen zu Goebbels, ZDF-Dokumentation.

53 Völkischer Beobachter vom 20.4.1936.

Glaube und Judenhaß 37

übermenschliche Sphären. Hitler, »der Einsame«, »das Genie« und immer wieder das »Werkzeug der Vorsehung«, galt alsbald als un- fehlbar. Für all das Schlechte, etwa die Verfolgung der Andersden- kenden, vor allem aber der Juden, waren andere verantwortlich. »Wenn das der Führer wüßte«, hieß die damals in Deutschland gän- gige Redewendung, mittels der man Hitler von solchem freisprach - einen Hitler, der in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, als Österreich und das Sudetenland »angeschlossen« worden waren, zum Mythos wurde.’* Jener Mythos, dessen Schöpfer zu sein die eigentliche historische Bedeutung des Joseph Goebbels war, ver- pflichtete die Deutschen in unverbrüchlicher Gefolgschaft auf ihren Führer und schuf damit eine der zentralen Voraussetzungen für des- sen späteren schrankenlosen Expansionskrieg.

Freilich, vieles von dem, was Goebbels in den dreißiger Jahren über die gleichgeschalteten deutschen Medien verkündete, war auch in seinen Augen Inszenierung, denn sein einst aus Not und Haß entsprungener Glaube hatte unter den Segnungen des ihm zuteil gewordenen Aufstieges gelitten. Erschüttert wurde er jedoch, als das strategische Kalkül Hitlers, der soeben die Welt durch den Pakt mit Stalin aufgeschreckt hatte, im September 1939 nicht mehr auf- ging, England und Frankreich den deutschen Einmarsch in Polen nicht mehr hinnahmen und dem Reich den Krieg erklärten. Das »Werkzeug der Vorsehung«, der unfehlbar geglaubte Hitler, hatte sich als fehlbar erwiesen. Erst als dieser nach dem siegreichen Blitz- krieg gegen Polen im Münchener Bürgerbräukeller das Attentat des schwäbischen Möbeltischlers Johann Georg Elser wie durch ein Wunder überlebte, fand Goebbels, der dem Krieg skeptisch gegen- übergestanden hatte, zu seinem unverbrüchlichen Glauben zurück. In sein Tagebuch notierte er voller Erleichterung: »Er steht doch unter dem Schutz des Allmächtigen. Er wird erst sterben, wenn seine Mission erfüllt ist.«”

Im Frühsommer 1940 schien sich dies zu bestätigen, als die Wehr- macht den »Erbfeind« im Westen, gegen den im Ersten Weltkrieg

54 Zum Hitler-Mythos vgl.: Kershaw, Ian: Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich, in: Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr.41, Stuttgart 1980.

55 Eintrag vom 9.11.1939.

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eine ganze Generation im mörderischen Stellungskrieg ausgeblutet war, in einem weiteren Blitzkrieg niederwarf. Hitler, wohl im Zenit seiner Macht und seines Ansehens, folgten die Deutschen auch noch, als er die Nation aller Erkenntnis des Ersten Weltkrieges zum Trotz in einen Zweifrontenkrieg trieb. Goebbels verkehrte nun ein- mal mehr Ursache und Wirkung, indem er im Zusammenrücken der »westlichen Plutokratien« mit der bolschewistischen Sowjetunion den letzten Beweis für seine Weltverschwörungstheorie des »inter- nationalistischen Judentums« als erbracht ansah.

Schon mit der Machtübernahme hatte Hitlers antisemitischer »Einpeitscher« jene große Abrechnung mit dem Judentum gewollt. Goebbels hatte Hitler stets bedrängt, doch dieser hatte zunächst noch Rücksicht auf die außenpolitische Stellung des Reiches ge- nommen. Nur zweimal hatte Goebbels in Friedenszeiten seinen schrankenlosen Haß in großem Stil organisatorisch umsetzen dür- fen: während des Boykotts der jüdischen Geschäfte am 1. April 193356 und während der sogenannten Reichskristallnacht am 9. No- vember 1938.5’ Was Goebbels, dem diese Pogrome nicht weit genug gingen, blieb, war eine relativ freie Hand innerhalb seines eigenen Zuständigkeitsbereichs als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, aber auch als Präsident der Reichskulturkammer. Seit 1936 ließ er den Kulturbetrieb »entjuden«, nach Maßgaben, die über die Paragraphen der Nürnberger Rassegesetze noch hinaus- gingen.

Angesichts des unerwartet schweren und alles entscheidenden Kampfes gegen die Sowjetunion mußte es Goebbels um so dring- licher erscheinen, die Verbündeten der »Weltverschwörer« im eige- nen Land »auszuradieren«. Er unterließ dabei keinen Versuch, auf Hitler einzuwirken, damit dieser die Aufgabe rasch in Angriff nahm. So stellte Goebbels im August 1941fest, daß es ein »Skandal« sei, daß sich noch 75000 Juden in Berlin »herumtreiben« könnten, von denen nur 23000 im Arbeitsprozeß stünden; die anderen lebten

56 Zur Rolle Goebbels’ vgl.: Reuth, Goebbels, S. 280ff.; zum Holocaust im all- gemeinen vgl.: Hilberg, Raul: Die Vernichtung der europäischen Juden, Ber- lin 1961; Reitlinger, Gerald: Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939 - 1945, 5. Aufl., Berlin 1979.

57 Siehe Reuth, Goebbels, S. 394 ff.

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»als Parasiten von der Arbeit ihres Gastvolkes« und warteten, wäh- rend sie sich »durch unsere Volkskraft [...] ernähren«, auf die deut- sche Niederlage. Er werde sich trotz der bürokratischen und senti- mentalen Hemmnisse aus den Reichsbehörden »nicht verblüffen und nicht beirren« lassen und »nicht ruhen und nicht rasten, bis [...] wir dem Judentum gegenüber die letzten Konsequenzen gezogen haben«.°®

In diesem August 1941 erhielt Goebbels von Hitler die Zusage, sobald Transportmittel zur Verfügung stünden, zuallererst die Ber- liner Juden nach Osten »abschieben« zu können. Obwohl man zu- nächst davon ausging, daß mit den Deportationen bis zum Abschluß der Ost-Operationen gewartet werden müsse, unterschrieb Goeb- bels’ Weggefährte aus der »Kampfzeit«, Daluege, in seiner Eigen- schaft als Chefder Ordnungspolizei auf allerhöchste, wohl unter dem Eindruck des Sieges über die Rote Armee bei Wjasma und Brjansk zustande gekommene Anordnung hin dann doch schon am 14. Okto- ber 1941 den ersten Deportationsbefehl für Berliner Juden.”

Vor der deutschen Öffentlichkeit »begründete« Goebbels die Transporte ineinem an pervertierter Verdrehung und blindwütigem Haß nicht mehr zu überbietenden Aufsatz. Darin schrieber, daß sich an den Juden die Prophezeiung bewahrheite, »die der Führer am 30. Januar 1939 im Deutschen Reichstag aussprach, daß, wenn es dem internationalen Finanzjudentum gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, das Ergebnis nicht die Bolsche- wisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein werde, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa. Wir erleben gerade den Vollzug dieser Prophezeiung, und es erfüllt sich am Ju- dentum ein Schicksal, das zwar hart, aber mehr als verdient ist.«®

58 Eintrag vom 18.8.1941.

59 Zur Deportation der Berliner Juden vgl.: Kempner, Robert Max Wassili: Die Ermordung von 35000 Berliner Juden. Der Judenmordprozeß in Berlin schreibt Geschichte, in: Gegenwart im Rückblick. Festgabe für die Jüdische Gemeinde zu Berlin 25 Jahre nach dem Neubeginn, Heidelberg 1970; Hen- schel, Hildegard: Aus der Arbeit der Jüdischen Gemeinde Berlin während der Jahre 1941-1943. Gemeindearbeit und Evakuierung von Berlin. 16.Oktober 1941 -16.Juni 1943, in: Zeitschrift für die Geschichte der Juden 9 (1972).

60 Goebbels, Joseph: Die Juden sind schuld!, in: Das Reich vom 16.11.1941; siehe dazu: Eintrag vom 19.8.1941.

40 Glaube und Judenhaß

Bis auf viertausend jüdische Bürger, deren man nicht habhaft ge- worden sei oder die als »Partner in privilegierten Mischehen« lebten (tatsächlich dürften es etwa 18000 gewesen sein), glaubte Goebbels am 11. März 1943 sein Ziel erreicht zu haben. In insgesamt 63 Trans- porten wurden 35738 der 1941 noch in Berlin lebenden 66000 Juden deportiert und ermordet. Außerdem gingen bis Kriegsende 117 so- genannte Alterstransporte mit 14979 Juden nach Theresienstadt, von denen nur wenige überlebten. Ihr, aber auch Millionen anderer deutscher und europäischer Juden vor allem intellektueller Weg- bereiter in den Tod war Goebbels, dessen Gau am 19. Mai 1943 als »judenfrei« gemeldet wurde, worin er seine »größte politische Lei- stung«°! sah. Skrupel quälten den Propagandaminister dabei nicht, erachtete er dies doch - insbesondere seit im November/Dezember 1941 die Hoffnungen auf einen schnellen Sieg vor Moskau erfro- ren waren - als den entscheidenden Beitrag zur Rettung des Abend- landes.

Doch nicht nur Goebbels’ Judenhaß hatte mit der zunehmend schwieriger werdenden militärischen Lage eine neue Dimension er- reicht. Goebbels flüchtete sich nun in jenen alten, fanatischen Glau- ben, auf dem seinem Verständnis zufolge seine persönlichen, aber auch die Erfolge des Nationalsozialismus beruhten. Wenn ihnen dieser Glaube fast aus dem Nichts heraus zur Macht verholfen hatte, warum sollte er ihnen jetzt, da sie alle Machtmittel in Händen hiel- ten, nicht den Weg zum »Endsieg« ebnen, suggerierte Goebbels sich selbst und den Deutschen. So auch während seiner wohl bekannte- sten Rede, in der er am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast - soeben war in Stalingrad die 6. deutsche Armee untergegangen - den totalen Krieg einforderte »totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt vorstellen können«.%

In dieser Rede stehen die Konstanten, Glaube und Judenhaß, ex- emplarisch für das Wesen der Goebbelsschen Propaganda. Neben der Abrechnung mit dem sich hinter den »anstürmenden Sowjethor-

61 Eintrag vom 18.4.1943.

62 Die Rede ist abgedruckt bei: Heiber, Helmut (Hrsg.): Goebbels Reden 1939-1945, Düsseldorf 1972, Bd.2, S. 172ff. (weiterhin zitiert als: Heiber, Goebbels Reden); vgl. dazu auch die Eintragungen vom 14.- 18.2.1943 sowie Reuth, Goebbels, S. 518ff.

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den« verbergenden Judentum als dem »teuflische(n) Ferment der Dekomposition, das eine geradezu zynische Genugtuung dabei empfindet, die Welt in ihre tiefste Unordnung zu stürzen und damit den Untergang jahrtausendealter Kulturen [...] herbeizuführen«, beschwor Goebbels den Glauben an das »Wunder des Unmögli- chen«. Erst das »Heldenopfer« Stalingrad machte seinen Ausfüh- rungen zufolge den Weg frei zur erlösungverheißenden Erkenntnis, daß nur der unerschütterliche Wille (Glaube) zum »totalen Krieg« zum »Endsieg« führe. Goebbels nannte als »Beweis« jener im Glau- ben liegenden Kraft neben dem Aufstieg der Partei auch die Uner- schütterlichkeit Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg. So wie der Preußenkönig an den Sieg geglaubt und schließlich gesiegt hatte, glaube auch Hitler und werde siegen, suggerierte Goebbels seinen emotionalisierten und schließlich fanatisierten Zuhörern, von denen er eben jenen unverbrüchlichen Glauben einforderte. Goebbels blieb nicht ohne Erfolg, denn zumindest im Sportpalast war die kollektive Überwindung der Vernunft geglückt. Noch zwan- zig Minuten blieb der Großdeutsche Rundfunk auf Sendung, nach- dem der Mann mit dem Klumpfuß vom Rednerpult gehumpelt war, um die Geräuschkulisse jener exzessiven Massenhysterie über die Rundfunkwellen hinaus ins Reich zu tragen.

Goebbels’ Glaube an die Sendung Hitlers wurde jedoch auf eine harte Probe gestellt, denn seine Vorstellungen vom totalen Krieg ließen sich nicht durchsetzen. Er, der die Kriegslage realistisch ein- schätzte, gab lange Zeit die Verantwortung dafür den Männern aus der unmittelbaren Umgebung Hitlers, allen voran seinem Neben- buhler im Ringen um die Gunst des »Führers«, Martin Bormann. Daß es letztendlich Hitler war, der sich trotz ständig schwieriger werdender Lage an den Fronten gegenüber Vorstellungen von einer Radikalisierung des Krieges wenig aufgeschlossen zeigte, ver- drängte Goebbels.

Wie schon so oft in der Vergangenheit erlag Goebbels auch hier bei den entscheidenden Begegnungen mit Hitler der von diesem auf ihn ausgehenden Faszination: Obgleich Goebbels fest entschlossen war, den »Führer« für seine Vorstellungen gewinnen zu wollen, stimmte ihm dieser in der Sache zu, lenkte jedoch stets alsbald vom Thema ab und schmeichelte dem dafür so anfälligen Minister, der dann wieder aufgeladen »wie ein Akkumulator«, optimistisch und

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glaubensdurchdrungen an die Arbeit ging, auch wenn er faktisch nichts erreicht hatte. In einem Geburtstagsbrief an Hitler schrieb Goebbels: »Daß ich, [....] mit meinen Sorgen immer zu Ihnen kom- men und mich dabei an Ihrer Stärke aufrichten kann, das gibt mir auch in den schwersten Stunden stets neue Kraft und neuen Glau- ben.«®

Obwohl Goebbels keine der wichtigen Entscheidungen Hitlers beeinflussen Konnte, erwog er zu keinem Augenblick, sich in irgendeiner Form gegen »seinen Führer« zu stellen. Schon bei der ersten großen Zerreißprobe, der Bamberger Führertagung‘* im Fe- bruar 1926, als Goebbels gemeinsam mit Gregor Strasser Hitler von den Münchener »Reaktionären« loseisen, ihn für den Sozialismus gewinnen und Elberfeld zum »Mekka des deutschen Sozialismus« machen wollte, mit diesem Vorhaben jämmerlich scheiterte, Hitler statt dessen ein Programm skizzierte, das mit Goebbels’ Vorstel- lungen nichts, aber auch gar nichts gemein hatte, blieb Goebbels dennoch an Hitlers Seite. In sein Tagebuch notierte er: »Welch ein Hitler? Ein Reaktionär? Fabelhaft ungeschickt und unsicher. Russische Frage: vollkommen daneben. Italien und England natur- gegebene Bundesgenossen. Grauenhaft! Unsere Aufgabe ist die Zertrümmerung des Bolschewismus. Bolschewismus ist jüdische Mache! Wir müssen Rußland beerben! 180 Millionen!!! Fürstenab- findung! Recht muß Recht bleiben. Auch den Fürsten. Frage des Privateigentums nicht erschüttern! (sic!) Grauenvoll!«

Da ihm der Glaube Schlüssel zum Überleben in der von der »Canaille Mensch« vermeintlich verderbten Welt und Hitler zur In- karnation dieses Glaubens geworden war, mußten fürGoebbelspoli- tische Ansichten wenigerzählen als die Bindung an »seinen Führer«. Mit anderen Worten: die Zielsetzung des Glaubens, die gerechte, sozialistische Welt, mußte ihm weniger als der Glaube selbst bedeu- ten. Diese gestörte Kongruenz wurde von Goebbels freilich durch seine ausgeprägte Fähigkeit zur Autosuggestion alsbald wiederher- gestellt, indem er sich einredete, Hitler werde lediglich von seinem

63 Goebbels an Hitler am 20.4.1944, BA Koblenz, NL 118/100. 64 Vgl. dazu: Reuth, Goebbels, S. 98. 65 Eintrag vom 15.2.1926.

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»reaktionären« Münchener Umfeld beeinflußt, sei in seinem Kern tatsächlich aber Sozialist. So richtete Goebbels als Berliner Gaulei- ter immer wieder seine haßerfüllte Propaganda gegen »Bourgeoisie und Reaktion« und redete dem Sozialismus das Wort. Er band da- mit den proletarisch-sozialistischen Teil der Berliner Parteibasis an sich und damit letztlich an den »Reaktionär« Hitler. Das seiner in- neren Gespaltenheit entsprechende Handeln trug so entscheidend dazu bei, daß weder infolge des Stennes-Putsches noch der Strasser- Krisen die Partei in zwei Lager auseinanderfiel.

Ähnlich verhielten sich die Dinge, als Goebbels im Frühsommer 1934 irrtümlich glaubte, Hitler schlage alsbald gegen die »Reaktion« im Lande los und vollende damit analog zu den Vorstellungen des Stabschefs der SA die nationalsozialistische Revolution. Goeb- bels’ Propaganda-Feldzug gegen die »Miesmacher und Kritikaster« richtete sich dann ausschließlich gegen die Aristokratie, die »vor- nehmen Herren«. Am 27. Juni 1934, als sich auch noch die »Pfaffen« in einem Hirtenbrief scharf gegen den Staat wandten, notierte Goebbels in sein Tagebuch: »Die Lage wird immer ernster. Der Führer muß handeln. Sonst wächst uns die Reaktion über den Kopf.« Hitler handelte. Doch der Hauptschlag richtete sich gegen die SA-Führung, die die sogenannte »Zweite Revolution« eingefor- dert hatte. Wiederum stellte sich der völlig überraschte Goebbels auf die Seite Hitlers, indem er wie Rosenberg verächtlich fest- hielt -— geradezu darum bettelte, zum »Männerunternehmen«, der Ausschaltung Röhms und der SA-Führung in Bad Wiessee, zuge- lassen zu werden. Wiederum konstruierte sich Goebbels eine »Brücke«, indem er sich und der Nation einredete, die liquidierten SA-Führer hätten im Bunde mit der »Reaktion« und dem feind- lichen Ausland gestanden.

Immer wieder sollte sich Goebbels das Bild vom Sozialisten Hit- ler suggerieren und diesem auf dessen verschlungenen Wegen fol- gen, etwa beim »Pakt mit dem Teufel«, dem Hitler-Staiin-Pakt vom August 1939, dessen Zwischenlösungscharakter der Propa- gandaminister zunächst nicht erfaßte; oder zum Beispiel, als Hitler den Feldzug gegen die Sowjetunion in Angriff nahm, obgleich die-

66 Vgl. dazu: Reuth, Goebbels, S. 310ff.

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ses Unternehmen der großen Lehre des Ersten Weltkrieges zuwi- derlief, nicht noch einmal in einen Zwei-Fronten-Krieg verwickelt zu werden. An Goebbels’ bedingungsloser Gefolgschaft änderte sich auch nichts, als sich seit Frühjahr 1944 mit dem unaufhaltsa- men Näherrücken der alliierten Invasion im Westen des europäi- schen Kontinents die militärische Lage Deutschlands ständig ver- schlechterte. Gleichwohl quälten ihn wieder in verstärktem Maße Zweifel, die er durch die Nähe Hitlers zu ersticken suchte.

Wie ein Quell ungeahnter Kraft wirkte auf Goebbels die Tat- sache, daß Hitler am 20. Juli 1944 das Attentat Stauffenbergs wie- derum wie durch ein Wunder überlebt hatte.’ Goebbels, der von seinem Ministerium in Berlin aus entschlossen den Putsch verei- telte, verkündete propagandistisch überzeichnet im Großdeut- schen Rundfunk: »Dann aber erfüllte eine fast religiöse, andäch- tige Dankbarkeit mein Herz. Ich hatte es schon oft - aber noch niemals so sichtbar und eindeutig wie hier - erlebt, daß der Führer sein Werk unter dem Schutz der Vorsehung erfüllt [...], daß damit aber auch ein über allem menschlichen Tun waltendes göttliches Schicksal uns einen Fingerzeig gibt, daß dieses Werk, auch wenn es noch so großen Schwierigkeiten begegnet, vollendet werden muß, vollendet werden kann und vollendet werden wird.«°®

Nachdem Goebbels doch noch die Vollmachten zur Totalisie- rung des Kriegseinsatzes erhalten hatte, nachdem er in seiner Eigenschaft als Reichsbevollmächtigter Hunderttausende für Waf- fenschmieden und Fronten freigemacht hatte, nachdem durch sein Zusammenwirken mit Speer die deutsche Rüstungsmaschinerie noch einmal auf Hochtouren gebracht worden war, nachdem die an die Ardennen-Offensive geknüpften Hoffnungen zerstoben wa- ren und die Truppen der Anti-Hitler-Koalition in Ost und West weiter auf Reichsgebiet vorstießen, schien dann aus Goebbels’ Sicht gleichsam in letzter Stunde das »Wunder des Unmög- lichen« als Triumph des Glaubens doch noch Wirklichkeit zu wer- den. Am 12. April 1945 starb im Warm Springs der amerikanische Präsident Roosevelt, wovon sich Goebbels analog zum Tod der

67 Ebda., S. 548 ff. 68 Heiber, Goebbels Reden, Bd.2, S. 343.

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Zarin Elisabeth im Siebenjährigen Krieg, der die russisch-öster- reichische Entente sprengte und somit Friedrich und Preußen ret- tete, den Bruch innerhalb der »jüdischen Weltverschwörung«, den Bruch zwischen »westlichen Plutokratien« und Bolschewismus, versprach.‘? In seiner traditionellen Rede am Vorabend von Hit- lers Geburtstag verkündete Goebbels: »Gott wird Luzifer wie schon so oft, wenn er vor den Toren der Macht über alle Völker stand, wieder in den Abgrund zurückschleudern, aus dem er ge- kommen ist. Ein Mann von wahrhaft säkularer Größe, von einem Mut ohnegleichen, von einer Standhaftigkeit, die die Herzen er- hebt und erschüttert, wird dabei sein Werkzeug sein.«’®

Als das Wunder auf sich warten ließ, die Rote Armee statt des- sen von der Oder zur letzten Offensive zur Einnahme der Reichs- hauptstadt angetreten war, blieb Goebbels die Aufgabe, seinen vor dem physischen und psychischen Zusammenbruch stehenden, mit Fluchtgedanken spielenden »Führer« zu stärken, ihn nur nicht aus der Rolle des von einer höheren Macht Gesandten fallen zu lassen. Nur von einem solchen Hitler bezog Goebbels nämlich seine Glau- benskraft, die er angesichts des bevorstehenden Endes mehr denn je benötigte. Hitler mußte der »Messias« bleiben, damit sich Goeb- bels nicht eingestehen mußte, daß sein Leben letztlich auf einem gewaltigen Selbstbetrug gründete, daß sein Glaube nichts anderes als Fiktion war. Statt dessen sollte der Fortbestand der politischen Religion Nationalsozialismus über beider Tod hinaus gewährleistet werden. Mit Blick auf diese Zeit spekulierte Goebbels: »Würde der Führer in Berlin einen ehrenvollen Tod finden und Europa bol- schewistisch werden - in fünf Jahren spätestens wäre der Führer eine legendäre Persönlichkeit und der Nationalsozialismus ein My- thos, weil er durch den letzten großen Einsatz geheiligt wäre.«’'

Am 30. April 1945 nahm sich Hitler im Bunker unter der Reichs- kanzlei das Leben. Nach einem gescheiterten, aus der Furcht vor dem Ende entsprungenen Versuch, mit Stalin ein Arrangenıent zu finden, folgte Goebbels »seinem Führer« am Tag darauf gemein-

69 Reuth, Goebbels, S. 592 ff.

70 Heiber, Goebbels Reden, Bd.2, S.452.

71 Goebbels während der Lagebesprechung am 25.4.1945, in: Der Spiegel vom 10.1.1966.

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sam mit seiner Frau Magda in den Tod.’ Mit der Begründung, daß ein Leben nach Hitler und dem Nationalsozialismus nicht mehr le- benswert sei, hatte Magda zuvor beider sechs Kinder vergiftet. Ein letztes Mal, wohl in der pervertiertesten Form, hatte Goebbels da- mit seinem fanatischen Glauben Genüge getan - einem Glauben, zu dem stets jene düstere Ahnung des Endes gehörte, die er im Jahre 1925 in einem offenen Brief an Hitler in die pathetischen Worte gekleidet hatte: »Dann mag ein Tag kommen, wo alles zer- bricht. Wir zerbrechen dann nicht. Dann mag eine Stunde kom- men, wo der Mob um Sie geifert und grölt und brüllt, »Kreuziget ihn!«; wir stehen dann eisern und rufen und singen »Hosiannah!«. Dann steht um Sie die Phalanx der Letzten, die selbst mit dem Tode nicht verzweifeln. Der Stab der Charaktere, die Eisernen, die nicht mehr leben wollen, wenn Deutschland stirbt.«’?

72 Vgl. dazu: Reuth, Goebbels, S. 610ff. 73 Goebbels, Joseph: Der Generalstab, in: Goebbels, Joseph: Wege ins Dritte Reich. Briefe und Aufsätze für Zeitgenossen, München 1927, S. 7ff., hier S. 9.

DIE TAGEBÜCHER DES JOSEPH GOEBBELS

1897-1923 Erinnerungsblätter

Von 1897 bis zu meinem ersten Semester 1917 in Bonn

Geboren am 29. Oktober 1897 in Rheydt, einem damals aufstreben- den Industriestädtchen am Niederrhein in der Nähe von Düsseldorf und nicht allzuweit von Cöln !. Der Vater Fritz ist Handlungsgehilfe mit 150 M Monatsgehalt. Mutter Katharina. Das Geburtshaus liegt in der Odenkirchenerstraße. Onkel Schmitz im Unterhaus gehört zu meinen frühesten undeutlichen Erinnerungen. Um 1899 tauschen die Eltern die Wohnung in der Odenkirchenerstraße mit einer gleichkleinen Etagenwohnung in der Dahlenerstraße (Rüttens Haus). Daran habe ich gar keine Erinnerung mehr. Um 1900 kauft der Vater ein eigenes kleines, unscheinbares Haus etwas weiter die Dahlenerstraße herauf (No 140, jetzt 156), mein eigentliches Vater- haus, in dem wir heute noch ununterbrochen wohnen. Vater ge- borener Rheydter, in Morr aufgewachsen.” Stammt aus einer aus Beckrath (bei Odenkirchen) zugezogenen Schneiderfamilie. Groß- vater Conrad mir noch ganz schwach erinnerlich. Große Nase. (Wie Vater und besonders Onkel Heinrich auch.) 4 Kinder: Heinrich, Christina (Stina), Vater und Elisabeth. (Lieschen.) Großmutter ein kleines liebes Frauchen. Lebt noch bis weit in meine Jünglingsjahre hinein. An sie sehr liebe und angenehme Erinnerungen. Tante Stina meine Patin. Klein, lustig, freundlich, ich hatte sie immer sehr gern.

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Schreibeigenheiten und orthographische Fehler des Autors im handschrift- lichen Tagebuch wurden unverändert übernommen; an markanten Stellen sind sie —- wie auch Auslassungen und Flüchtigkeitsfehler - durch [!] gekenn- zeichnet. Siehe dazu die editorischen Anmerkungen im Anhang, S. 2189 ff. Kopien der Geburts- und Sterberegister (Standesamtsunterlagen zu den Vor- fahren von Joseph Goebbels sowie die Familienchronik) befinden sich im StA Mönchengladbach.

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Tante Lieschen war nur mein steter Ärger und Verdruß. In meinen Jungenjahren ging sie gerade den Weg der alten Jungfer. Reizbar, tückisch, mißgünstig, so ist sie bis heute geblieben. Onkel Heinrich der rechte Onkel mit dicker roter Nase und Bierbäuchlein. Klein, lustig. Reiseonkel in Stoffen; soweit ich denken kann, kam er all- jährlich 2 mal vor der Saison mit den neuesten Musterkollektionen. Mutter in Holland geboren: Waubach?, direkt an der Grenze. Groß- eltern habe ich beide nicht gekannt. Großvater Schmied. Groß, breit, muskulös mit langem Bart. Er ist mir in der Phantasie immer der liebste meiner Vorfahren gewesen. Starb als Mutter noch Kind war in M. Gladbach im Alexianerkloster am Schlagfuß*. Mutter erzählt heute noch gerne die Geschichte davon. Großmutter nach dem Bilde genau Mutter. So lieb und so mager. Nach dem Tode ihres Mannes nach Rheindahlen als Haushälterin eines entfernten Verwandten, des Oberpfarrers Schürmann (der Här). Dort verlebte Mutter ihre eigentliche Jugendzeit, daher erzählt sie am liebsten von Rheindahlen und vom »Här«. Dahin auch alle Onkels und Tanten dirigiert, mit Ausnahme von Ohm Joseph (meinem Paten), der in Waubach als Bauherr verblieb. (Onkel Johann, verh. mit Tante Bella, Onkel Peter, verh. mit Tante Trina, Tante Anna, verh. mit Onkel Pitter, und Tante Maria, verh. mit Onkel Albert.) In Rhein- dahlen lernten Vater und Mutter sich kennen und heirateten im Jahre 1892. Ältester Sohn Konrad, dann Hans, (Maria starb früh), dann ich, dann Elisabeth (f 1915 im Alter von 15 Jahren) und als letzte Maria, meine liebe gute Schwester. In unserem eigenen Hause erwachte ich eigentlich zum Leben. Aus der frühen Jugend kaum noch Erinnerungen. Spielkameraden meine beiden älteren Brüder. Konrad ein gutmütiger Schluffer (de Job) und Hans, ein Galgenstrick und Tausendsassa. Dazu kommen Maßen Hans, Mol- loch Will, Maßen Werner, Maßen Peter und Müllers Otto (Öttche). In Erinnerung ist mir eine langwierige Krankheit (Lungenentzün- dung mit grausigen Fieberphantasien), aus der ich als schwächliches Kerlchen nur noch herauskam. Dann steht vor mir ein Sonntag, an

3 Gemeint ist Übach over Worms auf der holländischen Seite des Grenzflusses Wurm in der Nähe Aachens. 4 Gemeint ist Schlagfluß, damals gebräuchliche Bezeichnung für Schlaganfall.

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dem wir mit der Familie einen großen Spaziergang nach Geisten- beck machten. Am anderen Tag auf dem Sofa bekam ich mein altes Fußleiden°; Mutter dabei am Waschtrog. Schreien. Wahnsinniger Schmerz. Masseur Schiering. Lange Behandlung. Fuß fürs Leben gelähmt. In Bonn in der Universitätsklinik untersucht. Achselzuk- ken. Jugend von da ab ziemlich freudlos. Eins der richtunggebenden Ereignisse meiner Kinderzeit. Ich wurde auf mich angewiesen. Konnte mich nicht mehr bei den Spielen der anderen beteiligen. Wurde einsam und eigenbrödlerisch. Vielleicht deshalb auch der ausgemachte Liebling zu Hause. Meine Kameraden liebten mich nicht. Kameraden haben mich nie geliebt, außer Richard Flisges. Mit 6 Jahren in die Volksschule. Direkt neben unserem Hause. Leh- rer... (der mir am liebsten war, weil er noch mit rechter Begeiste- rung erzählen konnte), Hilgers, ein Schubiak und Lump, der uns Kinder mißhandelte und uns das Schulleben zum Greuel machte. Kleines blondes Bärtchen. Höchst unangenehme Erinnerung an ihn. Mutter fand einmal die Striemen von seinem Stock beim Baden auf meinem Rücken. Damals war ich eigensinnig und eigenden- kend, genug, ein frühreifer Knabe, den kein Lehrer leiden mochte. Zuletzt Lehrer Hennes, ein Lügenfritze, der vor uns Kindern aller- lei dummes Zeug auspackte und mit den 4 Ausgaben seiner Kölni- schen Zeitung prahlte. Ist jetzt Handelsschuldirektor in Barcelona. Gescheidter[!] Kopf. Rektor der Schule war Herr Deutsch (der deutsche Fritz). In mein letztes Volksschuljahr fällt meine Fußope- ration im Krankenhaus. Ziemlich verunglückt. 3 Wochen im Kran- kenhaus. Sonntags großen Besuch. Als Mutter wieder heimgehen wollte, habe ich schrecklich geschrien. Sonst noch in grausamer Erinnerung die letzte halbe Stunde vor der Narkose und daß Nachts[!] am Krankenhaus die Züge vorbeiratterten. Tante Stina brachte mir Märchenbücher von dem reichen Herbert Beines mit, die ich geradezu verschlang. Meine ersten Märchen. Zu Hause wurde wenig erzählt. Diese Bücher weckten erst meine Freude am

5 Aus den wenigen Angaben, die Joseph Goebbels über sein Leiden macht, läßt sich dennoch mit ziemlicher Sicherheit schließen, daß er unter einem neuro- genen Klumpfuß infolge einer Knochenerkrankung litt. Siehe dazu: Reuth, Goebbels, S.15f. und S.619, Anm. 14 und 16; zu den seelischen Folgen siehe: Michael Voormann, Teil I, BA Koblenz, NL 118/126.

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Lesen. Von da ab verschlang ich alles Gedruckte einschließlich Zei- tungen, auch die Politik, ohne das Mindeste davon zu verstehen. Kaum war ich wiederhergestellt, da wurde ich von der Volksschule zum Gymnasium übergesiedelt. Herr Hennes schrieb mir aufs Zeugnis alles Gut und 300 Tage im Halbjahr versäumt. Auf Rück- sprache von Vater hin alles in Sehr gut und 30 Tage Versäumnis umgeändert. Sexta: Lehrer Lingens in Französisch, Krahwinkel (Setz dich wieder Junge, ich habe genug von dir, - unser ständiger Ekel und unsere ewige Angst) in Rechnen, Voss in Deutsch, derje- nige, der bis Oberprima den größten Einfluß auf mich behielt. Meine Freunde waren Herbert Beines und Hubert Hompesch. Dann auch noch Herbert Lennartz, der Sohn vom Chef meines Va- ters. Starb im folgenden Jahr an einer Nasenoperation. (1909) Auf mich von größtem Eindruck. Ich wollte nachmittags zu ihm, um mit ihm die Hausarbeiten zu machen, da lag er schon tot. Mein erstes Gedicht: »Hier steh’ ich an der Totenbahre,/Schau deine kalten Glieder an,/Du warst der Freund mir, ja, der wahre,/Den ich im Leben liebgewann. /Du mußtest jetzt schon von mir scheiden, / Lie- Best das Leben, das dir winkt, /Ließest die Welt mit ihren Freuden, / Ließest die Hoffnung, die hier blinkt.« u.s. w. Eine typische Pennä- lerklage. Bei Herbert Beines Schularbeiten und Spielen. Traud- chen. Dicke Frau Beines, Karl, Beines Wellem (f 1919). Da kam ich zum ersten Male in ein begütertes Haus. Herbert schüchtern und verzogen. Gemeinsamer Freund war Herbert Harperscheidt. Rowdy. Dreckspatz. Seine Stiefmutter war die Schwester von Frau Beines, Tante Therese. Kam immer sehr sauber in Schürze. Ihr ge- genüber erste Regung zum Weibe. Heute noch nicht ganz ge- schwunden. Heiratete damals den Brauereidirektor Harperscheidt, Herberts Vater. War eine rechte Stiefmutter Herbert gegenüber. Vater heute sehr heruntergekommen. Kleiner Agent. Herbert im Kriege verdorben. Heute von den Eltern verstoßen. Hat ein kleines Mädchen aus Arbeiterfamilie geheiratet. Glücklicher Familienva- ter. Spielten im Zug und Windmühle. Oftmals langweilig. »Traud- chen, was sollen wir tuen?« Schachspielen, Theater, Puppen- theater. Selbstverfaßte Schauertragödien. Eintritt 3 Pfennig. Angst vor der Lustbarkeitssteuer. Preisschießen. Von dem Erlös kaufte ich mir eine Schreckschußpistole. In der Schule ziemlich faul und teilnahmslos. Herbert Hompesch Primus. Sein Onkel Hompesch

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Kirchgangtreiberei. Kaplan Mollen. Lehrer Probach. »Ackerbau und Viehzucht«. »Etwas Forstwirtschaft«. Deutsch bei Voss. Ge- dichte erklären. Lieblingsstunden. Untertertia erste Häutung. Zu- erstohne Verstand für Latein. Dann ein Aufschwung. Primus. Ernst Heynen. Max Falcke. Eugen Camphausen. Peter Backes und Peter Backus. Oberlehrer Bartels. In Quarta und Untersekunda. Eröff- nete den Sinn für Geschichte. Prof. Rentrop in Erdkunde. »Hm. Hm. Hompesch ab!« Dieses Gesicht. Prof. Foerster (Käs von Caesar = Caes. im Klassenbuch.) Prof. Klas’. Original. Direktor Rolfs. Käs Geschichte. »Herr Professor, ist das ein Zebra.« (...) Fritz Schlüter. Willy Zilles. Prof. Schmidt-Hartlieb. Mein verlorenes Buch von Miß Hellen Keller. Von 1912-1914 erste Liebe zu Maria Liffers (heute Frau Reimann). Sentimentale Periode. Schwülstige Briefe. Ge- dichte. Daneben Liebe zu reifen Frauen. (Frau Morkramer, Frau Lennartz Mutter von Herbert L.) Deren Familiengeschichte. Erinnert mich heute an die Buddenbrooks. Krach mit Voss und Ka- plan Mollen wegen Maria Liffers. Zu Hause Krach. Die Eltern von ihr kommen zur Beschwerde. Hans mit dem Rasiermesser. Von mir gefälschte Briefe an Maria. Stipendium von der Stadt durch Voss abgelehnt. Bescheid verbrannt. Entsetzlicher Krach mit Vater. Herbert und M.. Witti. Hompesch und Maria Jungbluth. Später Willy Zilles und Thesi Kothes. In Schloß Dyck photographiert. Bild bei Willy gefunden. Grauenhafter Lärm zu Hause. Dunkles Seh- nen. Eros erwacht. Als Junge schon auf gemeine Weise aufgeklärt. Mieblung. Hövel. Rentrop. Voss. Rolfs. August Bach. Lesen Storm, Keller:® Gedichte. Dichte selbst. Sehr sentimental. Volks- liedeinflüsse. Erich Kricke und sein Aufsatz über die Glocke. Artur Reiners und Ella Lingen. 1914 nach Obersekunda. Richard Flisges; lerne ihn da kaum kennen. Kriegsausbruch. Mobilmachung. Alles

6 Siehe dazu: Goebbels, Joseph: »Gerhardi Bartels Manibus!«, Beitrag zu der Gedächtnisschrift für den Oberlehrer Dr. Gerhard Bartels, Rheydt, S. 25ff. (6.12.1919), BA Koblenz, NL 118/120.

7 Richtig: Klaas.

8 Über beide Dichter schrieb Goebbels die Abhandlungen: »Theodor Storm als Lyriker. Zu seinem 100.Geburtstag am 14.September 1917 von P. Joseph Goebbels«; »Gottfried Keller«, handschriftliches Fragment, beide Bestand Genoud, Lausanne.

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zu den Fahnen. Schmerz, daß ich nicht mitkann.? Auf dem Kirch- turm. Willy Zilles. Ich liebe Thesi Kothes. Herbert Beines mit Mar- tha Schmidt. Die ersten Kameraden als Verwundete. Mein Dienst bei der Reichsbank. Allmählich viele Kameraden weg. 1915 Elisa- beth gestorben. Ergreifendes Gedicht. Öde Kriegsaufsätze.' Warum müssen, wollen und werden wir siegen? Kriegspsychose. Man merkt nichts. Weißenfels (meine Szene vor dem Schulrat). Keine Begabung für Mathematik. Aufsätze. Voss erzieht mich mit Hohn und Ironie. Hölzern, steif. Nüssel (Prof. Kunz). Voss »zu den Fahnen«. Pitter mit der Schneebrille. Allgemeine Drückerei. Die Jungens sind tapferer als die »deutschen Lehrer«. Fritz Prang. Prof. Graf. Prof. Greeven. Hompesch eingezogen.!! Klasse fängt an, leer zu werden. (Hans gefangen.)!? 1915-1918 Liebe zu Lene Krage."? Rheindahlen. Erster Kuß auf der Gartenstraße. Stark sinnlich. In Rheindahlen Sonntagabende. Musik vom Kauf eines Klavieres bis dorthin. (1909-1916.) Lene eigensinnig. Mit ihr viel Qual. Ich be- ginne ein Tagebuch. VielGedichte. Alles verlorengegangen. Kame- raden entfremdet. Nur noch mit Lene. Wunderbare Jugenseligkeit. Natürlich heiraten. Ehrensache. Weihnachten bekommt Lene einen Band Gedichte (bei Voss »versunkene Glocke« gelesen. Gro-

9 Goebbels ließ sich ein »Zeugnis über die wissenschaftliche Befähigung für. den einjährig-freiwilligen Dienst« (3.4.1914, BA Koblenz, NL 118/113) aus- stellen und tat im ersten Kriegswinter Ersatzdienst bei der Reichsbank.

10 Goebbels, Joseph: »Wie kann auch der Nichtkämpfer in diesen Tagen dem Vaterland dienen?« (Klassenaufsatz vom 27.11.1914); ders.: »Das Lied im Kriege« (Klassenaufsatz vom 6.2.1915), beide: BA Koblenz, NL 118/117; ders.: »In utraque fortuna utriusque memor« (Klassenaufsatz vom 30.6. 1916), Bestand Genoud, Lausanne.

11 Zwischen Anfang 1915 und Mitte 1918 schrieb Hubert Hompesch Joseph Goebbels eine Vielzahl von Feldpostbriefen und -karten; gleiches taten Goebbels’ Schulfreund Willy Zilles zwischen Oktober 1914 und April 1918 sowie ferner u.a. Hubert Offergeld, Ernst Heynen, Olaf Zilles, Ralf Zilles, Herbert Beines, Joseph (Robby) Klinkhammer, FritzSchlüter und Paul Witt- stamm (Bestand Genoud, Lausanne, insgesamt 155 Stück).

12 Goebbels’ Bruder Hans geriet im Frühsommer 1916 in französische Kriegsge- fangenschaft, aus der er Ostern 1920 mit »Haß[...] und Kampfgedanken« ins heimatliche Rheydt zurückkehrte (TGB Erinnerungsblätter (EB), Osterfe- rien in Rheydt 1920, und TGB EB, Anm. 51).

13 Es existieren zahlreiche Briefe von Lene Krage an Joseph Goebbels 1916-1920, BA Koblenz, NL 118/112.

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Ber Einfluß). 1917 Abitur. Abschiedsrede.!* Examen mit Pfusch. Walter Klüth. Geld durch Stundengeben erspart. (besonders[ !] be- deutungsvoll bei Direktor Dr. Gruber. Ich liebe die Frau fast wahn- sinnig.) Kampf mit dem Geschlecht. Glaube krank zu sein. Bis heute noch nicht wieder geheilt. Herbert Beines will mit nach Bonn. Voss redet mir die Medizin aus. Also Deutsch und Geschichte. Es ist ja gleichgültig. Schlimmes Hungerjahr von 1917. Wir werden schon durchkommen. Abschied von Lene. Nachts im Kaiserpark einge- schlossen. Ich küsse zum ersten Male ihre Brust. Sie wird zum ersten Male zum liebenden Weib.

Sommer 1917- Sommer 1918 in Bonn

Mit Backus und Beines nach Bonn. Anfang April. Noch rauh und kalt. Zum ersten Mal von Hause. Heimweh nach Lene. Wohnung Koblenzerstraße. Dumpfes Hinbrüten. Geldsorgen. Viel Hunger. Stundengeben an unverschämte Jungens. Universität von wenig Einfluß. Litzmann »Heinrich Heine«, Clemen »deutsche Kunst«, Schulte »Geschichte«. Litzmann deklamiert gut, Clemen ein tüchti- ger Gelehrter, Schulte ein pedantischer Knarrer; kein Mann, impo- nierend Johannes Maria Verweyen. Aber ich verstehe nicht viel. Backus. Unitas Siegfridia'. Ich halte gleich die Festrede über Wil- helm Raabe.!® Neue Gesichter. Hans Ortzen (Hassan), Klinkham- mer Joseph (Robby gefallen 1917). N... Sternberg (... undP...) Karl Heinz Kölsch (Pille) '” Leibbursch. Mein Ideal. Kommt Pfing- sten mit nach Hause. Ich nehme den Namen Ulex (nach Raabe)

14 Goebbels, Joseph: Abiturientenrede vom 21.3.1917, BA Koblenz, NL 118/ 126.

15 Richtig: Unitas Sigfridia. Sie zählte zum Unitas-Verband der wissenschaft- lich-katholischen Studentenvereine.

16 Goebbels, Joseph: »Wilhelm Raabe«, ohne Datum, Bestand Genoud, Lau- sanne. Es handelt sich offenbar hierbei um eine überarbeitete Fassung seines Aufsatzes über den Dichter vom 7.3.1916 (Bestand Genoud, Lausanne); Unitas, 57. Jg., 1916/17, S.279; siehe dazu auch: Schrader, Hans-Jürgen: »Joseph Goebbels als Raabe-Redner«, in: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft (1974), S. 112 ff.

17 Vgl. dazu: Briefe von Karl Heinz Kölsch an Goebbels 1917-1919, BA Ko- blenz, NL 118/111.

56 Sommer 1917- Sommer 1918 in Bonn

an.'!® Unbezahlter Bierzipfel. Interessen. Ohne Befriedigung. Von der Einziehung nochmal frei. Besuch in Bonn. Geld zu Ende. In den Ferien nach Hause. Lene. Eine Nacht mit ihr in Rheindahlen auf dem Sofa. Rein geblieben. Ich fühle mich als Mann. Unbezahlte Rechnungen von Bonn. Krach zu Hause. Vater springt ein. Geisti- ges Erlebnis von Bonn gleich Null. Zu Hause Stundengeben. Novel- len »Ein fahrender Schüler«. »Die die Sonne lieben.«'? Schwülstig sentimental. Kaum noch genießbar. Von der K. Z. zurückgeschickt. Oktober neues Semester. Poststraße. H.. (Piefke), (Hanke), Schütze. Grube mit einem Arm (daher G..), Sch... (Schmidt, der sein Physikum macht), Wittstamm aus Bocholt. Prof. Enders und Dyroff. Kölsch’s Schwester Agnes.?” Ekel gegen Lene. Liebe Ag- nes. Besucht mich zu Hause. Auf dem Sofa kalter Kuß. Mit nach Werl. Lieb aufgenommen. Vater Kölsch, Mutter Kölsch, Liesel und Hermann. (Liesel f 1918). Liesel liebt mich, ich liebe Agnes. Spielt mit mir. Frankfurt zum Stiftungsfest. Von da nach Werl. Pille auch da. Von Hede Beidermühl abgewimmelt. Große Aufregung. Üggel Loskant, Agnes’ früherer Geliebter. Stoff zu einer Novelle »Zigeu- nerblut«.?! Silvester in Werl. Hassan liebt Agnes. Aussprache auf der Poppelsdorfer Allee. Großes Durcheinander. Schwüle Atmo- sphäre. Bruch mit zu Hause. Nach Bonn zurück. Stundengeben gemeinsam mit Kölsch. Godesberg im Internat. Die Ferien durch. Agnes in Bonn. Eine Nacht mit ihr in Hassans Zimmer. Ich küsse ihre Brust. Zum ersten Male ist sie restlos gut zu mir. Hatte die Türe aufgelassen und log nachher. Mit ihr nach Werl. Eine Woche dort. Pilgerfahrten jeden Samstag nach Werl mit Hassan, Piefke und

18 Goebbels wählte den Namen »Ulex«, weil er einen Roman von Wilhelm Raabe (Die Leute aus dem Walde) liebte, in dem der Held diesen Namen trägt; »ein alter deutscher Idealist, tief und träumerisch, wie wir Deutschen alle sind, trotz aller Industrie und materialistischer Zeitströmungen«; siehe dazu: Reuth, Goebbels, S. 29f.

19 Goebbels, Joseph: Bin ein fahrender Schüler, ein wüster Gesell... , Novelle aus dem Studentenleben, Sommer 1917; ders.: Die die Sonne lieben, Sommer 1917, beide: BA Koblenz, NL 118/117.

20 Siehe dazu den Briefverkehr zwischen Goebbels und den Mitgliedern der Familie Kölsch (1917-1919), BA Koblenz, NL 118/111.

21 Goebbels, Joseph: Zigeunerblut, Novelle, Winter 1917/18, BA Koblenz, NL 118/117.

Sommer 1918 in Freiburg im Breisgau 57

Backus. Liesel in Bonn. Eine Nacht mit ihr in Hassans Zimmer. Ich schone sie. Sie ist restlos gut zu mir. Sie ist noch ein Kind. Wir sind beide noch Kinder. Ich bin so etwas wie zufrieden über eine gute Tat. Kaum zur Universität. Novelle »Märchenballade«.”? Alles im selben Stil. Mit Götz zusammen wohne ich in der Dorotheenstraße. Am Ende des Semesters ziehe ich zu Kölsch in die Wesselstraße. Qual und Unruhe. Zeit des Gärens. Ich suche und finde nicht. Kölsch fällt mir auf die Nerven. Ich hasse ihn manchmal. Mit ihm nach Betzdorf zum Mungo Stangin. (Ein verdorbener Bursche, zeigt einen Embryo in Spiritus als seinen Sohn.) Pferdekämper (Bimmel). Mit Kölsch Essen und Betzdorf herrlich. Im April nach Hause. Tränen kommen mir in die Augen. Ade, mein Bonn. Vieles bindet mich nicht an dich. Wohin? Kölsch nach Freiburg. Telegra- phiert. Ich nach Münster, näher bei Agnes. Keine Wohnung. Sehn- sucht heraus. Einige Tage in Werl. Ja, nach Freiburg. Agnes will uns besuchen. Zu Hause auf einen Sonntag. Dann los.

Sommer 1918 in Freiburg im Breisgau

Schon Mai, als ich ankomme. Eine wunderbare Fahrt den ganzen Süden herunter. Um 6" Ankunft. Kölsch umarmt mich. Ich wohne mit ihm zusammen. Breisacherstraße. »Ich kenne schon ein liebes Mädchen, Anka Stalherm, eine Studentin, die mußt du auch ken- nenlernen!« Und wie tief und ganz habe ich dich kennen gelernt, Anka Stalherm!?? Freiburg, die Stadt, das Münster, der Schloßberg. St. Ottilien. Universität. Schnell eingelebt. Prof. Michael Ge- schichte. Mittags von 12-1" im alten Gebäude auf der Reschhold- straße, bei Prof. Thiersch über Winkelmann ** und »frühgriechische Plastik«. Ein altes Weib hustet. Ich fluche. Meine Nachbarin nickt mir halb unwillig Beifall. - Das ist Anka Stalherm. Nach einem

22 Goebbels, Joseph: Märchenballade, Novelle, 1918, BA Koblenz, NL 118/ 126.

23 Mit Anka Stalherm verband Goebbels zwischen 1918 und 1920 eine innige Beziehung, über die etwa 120 (Liebes-)Briefe überliefert sind. Sie befinden sich in: BA Koblenz, NL 118/109, 118 und 126 sowie Bestand Genoud, Lau- sanne.

24 Richtig: Winckelmann.

58 Sommer 1918 in Freiburg im Breisgau

Abendvortrag von Prof. Michael (ich bin ganz allein da) werde ich von Kölsch vorgestellt. Ich merke, daß er wieder einmal mit mir geprahlt hat. Mit ihr im archäologischen Seminar. Sie lacht immer, wenn ich komme. Rachf.. , Geyser, Kluge. »Kommen Sie doch mal mit Herrn Kölsch mit. Der ist so...« Nichts, was ich lieber täte. Abends zu dreien auf den Schloßberg. Kölsch leidet Qualen. Wir mieten ein Klavier. Ich bleibe abends zu Hause und musiziere, denke auch manchmal an Anka Stalherm. Sie wohl auch an mich, wenn sie mit Kölsch durch den Schwarzwald streift. Theo Geit- mann,” der Alchimist. Liesel Klein. Ingo Bartel. Dr. Schmuckle. L... Redloff. Die letzte Osterbeichte. Der alte Friedhof. Herr Meller aus Düsseldorf. Frau Kunzmann. Schöne Abende allein. Manchmal bei Theo. Nach St. Ottilien. Unbewußt trage ich Anka im Herzen. Pfingstferien. Mit Kölsch, Ogedding (aus Oldenburg »großer Ochse einsteigen« G.O.E.) und Bartel an den Bodensee. Donaueschingen. »Seltene Sch... en« schreibt Bartel in sein Reiseta- gebuch. Weiter. Nachmittags in Beuron. Anka ist da. Freude groß. Ausflug auf die Wildensteinburg. Kölsch von Hund gebissen. Anka in Sorge. Lacht aber mit uns. Abends Musizieren. Ich spiele eigene Kompositionen. Anka ist begeistert. Kölsch vertraut mir ganz. Er istjaauch noch nicht im Reinen. In dieser Nacht schlafe ich das erste Mal mit Anka Stalherm unter demselben Dach. Am Morgen ins Kloster. Dann Abfahrt. Anka, Liesel Klein und Herr Meller blei- ben. Herzlicher Abschied. Ach, wie soll ich diese Unruhe weiter tragen? Mit Kölsch keine Freude mehr auf dieser Tour. Siegmarin- gen?®. Lindau. Mit Schiff nach Meersburg. Annettens?’” Zimmer und Grab. Stille Stunde. Übernachten im kleinen Gasthaus. Drau- Ben plätschert ein Brunnen. Wunderbar verträumte Nacht. Die an- deren voraus. Ich bleibe in Meersburg. Kahnfahrt. Zu weit. Mit dem Nebelhorn zurückgerufener Spion. Abends in Konstanz. Treffe Kölsch am Bahnhof. Sie waren in Überlingen. Morgens die Stadt und... . Nach Reichenau. Mittelzell?®. Alter Dom. Karl der

25 Vgl. dazu den Briefverkehr zwischen Joseph Goebbels und dessen Studien- kollegen Theo Geitmann (1918-1920), BA Koblenz, NL 118/112.

26 Richtig: Sigmaringen.

27 Gemeint ist die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.

28 Richtig: Mittel-Zell.

Sommer 1918 in Freiburg im Breisgau 59

Dicke. Kölsch, Bartel und die dreizehn Apostel. Unerträgliche Ge- sellschaft. Golding photographiert und vermittelt. Dom zu Ravens- burg. Riesenorgel. Spiele darauf. Dämlicher Organist. Zurück. Sin- gen. Hohentwiel. Kölsch geht noch für ein paar Tage zu Anka nach Beuron. Mir bricht das Herz, und ich weiß nicht warum. Freiburg. Geldsorgen. Onkel Cohnen schickt 200M. Was nützt mir das? Kölsch mit Anka von Beuron zurück. Sie sind beide wie verklärt. Eines Samstagsabends nimmt Anka mir meine Zigaretten ab. Nach Hause. Neckischer Brief an sie. »Wie duftet doch der Flieder«.... [Punkte von G.]. Redde cigarettes. Anderen Morgen alle zusam- men in der Kapelle auf dem alten Friedhof. Theo und Liesel Klein. Herr Meller und Anka. Kölsch böse um meinen Brief an Anka. Anka steckt mir eine Schachtel Zigaretten in die Tasche. »Zum Dank.« Abend bei ihr. Alle zusammen. Liesels Mutter da. Ich lese mein Epos von der Gefangenschaft”? (unter dem Einfluß von... ge- schrieben) vor. Anka ist still begeistert. Kölsch spielt klägliche Rolle. Er leidet. Anderen Morgen Besuch. Anka und ich lachen uns immer an. Abends alle im »Kopf« zum Konzert. Anka redet den ganzen Abend nur mit mir. Erzählt von ihren Neffen Karl Heinz und Rolf. Allmählicher Bruch zw. Anka und Kölsch. Dafür größerer Anschluß bei mir. Viel im archäolog. Seminar. Spaziergänge. Klagt über Kölsch. Auseinandersetzung mit Kölsch, weil er ein Dieb und ein Schuft ist. Er ist sehr geknickt. ... Feindschaft. Anka und ich auf dem Schloßberg. Lesen an einem Sonntag die »versunkene Glocke«. Es kam wie von selbst. Das Ende lesen wir auf ihrem Zim- mer. An einem regnerischen Sonntag. Ich musiziere. Künstlerpro- bleme. Sie versteht mich. Sie ist noch ganz und gar unschuldig. Theo Geitmann und Anka mit Liesel nach Höllsteig. Er klärt sie über Kölsch auf. Einen Nachmittag auf der Schloßbergwiese. Ich küsse sie. In mir ist eine Erfüllung ohne Maß und Ziel geworden. Wir lesen viel und sie erzählt mir von ihrer Jugend. »Grüner Heinrich«. »Trompeter von Säckingen«. Kölsch zieht von mir aus. Schreckliche Szenen gingen vorher. Sein Vater kommt. Ich muß heucheln. Anka schenkt mir einen Strauß Wicken. »Woher hast du die«, fragt Kölsch. Mit Anka, Liesel und Theo und[!] den Schwarzwald. Ober-

29 Dieses »Epos von der Gefangenschaft« ist nicht überliefert.

60 Sommer 1918 in Freiburg im Breisgau

steig, Breitnau. Wunderbare Tage. »Wenn so ein Sommersonntag zu Ende geht.« Wir sind uns restlos gut und wünschen nichts mehr. Ihr Bruder Willy kommt. Sie lädt uns nicht ein. Das erste Zerwürf- nis. Sozialer Unterschied. Ich bin ein armer Teufel. Geldsorgen. Größte Kalamität. Universität Kaum noch besucht. Studiosus Otto Jancke und seine... Braut. Seine Geschichte bis zur Endtat. Ich bin von allem Geistigen weit entfernt. Ich lebe nur noch. Ich weiß kaum noch, daß Krieg ist. Fliegerangriff. Bislingers Kaffeestunden. Cafe Großbuschhaus. Erna Warlimont. Anka neigt noch nach Kölsch. Treue oder Untreue? Sie spricht sich noch einmal mit ihm aus. An einem Samstagabend sagt sie’s mir. Große Szene. Sie bittet auf den Knien um meine Liebe. Zum ersten Male erfahre ich, wie ein Weib leiden kann. Ich bin erschüttert. Am anderen Morgen. Sie erwartet mich vor meinem Hause. »Mein Lieb ist für mich verloren.« Ah- nung des letzten Endes. Sie weint wie ein Kind. Jetzt sind wir umso fester aneinander gebunden. »Die Meistersinger«. Kölsch. Anka ist mein. Nachmittags auf der Schloßbergwiese. Im Heu. Abends bei Theo Geitmann. Morgens im Colombischlößchen. Geldnot. Kaum bemerkt. Nur Anka und tausendmal Anka. Ein Brief von Agnes Kölsch. Agnes Kölsch beschwört meine alte Liebe herauf.?" Nutz- los. Prof. Thiersch und sein Wohlwollen. Selige Tage. Nur Liebe. Vielleicht die glücklichste Zeit meines Lebens. Das Semester zu Ende. Anka fährt schon nach Wiesbaden vor. Geldnot. Verzweifel- ter Brief nach Hause. Brief an Onkel Cohnen. Geldtelegramm von ihm. Koffer gepackt. Eines Mittags sitzt Mutter in meiner Bude. Mit Anzug und Geld. Ich weine aus Verzweiflung um meine Not. Mit Theo und Mutter ein letzets Mal durch Freiburg. Morgens um 8? Abfahrt. Theo an der Bahn. Von meinem Hause aus winken die Nachbarn. Ich möchte weinen. Coblenz. Ausgestiegen. Anka wollte mit weiterfahren. War bei Liesel Klein. Also in Coblenz blei- ben. Sollen wir an die Mosel? Ankas Mutter in Bad Bertrich. Nach Bullay? Kein Geld. Also nach Bonn. Fahrt 2. Klasse. Neuwied. Anka erzählt vom Kalvarienberg. Schwester Benedikta. Fräulein Braun in Aachen. Klostererziehung. Ihre Jugend. Mutter und früh-

30 Siehe dazu die Briefe von AgnesKölsch an Joseph Goebbels zwischen Herbst 1917 und August 1918, BA Koblenz, NL 118/111.

Herbstferien 1918 in Rheydt 61

verstorbener Vater. Geschwister: Willy, Rudi, Käthe, Else, Ma- thilde, Karola. Schwager Alphons, der schöne Mann. Bonn. Sie im Bergischen Hof; ich in einem kleinen Hotel am Markt. Ein schöner Tagin Bonn. Irene Dyroff (aus der Erzählung). Recklinghausen aus ihren Schilderungen. Weiter nach Cöln. Sie fährt ab. Ich schreibe ihr gleich einen Brief nach. Ich bin lustlos und unglücklich. O, diese langen Ferien. Auf denn nach Rheydt. Ich bin ein anderer. Was ist mit mir geschehen. Anka, du süße, liebe Frau. Du hast mich geweckt aus tiefem Schlaf.

Herbstferien 1918 in Rheydt

Zu Hause alle um mich besorgt. Ich bin mager und blaß. Ruhe und Sammlung. Viele Briefe von und nach Recklinghausen.?! Stunden- geben. Eine Idee ist in mir aufgegangen. Krampfhaftes Arbeiten. »Judas Ischariot« in 5 Akten.” Versmaß. Ich fühle zum ersten Male wieder Schöpferfreude. Akt für Akt nach Recklinghausen. Anka ist begeistert. Ein Nachmittag mit ihr zusammen in Düsseldorf. In drei Wochen die ganze Arbeit zu Ende. Anka schreibt eine Kritik auf beigelegten Zetteln. An Geheimrat Litzmann zur Prüfung. Theo in Düsseldorf. Besuch dort. Liesel war ein paar Tage vorher da. Bruch mit Theo. Bergisches Land, Schloß Burg an der Wupper mit Theo. Anka Nasenoperation in Essen. Ich schreibe zu wenig. Kölsch schickt Blumen. Alter... .. Agnes Kölsch will mich in Hagen spre- chen. Abgeschlagen. Anka und Agnes treffen dort zusammen. Anka zweifelt an mir. Briefe kalt und zaghaft. Alphons in Reckl. Nimmt für mich Partei. Anka nach Aachen. Hole sie in Düsseldorf ab. Große Freude. Theo lächelt. Nach M. Gladbach. Ein Nachmit- tag bei Hehn in der Heide. Anka klagt mir alles. Essen, Kölsch, ich. Wohin? Wahrscheinlich Würzburg. Und du? München. Ich lüge das. Abschied. Ich warte eine Woche auf Nachricht. Kein Brief,

31 Daheim in Recklinghausen verbrachte Anka Stalherm meist die Semester- ferien.

32 Judas Iscariot. Eine biblische Tragödie in fünf Akten von P.J. Goebbels, Au- gust 1918, BA Koblenz, NL 118/127 und NL 118/117; siehe dazu auch den Briefwechsel zwischen Joseph Goebbels und Anka Stalherm von Juli/ August 1918, BA Koblenz, NL 118/109 sowie Bestand Genoud, Lausanne.

62 Winter 1918/19 in Würzburg

keine Karte. Ich bin verzweifelt. Ich rede zu Hause. Ja, das mußt du selbst wissen. Also nach Würzburg. Eine lange Fahrt. Würzburg. Ich hoffe sie an der Bahn zu finden.

Winter 1918/19 in Würzburg

Um 5" Ankunft. Verzweifeltes Suchen. Finde sie nicht. Also ist sie weiter. Ich will an Geitmann telegraphieren, ob in Freiburg. Auf nächsten Morgen. Polizeibüro. In einer Stunde wiederkommen. Stunde des Wahnsinns. Nach einer Stunde. Anka Stalherm hat im Hotel Rügener gewohnt. Mit Sturmschritten zum Hotel Rügener. Ja, ist noch hier. Auf Wohnungssuche. Ich warte in der Nähe mit bebendem Herzen. Um 2" noch nicht da. Theaterrestaurant. Um %3", da steht sie vor mir, strahlend vor Freude. »Ulex«. Ein Blick, wir sind die Alten. Nach langen Kämpfen um sie bleibe ich. Lüge, ich wäre schon in München gewesen. Wir wohnen fast nebeneinan- der. Sie Ludwigs-Kai, ich Blumenstraße. Stadt Würzburg, Marien- burg, Käppele. Alt-Würzburg. Wundervoller Herbst. Universität. Roetteken, Bedle, Knapp. Chroust, Kaerst (Seminar bei ihm zu Hause), Piloty (der Demokrat), Geheimrat Excellenz Schanz (An- kas Lehrer). Maria Dunkel. Abends bei ihr. Fliegeroffizier Seilm. Frau Lang, meine Wirtin. Abends in den Glacis. Anka, meine Ge- liebte! Viel Zerwürfnisse. Herr Braun und Herr Wiese. Der kleine Kunkel. Im Sander-Bräu. Fräulein Marianne, die liebliche Rebe. »Grüß Gott, Herr Doktor.« Lektüre: zum ersten Male Dostojew- ski. Erschüttert. »Schuld und Sühne«. Lese nachts. Geldsorgen. Kölsch kommt. Anka’s letzter Kampf. Liesel Kölsch tot. Ich habe gesiegt. Abend bei Robert Kothe. »Rotraut, wie Rosen lieblich.« Abends auf meiner Treppe Versprechen der Treue. Cafe Bach- mann. Mein Geburtstag. Ankas Kranz. Morgen in der Universität. Schöne Abende. Bibliothek. Chroust’s Seminar. Die Revolution.” Abscheu. Rückkehr der Truppen. Anka weint. Herr Hammer und Herr Klinkbeil. Versammlung in der Universität. Keine Juden. Auf

33 Im Oktober/November 1918 brachen im Deutschen Reich, ausgehend von einer Meuterei der Flotte und einem Matrosenaufstand in Kiel, politische Aufstände aus, durch die die Monarchie beseitigt und der Übergang zur par- lamentarisch-demokratischen Republik von Weimar eingeleitet wurde.

Osterferien 1919 63

dem Residenzplatz. Kein Geld. Brötchen. Besetztes Gebiet.”* Piloty. Demokratische Einflüsse. Dennoch konservativ. Wahlen. Bayr. Volkspartei.” Ich kümmere mich um nichts. Maria Dunkel. Rigoletto im Opernhaus. Bei Maria Dunkel Musizieren. Abfahrt der Rheinländer. Ich bleibe. Weihnachten bei Maria Dunkel. Ihr Schwager Assessor Dunkel. Anka ein [!] Gedichtband geschenkt.°® Wie Maria Dunkel bei ihr die Originalgedichte herausholte. Drau- ßen hoher Schnee. Auf dem Main Kahn. Flöten... Si l’amour meurt. Mit Anka die Weihnachtsnacht auf ihrem Zimmer. Sie betet vorher auf den Knien. Eine süße, selige Nacht. Ich bin restlos glück- lich. Durchs Fenster heraus. Die Alten sind zur Mette. Anka am anderen Morgen. Nicht zur Kirche. Abends weint sie auf meinem Zimmer. Der Ring von Lene Krage. Ankas Brillantring. Die zweite Weihnachtsnacht bin ich mit ihr zusammen. Neujahr. Silvester: »Mögest du zunehmen an Weisheit u.s. w.« Anka Namenstag. Al- penveilchen. Ein Schiksal auf der Heimreise. Am 22./23.Januar Abfahrt von Würzburg. Mein Ring scheinbar weggeworfen. Anka böse, weil ich eine Stunde zu früh kam und draußen wartete. Frau Lang. Klatsch im Hause. In Siegen Abschied. Durch die Paßkontrolle. Im besetzten Gebiet. Meine Krankheit -— Ankas Sorge.

Osterferien 1919

Keine Post. Zensur. Abgekühlt. Meine Geldnot. Stundengeben. Anka will Sparkassenbuch für mich entwenden. Ihr Kampf zu Hause. Kann nicht heraus. Kein Paß. Zu Hause Beratung. Konrad zurück. Keine Arbeit. Stundengeben. Den ganzen Tag. Hans Prang

34 Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges besetzten Truppen der Siegermächte den linksrheinischen Teil des Rheinlandes (mit Brückenköpfen in Köln, Ko- blenz und Mainz), der durch eine Zoll- und Paßgrenze vom Deutschen Reich abgetrennt wurde.

35 Die Bayerische Volkspartei war die bayerische Landesorganisation des Zen- trums.

36 Goebbels schenkte ihr den Band Die Weihnachtsglocken des Eremiten. Eine Weihnachtsskizze von P.J.Goebbels. Der lieben Anka auf den Weihnachts- tisch, Weihnachten 1918, BA Koblenz, NL 118/127.

64 Osterferien 1919

gefallen.?” Ernst Heynen.?® Die alten Kameraden zu Hause. Fast kein Konnex mehr. »Heinrich Kämpfert«.”” Herausgeschmuggelt. An Anka. Sie ist verzweifelt. Ichkenne mich in der Welt nicht mehr aus. Steigendes... Gefühl. Politika. Nur erst zögernd. Anka will von meiner Not nicht viel wissen. Hin und wieder ein verzweifelter Brief. Dann Schweigen. Richard Flisges” zurück. Seine sonderbare Geliebte. Was soll er tuen? Sein Examen. Stunden bei Mohr. Ab- itur geschenkt. Ich überrede ihn nach Freiburg. Will aber noch nicht mit. Theo schreibt, daß Anka in Freiburg. Ich habe keine Ruhe mehr. Auch Kölsch ist da. Wo soll ich Trost und Sammlung finden? Und wenn’s das Leben kostet, auf nach Freiburg. Paß besorgt. Im Nu ist gepackt. Aus dem besetzten Gebiet heraus. Bis Ludwigs- hafen. Neuer Passierschein. Menge Menschen. Ich bin rücksichts- los. Ein Schwarzer läßt mich durch. Ich möchte ihn umarmen. Von Mannheim im Bummelzug nach Karlsruhe. Kein Zimmer. Auf dem Bahnhof die Nacht. Um 8" weiter. Durch trüben Regentag. Trostlos langsam von Station zu Station. Ich verzweifle. Um 9? Ankunft. Sofort zu Theo Geitmann. Er hat geschmückt für mich. Lieber Theo!

37 Fritz Prang beschreibt die schicksalhaften Umstände, die zum Soldatentod seines Bruders führten, in einem Brief vom November 1918 an Goebbels, BA Koblenz, NL 118/113.

38 Im Februar 1924 widmete Goebbels dem gefallenen Klassenkameraden: Aus halbvergessenen Papieren. Dem Andenken Ernst Heynens gewidmet, BA Ko- blenz, NL 118/116.

39 Heinrich Kämpfert. Ein Drama in drei Aufzügen von P. Joseph Goebbels, Februar 1919, BA Koblenz, NL 118/114. Das Stück, das zunächst den Titel Stille Helden tragen sollte, wurde am 12. Februar 1919 fertiggestellt. Siehe dazu den Briefwechsel zwischen Joseph Goebbels und Anka Stalherm aus dieser Zeit, BA Koblenz, NL 118/109, sowie: Reuth, Goebbels, S. 40.

40 Vgl. dazu: Briefwechsel zwischen Richard Flisges und Joseph Goebbels, 1917-1922, (25 Briefe), BA Koblenz, NL 118/112 sowie die Briefe der Flis- ges-Freundin Olgi Esenwein an Joseph Goebbels aus dem Jahre 1924 (6 Briefe), BA Koblenz, NL 118/112; zu Flisges’ Einfluß auf Goebbels siehe: Reuth, Goebbels, S. 41.

Sommer 1919 wieder in Freiburg 65

Sommer 1919 wieder in Freiburg

Mittags gehe ich zur Pause essen. Ich sehe unterwegs Kölsch. Ein Grauen überkommt mich. Trauriger, nebliger Tag. Mit Theo auf den Schloßberg. Er erzählt mir so mancherlei. Wie die Katze um den heißen Brei. Arbeiter arbeiten auf der Straße. Ich versuche zu scherzen. Heimweg. Am Schloßberg. Da wohnt sie. Ich muß hinauf. Klingeln. Zu Hause? Ja. Bitte. Herauf. Großes, luftiges Zimmer. Sitzt und schreibt. Aufspringen. Ihr wanken die Knie. Sie wird krei- debleich. Ulex!!! Kühle Begrüßung. Ich muß dableiben. Ich er- zähle. Ihre Augen glühen. »Mein Süßer!« Und dann küßt sie mich. Zaghaft und scheu. Und dann alles heruntergeredet. Bis in den Abend. Ich bin frei. Auf dem Heimweg mit ihr lerne ich Resi Köhler kennen. Theo zurück. Er ist kurz, interessiert sich aber sehr. Woh- nung bei Geheimrat Himstedt. Weißes Zimmer. Noch kalte Tage. Ich fühle mich verlassen. Anka ist nicht mehr dieselbe. Ich sehe sie selten. Auf meinen Bau. Versuche zu lesen, zu schreiben. Regen- nachmittag. Es klopft. Herein. Richard Flisges im Regenmantel. Das Schicksal schenkt mir an diesem Tag meinen Freund. Theo, Flisges und ich im Caf& Schanz. Sonntags Richard, Anka und ich zum Jägerhäusle. Anka ist wehmütig. Ich verstehe sie und mich nicht mehr. Warum und wohin? Fritz Prang kommt. Aus St. Bla- sien. Nervös und Krank. Wir lachen viel über ihn. Seine Läusejagd. Sein Abendessen. Theo entschuldigt sich im Cut. Fritz im Grand- Hotel. Vorlesungsbeginn. Witkop, Husserl, Geyser, Kluge (woher stammen die alten Germanen), Mehlis (Individualität, Individuum, etwas für Richard, »meine Daamen und Herrn«). Prof. Michael, Prof. Jantzen (Kunstgeschichte). Leben in der Universität nach dem Kriege. Kölsch möchte mich fressen. (Kölschs Skandal im Sommer vorher in Bonn bei der Unitas. Alter Herr Janders, der Kriecher.) Ernst Plachner (Schufti) und Marga Nückel (Lumpi). Cafe und Eis. Erdbeerbowle in der Post. Gestohlene ..konserven. Theo, Richard und Fritz Prang. Lektüre: Dehmel, Hauptmann, Thomas Mann. Musik bei Plachner. Wagner. Schumann. Anka erzählt manchmal von Kölsch. Totentanz mit Paul Wegener. Pfingsten. Mit Plachner, Nückel und Maler Heck nach Neustadt in den Schwarzwald. Erd- beerbowle. Abends Ankas Zimmer verschlossen. Irrtum. Morgens komme ich, sie liegt im Bett und weint. Warum kamst du nicht?

66 Sommer 1919 wieder in Freiburg

Aussprache: ja, ich bin dir untreu gewesen. Kölsch war mein Tyrann. Ich bin wie geschlagen. Heraus. Eingepackt. Heute mittag zurück. Ich höre ihr Weinen bis in mein Zimmer. Plachner bittet für sie. Sie drohtzu sterben. Ich kann nicht mehr dagegen an. Ich gehe zu ihr. Sie ist wie aufgelöst. Ich ziehesie in die Höhe. Du Gute. Ich küsse ihr die Tränen aus den Augen. Und nun sind wir aneinandergekettet. Vom 12.-22. Juni in Neustadt. Heiße Nächte. Ankas Weckuhr. Ledere- tui. Wir essen zusammen. Jahrestag vom Schloßbergkuß (28. Juni). Zurück nach Freiburg. Li.., Sasse, Erna Warlimont (auf ihrem Zim- mer allein mit Anka), Liesbeth Liel (Kölschs neue Freundin). Theo leiht mir seinen Revolver. Meine Szene damit zu Hause. Am Tode vorbei. Anka reizt mich wahnsinnig zur Eifersucht. Schlimme Sze- nen. 5., 6. Juliin Neustadt. Anka auf dem Feldberg. Richard mit mir. Am Sonntagmorgen kommt sie todmüde an. Selige Freude. Richard bei der Immatrikulation. Paul Wegener im Strindberg’schen »Toten- tanz«. Auf dem alten Friedhof. Kölsch und seine Szenen. Anka manchmal noch schwankend. Aber schließlich siege ich doch. Mein Vortrag bei Witkop im Seminar. Ernst Hardt »Tantris der Narr«, ich und Witkop. Abends auf dem Karlsplatz und in den Anlagen an der Dreisam. Theo Geitmann gibt mir nichts mehr. Wir gehen nur hin und wieder hin und essen seinen Kuchen auf. Der Maler Heck und Ankas Unterstützung. Der Blumenamor. Plachners Gesang »Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten!« Lied. Wagner. Das Musik- drama. »Tantris der Narr« und »Tristan und Isolde«. Plachner als Expressionist. Meine Gedichte. Universität nur Jantzen, Michael und Witkop. Witkop über Goethe. Neue Studenten. Viel Unifor- men. Ich denke über die soziale Frage nach. Expressionismus. Ha- senclever. Richard. Diskussionen über Gott abends auf meiner Bude. Hasenclever. Antigone. Richard, Erna und ich bei Anka Sonntags zum Kaffe[!]. Ekel vor der Universität. Studiosus Jancke und seine Braut. Agnes Kölsch in Freiburg. Szene im Colombi. Bei Plachners. Amerikanische Musik. Anka eifersüchtig auf Agnes Kölsch und Marga Nückel. Abendkonzerte in der Stadthalle. Gebet aus dem »Rienzi«. Anka muß vor Lachen heraus. »Xenien-Ver- lag«.*' Meine Gedichte. Ein ganzer Band. Anka will mir helfen. Ich

41 Vertrag zwischen Joseph Goebbels cand. phil. und dem Xenien-Verlag,

Herbstferien 1919 in Münster und Rheydt 67

schlage ab. Sonntag 27.Juli mit Anka bei Frau Hoffmann zusam- men. (Wo sie wohnt.) Alte Marie morgens zum Schuster geschickt. Ich heraus. Semester zu Ende. Richard bleibt da. 1., 2. und 3. Au- gust mit Anka noch bei Frau Hoffmann. Ab 6. im Kopf mit ihr zu- sammen. Stürmische Nacht. Ich will sie verlassen. Dann stiller süßer Friede. Sie fährt ab. Bis Heidelberg. Im letzten Augenblick Ent- schluß. Ich komme nach. Abends auf der Bank. Richard sitzt für Anka unerkannt daneben. Er war in Gammertingen. Erzählt von Olgi.* Nach Hause gestürzt. Eingepackt. Mittags auf der Bahn. Heidelberg. Anka erwartet mich. Im »Ritter« süße Nacht. Von Theo 100M gepumpt. Ganz abgebrannt. Auf der Heimfahrt mit Theo und Anka zusammen. Geld aus. In Hagen Theo weiter. Wir übernachten. Abends für das Abendbrot kein Geld. Uhr an den Kellner verpfändet. Letzte Nacht. Am anderen Morgen telepho- niert Anka nach Hause. Telegraphisch 200 M. Mit Gott! Abschied. Lieber Abschied. »Meinen Süßen In Vohwinkel von den Englän- dern abgeschnappt. Paß ungültig. (Stimmt.) Zurück nach Elberfeld. Vorher 2 Stunden im Kahn. Ein Aachener Jude will mir helfen. Auf nach Düsseldorf! Jude kommt nicht mehr. Der Lump geht allein durch. Ist ja auch sicherer. Kein Pfennig Geld. In Düsseldorf Nacht im Wartesaal. Mittags zu Theo. Paß nicht zu haben. Theo hilft mit Geld aus. Telegramme nach Hause und zurück. Kein Paß. Sehn- sucht nach Anka. Näher zu ihr. Geitmanns wollen verreisen. Nach Münster.

Herbstferien 1919 in Münster und Rheydt

Anka telephonisch angerufen. Auf die Bahn. Verfahren nach We- sel. Duisburg zurück. In Essen Anka nicht da. Also Brief noch nicht erhalten. Recklinghausen. Ich telephoniere an. Sie kommt auf den Bahnhof. Strahlend. Abschied. Komme nach Münster. Nach lan- gem Suchen eine Wohnung; mit Pension. Von Hause kommt Geld. Wohne Wollbeckerstraße. Wohnung entsetzlich. Viel Fliegen.

Leipzig, vom 18.6.1919, BA Koblenz, NL 118/113; siehe dazu: Reuth, Goeb- bels, S. Alf. 42 Gemeint ist Olgi Esenwein, Richard Flisges’ Freundin.

68 Herbstferien 1919 in Münster und Rheydt

Keine Bequemlichkeit. Koffer liegen in Wanne; keine Wäsche, kein nichts. 2 Kragen gekauft. Schmutzig. Ekelhaft. Tödliche Stumpf- heit. Anka telephoniert täglich in einem Cafe an. Ich habe kaum Geld für die Tasse Kaffee. Sie ist sehr besorgt um mich. In der Not zur Feder. Ich schreibe aus dem Herzblut meine eigene Geschichte. »Michael Voormann«.* Sage unser ganzes Leiden her. Ohne Schminke, so, wie ich es sehe. Drei Hefte. Heft für Heftan Anka. Anka kommt nach Münster. Zeigt mir die Stadt. Mit ihr zur Dül- mens-Mühle. Hier ist ihre Heimat. Feldeinsamkeit. Sie sorgt für mich. O, was habe ich dir alles zu danken, du Gute! Zurück nach Münster. Kein Trost und keine Ruhe mehr. Ich muß nach Hause. Kein Paß. Einfach losgefahren. In Wanne mit ihr zusammen. Ernste Szenen. Ich bin nervös und verzweifelt. Gut. Wir helfen uns über die schweren Stunden hinweg. Düsseldorf Theo. Kein Paß, kein Nichts. Auf der Bahn. Fritz Schlüter holt mich noch aus dem Zuge. Auf Schleichwegen an die Grenze. Bis Düsseldorf-Reisholz. Posten be- stochen. It is gut. Er rollt das Geld heraus. Ein Offizier kommt. Mir schaudert. Ich bitte um Feuer. Er ist sehr liebenswürdig. Am Bahn- hof neue Paßkontrolle. Ich flutsche durch. In den überfüllen Zug. Nach Cöln . Weit genug. Nachts um 1" todmüde zu Hause an. Diese letzten Ferientage sind nur der Erholung gewidmet. Ich bin tod- krank. Kurz vor Schluß nach Essen zu Anka. Mit Liesbeth Liel. Beide sehr entzückt über mein Aussehen. »Du bist so ruhig und klar.« Ich übernachte in Essen. Am anderen Tag in Wanne. Dann wieder nach Essen. Ich sehe ihren Bruder Rudi, ohne ihn zu ken- nen. In Essen »Rote Diele«. Zurück nach Rheydt. Vorbereitungen zum Semester. Wohin? Wo du hingehst. Hoffentlich nach Mün- chen. Zu Hause kargen Abschied. Ich habe mir bei Morkramers 1200 M gepumpt. Lasse mir einen Cut bauen. Ich treffe sie im Zuge in Hagen nach Frankfurt. Sie ist entzückend. Grüne Golfjacke. Dicke rote Backen. In Frankfurt ist Messe. Wir steigen also aus. Hinein in den Trubel!

43 Goebbels, Joseph: Michael Voormanns Jugendjahre, Teil I (1919), BA Ko- blenz, NL 118/126 sowie Teil III (1919), BA Koblenz, NL 118/115.

Winter 1919/20 in München 69

Winter 1919/20 in München

Frankfurt Messetage. 4 Tage bei einer Frau Altmann einquartiert. Anka soll dableiben. Will auch wohl. Meint, sie müßte jetzt arbei- ten. Ich denn nicht? Und doch liebe ich dich, daß ich nicht von dir lassen kann. Durch die Messe. Reichspräsident Ebert. Schmähli- cher Eindruck. Festaufführung »Tristan und Isolde«. Anka, ich sterbe an dir. Zimmer nebeneinander. Kommode weggerückt, wenn die Elektrische vorbeilärmt. Im Palmengarten. Ihr Bruder Willy kommt. Ich halte mich zurück. Im Goethehaus. Mir kommen die hellen Tränen. Warum denn hier in der Judenstadt bleiben, wo München lockt. Gang über die Mainbrücke. Nach München be- schlossen. Anderen Mittags ab. Zug entgleist. Aschaffenburg um- kehren. Soll uns München verwehrt bleiben? Wir lachen wie die Kinder. Die ganze Nacht durchgefahren. Furchtbare Kälte im Zuge. Morgens um 6" in München. O, diese wunderbare Luft. Ich bin todmüde. In den »europäischen Hof«. Um 11P wache ich auf. Zum Friseur. Ich werde wieder zum Menschen gemacht. Zurück zu ihr. Sie ist böse. »Läßt mich hier allein sitzen.« O, dieses München! Heraus aus dem engen Loch. Über eine Woche im Hotel. Kein Zim- mer. Morgens um 6" schon an den Zeitungen. Mein Geld geht be- reits auf. Endlich! Gottlob. Sie in der Brunnenstraße mitten in der Stadt, ich ganz draußen in Neuhausen auf der Romanstraße bei Papa Vigier. Aber wir wohnen nun doch in München. Mein Ge- burtstag wird mit Pomp gefeiert. Anka schreibt in meinen Kalender unterm 29. Okt. »Nationalfeiertag«. Ein wehmütiges Allerseelen- fest. Andenken an Elisabeth.** Ein böser Brief, und ein guter von Vater. Kathol. Kirche und ich. Anfang November beginnen erst

44 An Allerseelen 1915 war Goebbels’ Schwester Elisabeth im Alter von 15 Jah- ren an Lungentuberkulose gestorben.

45 Ende Oktober 1919 hatte Goebbels seinen Vater gebeten: »Sage mir, daß Du mich nicht verfluchst als den verlorenen Sohn, der seine Eltern verließ und in die Irre ging!«. Fritz Goebbels antwortete ihm nun: »Wenn Du nun weiter schreibst: »Wenn ich meinen Glauben verliere... «, so darf ich wohl annehmen, daß Du ihn noch nicht verloren hast und daß es nur Zweifel sind, die Dich quälen. Dann kann ich Dir zur Beruhigung sagen, daß kein Mensch, besonders in den jungen Jahren, von diesen Zweifeln verschont bleibt, und daß die, die am meisten unter diesen Zweifeln leiden, bei wei-

70 Winter 1919/20 in München

die Vorlesungen. Man will uns aus München ausweisen. Nicht ange- meldet. An der Universität unangemeldet. Richard belegt für mich in Freiburg. Bleibende Eindrücke von Professoren Wölfflin (mit- tags von 11-12P), v.d. Pfordten (...). Daneben Schnitzler“, Alois Fischer und Mencken. Süße Stunden im Hörsaal von 12-1" nach Wölfflin und von 4-5" nach v.d. Pfordten. München als Stadt. Sta- chus. Marienplatz. Odeons-Platz. Pinakotheken. Schackgalerie. Dürer (Apostel), Böcklin, Spitzweg und Feuerbach. (Pietä). 9. No- vember keine Straßenbahn. Mit Anka im Kaiserhof. Sie schreibt in meinen Kalender: »Geteilte Freude ist doppelte Freude.« Sie mit Freunden im Rotwandhaus. Ich allein in München. Ernstes Zer- würfnis. Im Schauspielhaus Tolstoi »das Licht leuchtet in der Fin- sternis«. Bleibender Eindruck. Sozialismus. Nur erst langsam brei- tend. Soziales Mitleid, Expressionismus. Noch nicht rein und geklärt. Richards Briefe aus Freiburg-Herdern. Theo Geitmann verschwindet hinter ihm. Lektüre. Hasenklever[!] »der Sohn«. »An- tigone«. Strindberg »das rote Zimmer«. Th. Mann »Tod in Vene- dig«. Strindberg »Entzweit«, »Einsam«. Ibsen, Tolstoi, Georg Kai- ser und Meyrink. Chaos in mir. Gärung. Unbewußte Klärung. In den Cafes. Besonders kleines Caf& auf der Sendlingerstraße. Jeden Nach- mittag. (Cafe...) Viel Freude und viel Leid. Auktion. Meine Anzüge versteigert. Geldsorgen. Anka hilft. Pfandhaus. Ihre goldene Uhr. Meine Uhr verramscht. Ein frecher Jude. Tausend im Reich. Am 19. Dezember nach Starnberg. Die Berge leuchten in der Ferne.

tem nicht die schlechtesten Christen sind. Auch hier kommt man nur durch Kampf zum Sieg. Dich dieserhalb von den Sakramenten fernzuhalten, ist ein großer Fehler, denn welcher Erwachsene könnte von sich behaupten, stets mit dem kindlich-reinen Herzen zum Tisch des Herrn zu treten, wie er es bei der Ersten Heiligen Kommunion tat? Ich muß jetzt nun einige Fragen an Dich stellen, denn wenn unser Verhältnis die frühere Zutraulichkeit bekom- men soll, die keiner mehr wünscht wie ich, dann müßte ich diese Sache schon beantwortet haben. 1. Hast Du, oder beabsichtigst Du Bücher zu schreiben, die mit der katholischen Religion nicht zu vereinbaren sind? 2. Willst Du vielleicht einen Beruf ergreifen, in den kein Katholik paßt? Ist dieses alles nicht der Fall, und Deine Zweifel anderer Art, dann sag’ ich nur das Eine: bete Du, und ich bete auch, und unser Herrgott wird Dir helfen, daß alles gut geht.« Fritz Goebbels an Joseph Goebbels am 9.11.1919, BA Koblenz, NL 118/112. 46 Richtig: Schnitzer.

Winter 1919/20 in München 71

Anka malt in meinen Kalender ein Zimmer mit 2 Betten. Daneben steht »Starnberg Hotel Seehof«. Das junge Ehepaar ohne Ringe. Sie schenkt mir ein goldenes Armband. Widmung »Starnberg«. Geld- not. Ich lebe fast allein von ihr. Sie ist gütig und gebefreudig. Jeden Tag bringt sie Zigarettchen. Die große Oper und ihre Sänger. Woyim, Bender, Schopper, Knote, Morena, Friedrich. Bruno Wal- ter als Dirigent. Carmen, Holländer, Siegfried (Knote, Morena, Schopper als Wotan), Elektra, Freischütz. Anka ist restlos glück- lich. Ernste Szene. Sie kniet vor mir im Schnee und bettelt. Zu einer Weinstube in Neuhausen. Herr Hunger und seine Villa mit Flügel in Starnberg. So ein Lügner. Kammerspiele »Amphitryo«. Schauspiel- haus »das Gelübde« von Heinrich Lautensack. Prof. Kutscher und seine Kritikerschule. Meine Unterredung mit ihm. Promotionsar- beit über »die Pantomime«. Erstaufführung Richard Strauß »die Frau ohne Schatten«. Das Milieu einer Erstaufführung. Im Prinzre- gententheater »Don Carlos«. In den großen Bräus. In der Glypto- thek. Im Hofgarten. Die Ludwigskirche. Kaufingerstraße, Marien- platz im Schnee. Die Ludwigstraße. Weihnachten allein.*’ Anka in Füssen. Regnerisches Weihnachten. Ihre zurückgelassenen Ge- schenke. Bei Herrn Vigier zur Weihnachtsgans. Geld verloren. Ver- zweiflung. Trotzdem nach Füssen-Faulenbach. Am 30. Ankunft. Ankas namenlose Freude. Baronin v. Lochner und ihre Brüder. Die Wirtin ist naiv. Zimmer durcheinander. Selige Tage. Nervöse Ab- spannung. Ernste Szenen. Anka weint. Eifersucht gegen Rose v.Lochner. Die Königsschlösser. Rodeln. Ich erhole mich gut. Die Berge. Quadern. Die beiden v. Lochners Jungen. Des Jüngsten Ta- gebuch. Ihre Geschichte. Rose v. Lochner. Schlittenfahrt nach Ti- rol. (Vils, Reutte.) Arme Wirtschaften. Nur Rotwein. Die vor Kälte erstarrte kleine v.Lochner. Anka auf dem Kutschbock. Schach- spiele am Abend. Tolstoi »Krieg und Frieden«. Bis zum 7. Januar bleiben wir. Zahlungsschwierigkeiten. v.Lochners helfen. Ab- schied von den Bergen. Nach München. Geld angekommen. Dok- tor Bartels f. Mein Nachruf. Ich verliere Ankas Gepäckzettel. Der ehrliche Dienstmann. Erschütterung und Freude. Richard Wagner.

47 Goebbels beschreibt diesen trostlosen Heiligabend 1919 in seinem Artikel »Sursum corda!« in der Westdeutschen Landeszeitung vom 7.3.1922.

72 Winter 1919/20 in München

Böcklin. Wölfflin. Mozart. Beethoven. O, dieses Schwabing. Her- mann Bahr »der Unmensch«. Uraufführung im Residenz-Theater. Viktor Schwanneke als Humanist. Ein Schicksal. Rose v. Lochner wird in München meine Freundin. Viel in den Theatern. Im Schau- spielhaus Georg Kaiser »Gas«. Regiekunst. Meine Netzhautentzün- dung. Mein Eßlokal an der Amalienstraße. Viele Zerwürfnisse mit Anka. Desto fester aneinandergeschlossen. Phantastische Heirats- pläne. Scheitern an Bürgerlichkeiten. Politik. Demokratie und Kommunismus. Das Problem der... »Münchener‘ Neuesten Nachrichten«. Arco-Prozeß.*” Beim Urteilsspruch Erschütterung. Ankas Wortstreit mit einem Skeptiker. Tumulte. Die Studenten- schaft. Max Weber und sein Skandal. Arco zu lebenslänglich Fe- stung begnadigt. Die Dirnen in der Universität. »Das Fräulein«. Wirsind nur zu zweien denkbar. Herr und Frau Vigier. Kohlennot. Ein Korb voll Holz aus der Stadt mitgebracht. Die erstandene Laute. Sozialismus. Fragment eines soz. Dramas »die Arbeit«.” Hoffnung auf zu Hause. Hier keine Ruhe. Paul Claudel »die Ver- kündigung«. Mystik. Sehnsucht nach Gott. Ich bin im Verzweifeln. Anka kann nicht mehr helfen. Wohin denn? Die Frauenkirche. Ab- fahrt von München. Letzte Nacht im europ. Hof. Über Heidelberg. Abschied fällt so schwer. Im Frankfurter Wartesaal eine Nacht. Ankahat unser Geld verloren. Schlimme Szene. In Hagen Uhr ver- setzt. Also dann weiter. Ahnungsvoller Abschied. Allein nach Rheydt. Froher Empfang. Hans aus der Gefangenschaft zurück. Frohes Wiedersehen. Hans und Friedhelm Grobel. Hertha Schell. Mutter und Vater. Konrad. Maria. Sehnsucht nach Ruhe und Klä- rung. Schöpferfreude. Endlich allein. Ich muß mich finden.

48 Richtig: Münchner.

49 Anton Graf Arco auf Valley löste mit der Ermordung des Ministerpräsiden- ten Eisner am 21.Februar 1919 in Bayern die Errichtung der Räterepublik aus. Er wurde zum Tode verurteilt, später zu lebenslänglicher Haft begnadigt und bereits 1924 aus dem Zuchthaus entlassen.

50 Goebbels, Joseph: Kampf der Arbeiterklasse. Fragment eines sozialisti- schen Dramas, Bestand Genoud, Lausanne; siehe dazu: Reuth, Goebbels, S. 45.

Osterferien 1920 in Rheydt 73

Osterferien 1920 in Rheydt

Hans bringt Haß mit und Kampfgedanken.°! Er liest meine dicht. Arbeiten. Viel mit ihm und Friedhelm zusammen. Eifrige Lektüre. Tolstoi, Dostojewski, Revolution in mir. Richard kommt von Frei- burg. Rußland. In einigen Tagen »die Saat«°? konzipiert und hinge- hauen. Richard ist begeistert. Mein erster Wurf. Briefe von und nach Recklinghausen. Münster. Hochneukirch. Die Ideen der »Saat«. Anka willnach Rheydt kommen. Kapp-Putsch. Rote Revo- lution im Ruhrgebiet.” Sie lernt dort den Terror kennen. Ich bin aus der Ferne begeistert. Anka versteht mich nicht. Richard wird mein bester Freund. Besuche in Hagen, ..., Malte Spranger, Herbert Beines, Robert Schiffer, Hubert Hompesch, Backes, Backus. Ma- rias Erstkommunion. Ankas rotledernes Gebetbuch. Besuch in Er- kelenz bei Erna Warlimont. Besuch mit Richard in Düsseldorf bei Theo Geitmann. Theo fällt ab. Originalitätssucherei. Mein Abste- cher nach Essen. Anka kommt mit dem Namenstagpaket. Mein Trotz. Streit. Am anderen Tag auf mein Telegramm hin wieder in Essen. Nur geflickt. Ich fahre mit bis Wanne. In einem Eisenbahn- abteil allein. Theo macht mich argwöhnisch. Richard bleibt der gute Freund. Vorbereitungen zum neuen Semester. Richard will nach München. Ich muß arbeiten. Von Anka höre ich nichts mehr. Mein Entschluß geht nach Heidelberg. Ruhe nicht gefunden. Ich taste im Chaos. Schreckliches steht bevor. Mit Richard und den anderen Ab- schied. Ich fahre allein nach Heidelberg. Jetzt will ich arbeiten. Ex- amen machen. Gundolf. Oncken. Heidelberg!

51 Infolge der Erfahrungen seines Bruders Hans, der soeben aus französischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, schrieb J. Goebbels von »entsetzlichen und geradezu himmelschreienden Verhältnissen innerhalb des deutschen Ka- pitalismus während des Krieges«. Joseph Goebbels an Anka Stalherm am 14.4.1920, BA Koblenz, NL 118/126.

52 Goebbels, Joseph: Die Saat. Ein Geschehen in drei Akten, März 1920, BA Koblenz, NL 118/117; siehe dazu: Reuth, Goebbels, S. 47.

53 Nachdem der Versuch unzufriedener Teile der deutschen Armee, den rechts- radikalen Kapp als Reichskanzler einzusetzen, im März 1920 gescheitert war, kam es nicht nur zu Regierungsumbildungen im Reich, sondern zu kommuni- stisch gesteuerten Unruhen im Ruhrgebiet und in Mitteldeutschland.

74 Sommer 1920 in Heidelberg

Sommer 1920 in Heidelberg

Zuerst im bayr. Hof Suche nach Anka: nicht da. Lange Woh- nungssuche. Hermann König. Endlich Wohnung. Sophienstr. 2. Fräulein G... Fräulein Maria. Ich treffe Erna Warl. Anka in Freiburg. Vorwand: Exmatrikel holen. Auf nach Freiburg. Lange Suche. Nirgends zu finden. Polizei, Universität. Hotel Kopf. Dann Wohnung. Erbprinzenstr. Nicht zu Hause. Meine Not. Ich treffe sie in der Universität. Frohes Wiedersehen. Ich wohne in der Post. Drei schöne Tage. Theo Geitmann ist erledigt. Anka will mit nach Heidelberg. Ich Schafskopf verhindere das. Ich will ja arbeiten. Also Besuch in den Pfingstferien. Heidelberg. Die Stadt. Umgebung. Schloß. Ich bin sehr einsam. Universität. Onk- ken. Gundolf. Mein Besuch bei Gundolf. An Waldberg verwie- sen. Mein Besuch bei Waldberg. Ein halbes Seminar. Waldberg krank. Vorläufig keine Doktorarbeit. Hermann König. Herr Kip- phan. Schöne Stunden auf dem Balkon. Lektüre sehr intensiv. Ich bekomme Überblick. Wissenschaft und Dichtung. Lektüre: Litz- mann »Faust«, Wölfflin »Dürer«, Sch.. »dt. Literatur«, Lassalle. Viel Mittelalter. Tolstoi ganz. Goethe Wilhelm Meister. Von gro- ßem Eindruck. Maeterlinck. Lessing. Faust I, II. George (durch Gundolf). Kalidasa. Cervantes. Wedekind. Hölderlins Hyperion. Ibsen, Hans Sachs. Wackenroder. Epistolae virorum obscurorum. Goethes Prometheus (mein Prometheusproblem). Fischart, Spee, Abraham a St. Clara. Kleist, Opitz. Gerstenberg (Ugolino). Nibe- lungen, Logau, Flemming. Meine Arbeit über Max Moses und Goethes Anteil an den Frankf. gel. Anzeigen. Die Mär von Fräu- lein Schücking. Pfingstferien. Anka bei Erna. Ein Regentag. Vor- lesung der »Saat«. Anka entrüstet. Tiefe Kluft. Anka nach Nek- kargemünd. Eine süße Nacht. Herr Westhoff. Erna nach. Darf nichts merken. Ich wieder Heidelberg. Jeden Tag nach Neckarge- münd. Am Neckar. Rudern und Schwimmen. Erna ist eifersüch- tig. Max und Moritz an Maria. Schöne Tage. Kein Wunsch mehr. Ankazurück. Ihre Eifersucht auf Frl. Schücking. Schwerer Ab- schied. Allein. Gundolf. Oncken. Arbeit. Bibliothek. Seminar. Viel des Morgens am Neckar. Ankas Brief. Theo hat mich betro- gen. Liebt sie. 2 Tage in Karlsruhe. Nochmal letzte Lust auf letzte Freude. Im christl. Hospiz. Anka rächt sich. Sie erzählt von

Herbstferien 1920 in Rheydt 75

Herrn Mumme.°* Ihr Armband gebe ich zurück. Schwerster Ab- schied. Letzter Brief an Theo, keine Antwort. Schluß. ..volle Briefe. Ich biete ihr Verlobung an. Sie zieht zurück. Ich schreibe ganz ab. Schwere Tage. Ich werde einsam. Ich bitte um letzte Aussprache. Will nach Freiburg kommen. Da erscheint Anka. Scheinbar alles gut. Ernas Examen. Mit Herrn Westhoff gefeiert. Anka auf mei- nem Zimmer übernachtet. Ich auf Chaiselongue. Um zu ihr ins Bett. Am anderen Morgen Fräulein Marie. Anka im Kleider- schrank. Noch einen Tag. Am Neckar. Anka weint. Ich kenne mich nicht aus. Im Brückenhotel. Armes Zimmer... . Verzweif- lung. Selbstmordpläne. Am frühen Morgen Abfahrt. Abschied von Erna. Trostlosigkeit. Ich bin verzweifelt. Grund? Fahrt am Gang- fenster des Zuges. Anka weint und schweigt. Ich bitte und habe sie wahnsinnig gern. Sie verspricht mir noch einmal Treue. Ich bin zu- frieden. Cöln. Abschied. Sie will im Winter mit nach Heidelberg.

Herbstferien 1920 in Rheydt

Viel Arbeit. Lektüre. Wiederholung der Literatur und Geschichte. Richard. Odenrath. Hochneukirch. Melli. Richard erzählt von Olgi. Meine Briefe mit Anka. ... Eine Woche in Hochneukirch. Anka will nach Erkelenz kommen. Dostojewski. Brüder Kara- masow. Nervös und abgespannt. Zusammenbruch. Konrad an mei- nem Bett. Hans schreibt an Anka. Ihre Antwort. Die Nachricht von Anka, daß ich nach Recklinghausen kommen solle. Ableh- nung. Wochenlang keine Nachricht. Die legendenhafte Zusammen- kunft mit Frl. Schücking in Neuß. Anka böse. Eifersucht tötet die Liebe. Ihr Stolz. Gedichte. Entsetzliches Warten auf Nachricht von ihr. Ich klage niemandem mein Leid. Vater verspricht mir Unterstützung bis Ende des Studiums. In Heidelberg promovieren und dann Schluß machen. Pessimismus. Todesgedanken. Maeter- linck »das Buch von der inneren Schönheit«. Käthe zum ersten Male bei uns zu Hause. Richard ist mein treuester Freund. Ich weihe

54 Dr. rer. pol. Georg Mumme wurde Anka Stalherms Ehemann. Später leitete er die Gaurechtsstelle Thüringen der NSDAP in Weimar, war Gauführer des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen sowie Leiter der Rechts- abteilung in der Reichsleitung der NSDAP.

76 Winter 1920/21 in Heidelberg

ihn allmählich in meine Nöte ein. Plan einer Reise nach Reckling- hausen. Ich bin zu stolz. Herr Mumme in Recklinghausen. Ankas Briefe. Ihre Verzweiflung. Was soll ich tuen? Ich schlage ihr Zusammenkunft vor. Lange keine Antwort. Ich weiß nicht wo- hin. Ich bettele um eine Zusammenkunft. Keine Antwort. Mein Schmerz. Ins Semester. Herbert und Hermann Hendriksen mit nach Heidelberg. Bis Frankfurt fahren auch Richard und Robert Schiffer mit, nach München. In Frankfurt Richard im letzten Au- genblick aus dem Zug heraus. (Wir hatten den Zug schon nach Anka durchstörbert.) Für ein paar Tage Richard mit nach Heidel- berg.

Winter 1920/21 in Heidelberg

Einige Tage noch mit Richard in Heidelberg. Spaziergänge. Er ab nach München. Suche nach Anka. Vielleicht in München. Richard findet sie nicht. Eines Abends Karte von ihm. Gefunden im Cafe Teicheim. Mit einem Herrn. Brief folgt. Mein Telegramm »hat Herr Schmiß«. Jawohl. Also Herr Mumme. Gut. Ich komme nach München. Herbert und Hermann auf Wohnungssuche. Nach Rheydt zu Konrads Verlobung. Mit dem Zuge hinein in den Ver- schubbahnhof. In Rheydt. Hans und Konrad geben mir Geld. Nach München. Entsetzliche Fahrt. Ferne im Lichtermeer Mün- chen. Richard erwartet mich. Auf seine Bude. Ja, ich war in Obernrath. Und Anka? Die Nacht durch erzählt. Hat sie in der Universität getroffen. Herr Mumme. Richard ist noch nicht klug daraus geworden. Er weiß ihre Adresse. Dann noch lange in der Nacht gelacht. Galgenhumor. Am anderen Morgen. 8". Ich warte vor ihrer Tür. Richard geht nach oben fragen. Erschüttert kommt er zurück. »Vorgestern abgereist. Nach Freiburg mit ihrem Bräuti- gam.« Ich bin verzweifelt. Ich muß nach Freiburg, Cafe Glasl. Fahrplan. Züge aufgeschrieben. Wieder heraus. Richard beobach- tet mich. Draußen stumm nebeneinander. Dann endlich: »Nein, ich fahre nicht nach Freiburg.« Robert im veg. Speisehaus. Sein Erstaunen. Abends im Wiener Cafe. Dummes Zeug gemacht. Ge- lacht. Und ich wollte doch weinen. Anderen Morgen. Universität. Wölfflin. Speisehaus Amalia (wo wir früher aßen). Ich lasse mich von meiner Not zu einem niedrigen Drohbrief an Anka hinreißen.

Winter 1920/21 in Heidelberg 71

Momentane Befriedigung. Am anderen Morgen Abreise. Nebliger Morgen. Richard: »Aushalten. Nicht den Kopf verlieren!« Trost- lose Fahrt nach Heidelberg. Sehnsucht nach dem Ende. Ich kann nicht mehr. Heidelberg! Eine Antwort von Georg Mumme. Ich schreibe einen verzweifelten Reuebrief an Anka. Ihr letzter Brief. Sie ist die Alte geblieben. Schicksal! Es mußte so kommen. Fräu- lein Schücking. Mein letzter Brief an Anka. Ihre Geschenke und meine Briefe. Mummes Aufforderung zur Rückgabe der Ge- schenke. Mein kategorischer Brief an ihn. Michael Voormann. Ge- dicht »ein Abschied«. Spengler 2. Band. Verzweiflung. Anschluß an Herbert und Hermann. Arbeit in den Seminarien. Bibliothek. Oncken. Waldberg. Paum. Neumann. Universität. Trostlose Wo- chen. Arbeit gibt Ablenkung. Rickert. Mit Herbert dem Suff erge- ben. Schnapsbrennereien. Zerstreuung. Neckargemünd. Herr Westhoff. Jakobowitz, Meineke, die beiden Müllers. Herr Sülzer. Kipphan. Die junge Dame aus Mannheim. Senk... Eine junge Schwedin (Tora Elow). Herr Mielriner, Fräulein Besserus, die schöne Belgierin. In den Weihnachtsferien heim. Richard und Ro- bert holen uns ab. Richards Anzug versoffen. Dieser schlimme Abend. Richard fährt nach Frankfurt. In Rheydt Weihnachten. Maria Kamerbeeks Verlobung. Zurück nach Heidelberg. Meine Doktorarbeit.” Waldberg verlangt drei Semester. Wie ich meine Arbeit zurechtstutze. Im Caf& Hohenzollern. Die schöne Geigerin. Fräulein Maria, meine Wirtin. Privatdozent Arnold Ruge. Stoff für meine Promotionsarbeit. Ich warte auf Literatur. 3 Semester zu Ende. Ich bleibe. Hermann Hendriksen ab. Herbert bleibt auch. Arbeit und Zerstreuung. Bitte an Anka um Rückgabe meiner Briefe. Keine Antwort. Mit Herbert Wagentouren. Gut gelebt. Mir ist alles gleichgültig. Ekel vor dem Leben. Anka, du Mörde- rin! Endlich den letzten Teil der Literatur da. Also Abfahrt. Ab- schied von Heidelberg. In Bonn Quartier. In der Bibliothek Litera-

55 Goebbels promovierte bei von Waldberg mit der Arbeit über Wilhelm von Schütz als Dramatiker. Ein Beitrag zur Geschichte des Dramas der Romanti- schen Schule, Phil. Diss. Heidelberg 1921; siehe dazu: Neuhaus, Helmut: »Der Germanist Dr. phil. Joseph Goebbels. Bemerkungen zur Sprache des Joseph Goebbels in seiner Dissertation aus dem Jahre 1922«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 93 (1974), S. 398 ff.

78 Von März 1921 bis Januar 1923 in Rheydt

tur mitgenommen. Prof. Enders. In Rheydt will ich den Doktor bauen. Nach Rheydt zurück. Mein Büdchen wird eingerichtet. Jetzt bin ich zufrieden und wünsche nichts.

Von März 1921 bis Januar 1923 in Rheydt

(Unterbrechungen: Heidelberg Promotion. Westd. Landeszeitung, dann nach Baltrum.) Arbeit zu Hause. Tagfür Tag. Herbert besucht mich schon mal. Den ganzen Sommer durch. Auch Richard öfter da. Mit nach Odenrath. Eines Morgens die Straße herunter. Ein hüb- sches Mädchen. Eine Lehrerin, sagt Herbert. Ich sehe zum ersten Male Else Janke.° In vier Monaten meine Arbeit zu Ende. August Bach, der ungetreue, ..iche Freund. Maria Kamerbeek tippt. Tiefe Zuneigung zu ihr. Sie erwidert. Herr Nobel eifersüchtig. Sie ist ver- lobt. Spenglers Nachwirkungen. Pessimismus. Verzweiflung. Ich glaube an nichts mehr. Mit Herbert nach Heidelberg. Waldberg zu- vorkommend. Macht noch einige Verbesserungsvorschläge für meine Arbeit. Aber sie ist schon getippt. In Heidelberg, Neckarge- münd. Alte Erinnerungen. Westhoff. Mit Herbert Krach wegen Zimmer... Er verliert eine Schachtel Zigaretten. Rückfahrt. Maria Kamerbeeks Vermählung. Ein süßes Mädchen. Spielmanns. In den Herbstferien fürs mündliche Examen. Viel gepaukt. Konrads Ver- mählung. Nölles Richard. Heinrich Hövel. Paula Erckens. Paul Albrecht. Reinhold Grünwald. Herr und Frau Dr. Marenbach. (Sein Ende.) Rechtsanwalt Joseph. Musikdirektor Kühl und Frau. Warten auf Nachricht aus Heidelberg. Meine Arbeit ist an den Dekan abge- gangen. Unter Umgehung von Waldberg. Richard ist schon in Hei- delberg. Unser Hund Minka. Eines Morgens Telegramm. In zwei Tagen Termin. Also los. Nach Heidelberg. Schwierige Fahrt. Besuch bei den Professoren. Im Zilinder. Richard steht mir bei. Die letzte

56 Elisabeth Maria Hermine (»Else«) Janke, geboren am 25.12.1897 in Duis- burg, war seit dem 1.5.1919 technische Lehrerin (für Handarbeit, Hauswirt- schaft und Turnen) an der Kath. Volksschule Dahlener Straße in Rheydt; siehe den Briefwechsel zwischen ihr und Joseph Goebbels aus der Zeit von 1922 bis 1924 (gut 80 Briefe), BA Koblenz, NL 118/110; Aufschluß über sie gibt auch ein Brief ihres Vermieters an den zuständigen Schulrat vom 15.2.1923, StA Mönchengladbach, Bestand Lehrerpersonalakten, 25 c/2222.

Von März 1921 bis Januar 1923 in Rheydt 79

Nacht durchgepaukt. Ein starker Mokka. Und dann ins Examen. Hals-und Beinbruch. Am Freitagden 18. November. Mein Pech und meine Schuld. Prüfung bei Paum, Waldberg, Oncken und Neumann. Neumann, der Schweinehund. Richard wartet draußen. Vor der Ver- kündigung. Ich bin wie aufgelöst. Diese Tierquälerei! Herein. Die üblichen Phrasen. Richard gratuliert. Ich bin wie erschlagen. Tele- gramm nach Hause. Abends im Seminarkränzchen. Waldberg redet mich zuerst als »Herr Doktor« an.’ Ins Hotel. Mit Richard durchge- soffen. Am anderen Morgen wir beide im Zilinder nach Bonn. Ich gebe Richard das Fahrgeld. In Bonn von den Freunden im Zilinder erwartet. Herbert, Robert, Nölles, Lutz, Backes, Hendriksen. Im bergischen Hof. Beim Zigarettenkauf. Nach Römlinghoven. Die Bowle. Lutz. Backes. Der Rechtsanwalt. Sieschenken mir ein Bild. Am anderen Morgen. Backes bei Lutz und Nölles...: »Du auch.« Abends nach Königswinter. (Bellinghaus.) Herr und Frau Wall- brück. Wunderbare Bowle. Donbach eine wüste Schlägerei. Richard schwer verwundet. Im Mondenschein nach Römlinghoven. Nölles, Lutz, Robert und Herbert als Feiglinge. Robert und die Geige. Ri- chard ausgewaschen. Lutz abends auf meinem Zimmer als Krähe. Montags bei Wallbrücks zu Mittag. Dann Abschied von Richard. Geldsammlung für den verlorenen Zilinder. Nach Hause. Alle an der Bahn. Zu Hause geschmückt, viel Blumen. Ich schlafe vor Müdigkeit ein. Das ist die Geschichte meiner Promotion zum Dr. phil. Pläne mit Richard und Nölles zur Auswanderung nach Indien. Alles zerschla- gen. Bei Hövels: Schubert, Schumann, Wolff®®, Löwe, Mahler. An einem Schrekerabend, »Isolde«. Unsere Kritik. Paula Erckens. Paul Albrecht. Richard bei Hövels Mastasnan. Dr. Kämmerling aus Obernrath. Frau Schmitz. Weihnachten zum ersten Male allein. Bei WillyKammerbeek und bei Hövels. Richard traf Ankaim Zuge. Die Briefe beiderseitig zurück. Frl. Putscher. Frl. Beckmann. Frau Aschaffenburg. Viktor Spielmann und sein dummer Streich. Ich als Zeuge. Rechtsanwalt Joseph. .... Herr Hüther. Else, die kleine Lehrerin. Herr Stakemeier. Hövels. Konrad. Frau Jakob. Meine 6

57 Das Doktordiplom der Universität Heidelberg ist jedoch auf den 21.4.1922 datiert, da Goebbels an der mit »rite« beurteilten Arbeit noch einige Überar- beitungen vornehmen mußte, BA Koblenz, NL 118/128.

58 Richtig: Wolf.

80 Von März 1921 bis Januar 1923 in Rheydt

Aufsätze für die westdeutsche Landeszeitung.” Viel Aufsehen. Feinde in der Rheydter Presse. Stundengeben. Bei Morkramers. Meine Chinesen. Herr Lia und Herr Mao. Herr Mao mein Freund. Auf einem Fest vom kaufm. Verein durch Herrn Cox Else Janke vorgestellt. Ich schwärme bei allen für sie. Stille, platonische Liebe. Ich träume von ihr. Im Kaiserpark. Ich wage kaum zu grüßen. Zer- würfnis mit Hövel. Spengler »Untergang des Abendlandes« II. Band. Erschütternde Wirkung. Bis heute fortdauernd. »Preu- Bentum und Sozialismus«. »Pessimismus?« Weininger »Geschlecht und Charakter«. Im Cafe Remges. Eines Sonntags. Nach einem Spaziergang mit Paula Erckens. Else und Alma mit Stakemeier an unserem Tisch. Else und ich unterhalten uns sehr gut. Richard geht nach Würselen ins Bergwerk. Bei Albrecht im Atelier. Else vertei- digt die Frauen dem Künstler gegenüber. Weininger. Knut Ham- sun. Mit Else und Alma zum Rheydter Schloß. Mit Albrecht und den Beiden nach Lüttelforst. Else liebt mich nicht. Backus tritt an Albrechts Stelle. MünchenGladbach »Sommernachtstraum« im Freilicht. Else im neuen Kleid. Eine Hochzeit in Aachen. Else da- hin. Ein mißglückter Spaziergang im Stadtwald. Tüschenbroicher Mühle. Bei Regen in einem Cafe. Else und ich lachen gerne zusam- men. In Rheindahlen musiziert. Bei Backus. Else in Düsseldorf. Kommt hochrot nachgestiegen. Süßes Mädchen. Lange Spazier- gänge. Am Abend im Regen auf der Bank. Almas Bild zu Else ge- tragen. Der letzte Abend vor Elsens Abreise zur See. Langer Spa- ziergang. Ich küsse sie. Sie will mich schlagen. Ich will gehen. Hält mich zurück. Die Nacht durch spaziert. Erzählen unser Leben. Am Morgen wirft sie sich ins Feld. Am Rheydter Schloß gesessen. Ich erzähle von Anka. Sie bleibt spröde. Mit der Elektrischen bis Kai- serstr. Herzlicher Abschied. Ich komme vielleicht nach zur See. Ein wehmütiger Abend bei Paula Erckens. Geld von Vater, Konrad und Nölles. Telegramm von Else. »Nicht kommen.« »Bin morgen abend da« zurücktelegr. Norddeich. Das Meer. Ins Boot. Eine stürmische Fahrt. In Norderney gelandet. Am frühen Morgen weiter. Baltrum.

59 Westdeutsche Landeszeitung vom 11.1.1922 (»Kritik und Kunst«), 24.1. 1922 (»Vom Geiste unserer Zeit«), 6.2.1922 (»Vom Sinn unserer Zeit«), 8.2.1922 (»Vom wahren Deutschtum«), 21. und 27.2.1922 (»Zur Erziehung eines neuen Publikums, Teile I und II«), 7.3.1922 (»Sursum corda!«).

Von März 1921 bis Januar 1923 in Rheydt 8

Zu Kapitän... . Else noch im Bett. Sie kommt auf den Strümpfen. Sehr liebe Begrüßung. Alma Kuppe. Mein Zimmer ist weg. Bei Fischer Hinriksen neben Else im Ostdorf. Sonntag. Else nach Hel- goland. Meine 3000M und ihr Verlust. Abends sie verpaßt. Ich er- warte sie an der Bank vor ihrem Hause. Ich bin so enttäuscht. Lan- ger Kampf um die Abfahrt. Meister Kranz. Sein Geigenspiel beim Pastor. Weißenfels und die Jungens: Bello. »Tantris der Narr«. Im Dünensand. »Leute von Seldwyla«. »Pankraz der Schmoller«. Abendliche Heimgänge. Sie ist spröde. Kranz und seine Malerei. Der Expressionismus. Kranzens Abschied. Er umarmt Else. Ich... die Alma. Mit Else zurück. Auf ihrem Zimmer. Alma schläft. Ich gestehe Else meine Liebe. Sie liebt mich nicht. Also auch ich zu- rück. Das will sie auch nicht. Bis morgen die Entscheidung. Süße Nacht auf ihrem Zimmer. Ich küsse mich satt an ihr. Sie sträubt sich nicht mehr. Heimgang. Am anderen Mittag. Ich studiere den Fahr- plan. Sie bittet mich, dazubleiben. Ja, ich liebe dich. Wundervolle Tage. Seliges Verstehen. Schönere Nächte auf meinem Zimmer. Unter der Decke. G.... Wir lachen viel. Ich bin mit ihrer Liebe nicht zufrieden. Sie ist erschüttert. Dann ist sie restlos hingebungs- voll. Und nun gehören wir einander. Am Strande. Im Dünensand. Herr Beckmann. Ein wundervoller Sonntag. Lilieneron. Warten auf sie draußen auf der Stange. Almas Abende. »Palma Kunkel«. Der Ministerpräsident von Braunschweig. Lotte und Lumpsack kom- men. Lumpsacks Verzweiflung. Gemeinsame Abende. Glückliche Fahrt. In Norddeich von den beiden getrennt. Unsere Sorglosigkeit. Mein Mantel perdu. In Duisburg. Kein Zimmer zu finden. Nach Mörs. Dort gerade Kirmes. Wir warten auf die Nacht. Gasthaus mit Mundharmonika. Abends auf Lottens Zimmer. Else ganz wie Gott sie schuf. Wie schön bist du. Am anderen Morgen. Sie zur Kirche. Armer Mittag. Kein Geld mehr. In einem Cafe. Wirsprechen von der Kirche. Nahrung mit Äpfeln und Brötchen, etwas Wurst. Abschied. Ich nach Rheydt. Spät in der Nacht Ankunft. Bei Vater Geständnis meines Verlustes: Mit ihm zusammen in Crefeld und Forsthaus. Mein Gastspiel bei der Landeszeitung.’ Redakteur Müller. Schund

60 Goebbels hatte für einige Wochen eine Teilzeitbeschäftigung bei der Zeitung erhalten, die Mitte Oktober 1922 endete.

82 Von März 1921 bis Januar 1923 in Rheydt

und Kunst. Die rauhe Wirklichkeit. Ich als Kunstkritiker. Else zu- rück. Viel in der Umgegend. Erkelenz, K.. etc. Zusammenkunft mit Richard in Obernrath. Er ist noch immer der alte. Dann mit ihm und Else in Aachen. Alfred Rethel. St.. Bakow in Düsseldorf. Am nächsten Sonntag in Düsseldrof mit Else. Hotel Kalltsch. Wunder- volle Nacht. Ich bezwinge sie nicht. Ihr Vorspiel mit dem Mann aus Essen. (Viko.) Ernstes Zerwürfnis. Ich will abreisen. In der Kirche. Mir wird übel. Else als Friedensengel. Geburtstag. Else schenkt mir Spengler. Aus der Landeszeitung. Müllers Brief.°' ... Mein Vor- trag. Kampf um den Saal. G.. . Der Abend selbst. Ganzer Erfolg. Else selig. Die Kritik. Rheydter Ztg. und Düsseldorfer Nachrich- ten. Am Allerheiligen Tage Feier in Rheindahlen. Richard und der Sekt. Richard und Alma. Else und Richard. Else will von unserem Verhältnis in der Öffentlichkeit nichts wissen. Viel Streit darum. Else Ebeling. Inflation. Ich will Geld verdienen. Else nach Cöln zu ihrer Freundin Platzbecker. Karl Schliepen. Else bei uns zu Hause. Ich soll also zur Dresdner Bank. Fahrt nach Cöln zu Carl Schliepen. Bühnen-Volks-Bund. Herr Hüpgens. Mit Else Weihnachten in Mörs. Lotte Janke. Ein Weihnachtsfest. Silvester krank. Else tele- graphiert aus Düsseldorf um mein Kommen. Kann nicht. Grippe. Konrad und Hans. Maria. Vater und Mutter. Meine Kameraden in Rheydt. Robert hat sein Examen bestanden. Ebenso Herbert Hom- pesch. Richard im Bergwerk. Mit Olgi Weihnachten zu Hause, wo ich in Mörs bin. Elsens Freundinnen. Gertrud Massen. Thilde Kle- berg. Schulrat Sch..ns. Mein Kampf mit ihm. ... Wagner. Der Hund Pfiff. Meine Studien in Rheydt in diesem Jahre. Versuche um eine anständige Stellung. Die politische Lage. Konjunkturzeit. Scheinblüte. Das Problem des Prometheus. Richard Flisges und sein Werden. Die Stadt Rheydt und ihre Bewohner. Die Herren Chinesen. Meine Bibliothek. Ausverkauf bei Abraham. Vater ist großzügig. Ich habe eine gute Auswahl beisammen. Else und meine

61 Es handelte sich um das Kündigungsschreiben des Leitenden Redakteurs der Zeitung vom 16.10.1922, BA Koblenz, NL 118/113.

62 Goebbels, Joseph: Ausschnitte aus der deutschen Literatur der Gegenwart, Vortrag gehalten am 30.10.1922, Bestand Genoud, Lausanne. In dem Vor- trag geht Goebbels im Zusammenhang mit Oswald Spengler erstmals auf das »Judenproblem« ein.

Von Januar bis August 1923 in Cöln (Dresdner Bank) 8

Kunst. Allmähliche Einführung. Zerwürfnis wegen meines Fußlei- dens. Ernste Schwierigkeit. Sie gesteht mir ihre Abstammung. Seitdem der erste Zauber zerstört. Ich bin skeptisch gegen sie. Alma Kuppe und ihr Charakter. Meine Schöpfertätigkeit ist so gut wie null. Warum? Versagt? Die Umstände. Die europäische Lage. Rußland. Bolschewismus. Chaos. Also nach Cöln.

Von Januar bis August 1923 in Cöln (Dresdner Bank)

Am 2.Januar Eintritt. Puckert. Schliepen. Jung. Tillmann.

Meyer-Wachmann. Ruff. Wagner. Bakowski. Frl. Löwenschein. Ohl. Pauli. Herr Müller. Frl. Blumenthal, die feine Beckmann. Wohnungssuche. Jeden Morgen %6" ab Rheydt. Scheußliche Fahrt. Abends um %8" zurück. Else holt ab. Auseinandersetzun- gen. ... herunter. Eines Abends Richard Flisges. Mit zu Hause. Er fährt nach Mörs Else abholen. Mit ihr Cöln. In einem noblen Cafe. Er feiert und will deshalb nicht nach Hause. Ich bringe Else noch nach Mörs. Richard will mich in Rheydt erwarten. Er geht. Hier sehe ich ihn zum letzten Male. Mit Else tolle Fahrt. Um nachts in Rheydt. Um %6" wieder nach Cöln. In 14 Tagen vollständig herun- ter. Endlich Wohnung. Klettenberg. Kaufmann. Ruff häufig bei mir. Wohnt gegenüber. Else Ebeling, Else, Ruff und ich »Meister- singer«. Am anderen Tag mit den beiden Mädchen bei mir. Treffen mit Erna Warlimont. Und Anka? Else kommt öfter nachmittags nach Cöln. Ruhraktion.‘* Verzweiflung. Pessimismus. Keine Züge mehr. Nicht mehr nach Hause. Stegmann, Jung. Gerhard Beyer... .. Leberwurstagent. Wallraf-Richartz-Museum. Östasiati- sches Museum. Der ... Diwan dort. In der Bank. Effektenwesen. Mein Widerwille. Die heilige Spekulation. Richard nach Schliersee. Demokratie. Das Kölner Tageblatt. Passiver Widerstand. Mit der Elektrischen nach Düsseldorf. Zusammentreffen mit Else an einem

63 Während eines Streits wegen seines Fußleidens gestand ihm seine Freundin Else Janke 1922, daß sie die Tochter einer jüdischen Mutter und eines christ- lichen Vaters sei.

64 Unter dem Vorwand, Deutschland sei seinen Reparationsverpflichtungen nicht nachgekommen, hatte eine belgisch-französische Armee am 11.1.1923 den Rhein überquert und das Ruhrgebiet besetzt.

84 Von Januar bis August 1923 in Cöln (Dresdner Bank)

Sonntagmorgen. Meine Not. Scheußliche Wochen. Klägliches Ge- halt. Else ist mein Kamerad. Aufs neue in Düsseldorf. Samstags. Zimmersuche. Bei ... als Bruder und Schwester. Eine tolle Nacht. Bank- und Börsenwesen. Industrie- und Börsenkapital. Mein Blick klärt sich durch die Not. Widerwille gegen die Bank und meine Tä- tigkeit. Verzweifelte Gedichte. Das Judentum. Ich denke über das Geldproblem nach. Umzug nach Frau Carplet. Meine beiden schö- nen Zimmer. Herr Thielen. Herr und Frau Carplet. Carl. Oper: Klemperer als Dirigent. Die Judenfrage in der Kunst. Gundolf. Gei- stige Klärung. Bayern. Hitler. Abends früh zu Hause. Tagebuch- blätter an Else. Brühl. Ostern Else in Cöln. Carplets nach Verviers. Mit Else allein in der Wohnung. Süße Stunden. Ganze Abende und Nächte. Herr Heyden. Musik bei Beyer. Walter Kuckel als Cellist. Hugo Wolf. Matthäus-Passion. Klemperer - Mahler. (9. Sympho- nie.) Schlodderdich. Else und ich wollen im Herbst hin. Fräulein Haines. Don Juan und »die Vögel« von Braunfels. Zerwürfnisse mit Else. Ihre Schwestern Trude und Lore. Das Judentum. Oft in Düs- seldorf. Im Odeon in Cöln stellt sich heraus, daß wir kaum zusam- men leben können. Reibereien. Nicht zu ertragen. Lektüre. Tho- mas Mann. Heinrich Mann »der Untertan«. Dostojewski »Idiot«. (Von größtem Eindruck.) Neues... . Revolution in mir. Pessimis- mus gegen alles. In der Oper: »Palestrina«. Deutsche Musik. Wag- ner. Abkehr vom Internationalismus. Pfingstferien mit Else zu Hause. Schöne Tage. Arbeitslosigkeit in Rheydt. Der entsetzliche passive Widerstand. Zurück nach Cöln. In die Depotbuchhaltung. Brilius, Lau, Dohmen (Mathematiker), Krönnen, ..., Furck, Riethmeister Faulenzerei. Mir steht die Bank bis zum Halse. Im Autonach Rheydt. Überfall. Schwer verwundet. Im Krankenwagen heim. Else mit. ...obbeiuns... zu Hause. Mutter fast Herzschlag. 14 Tage krank. Zurück nach Cöln. Verzweiflung. Selbstmordgedan- ken. Die politische Lage. Chaos in Deutschland. Die Franzosen. England. Amerika. Hans schwer erkrankt. Cöln ein Ekel, die Bank eine Sinnlosigkeit. Gehalt gleich Null. Krank an Körper und Geist. Nicht mehr auszuhalten. Beschluß, mich krank zu melden. Mein Theater bei 2 Ärzten. Nochmal heim. Unterwegs auf Karren. Dann im Auto. Wie man in der Zeit reist. Else von meinem Plan des Krankseins begeistert. Wohin? An die See! Nach Baltrum! Vorbe- reitungen dazu. Cöln das Leben zum Überdruß. Frau Carplet und

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ihre unglückliche Ehe. Fräulein Haines und ihre Leute. Heiße Som- mertage. Immer Sonntags nach Düsseldorf oder Crefeld. In Crefeld Tasche verloren und wiedergefunden. Bensberg. Königsforst. Else und Trude Massen wollen mit nach Baltrum. Ich muß heraus. Ge- wissensbisse. Ich weiß, daß ich nach Cöln nicht mehr zurück kann. Ich setze alles auf eine Karte. Der Tod oder aus diesem Kasten her- aus. Chamberlain »Grundlagen«. Judenfrage. Louis Hagen. Lied- literatur bei Beyer. Wolff und Schumann. Chinesische und japani- sche Lyrik. (Hans Bethge.) Der Dom in Cöln. Cöln als Stadt. Der Rhein. Ich als Rheinländer. Die vom Niederrhein. Schweres Blut wie alle aus der großen Landschaft. Steppennaturen. Meine beiden Artikel im Kölner Tageblatt. Cölner Kirchenleben. Die Großstadt. Flucht nach Klettenberg. Meine unhaltbare Stellung auf der Bank. Die Inflation. Tolle Zeiten. Der Dollar klettert wie ein Jongleur. Bei mir heimliche Freude. Ja, das Chaos muß kommen, wenn es besser werden soll. Der Kommunismus. Judentum. Ich bin deut- scher Kommunist. Else einen Samstag-Sonntag in Cöln. Samstag- abend bis tief in die Nacht Schwelgen. Am Sonntag mit Beyer zu Schiff nach Benrath. Stiller Nachmittag. Feldeinsamkeit. Sehnsucht nach dem Meere. Endlich kommen die Ferien. Ich werde tot- krank[!]. Vom Arzt (Dr. Krämer) auf 6 Wochen krankgeschrieben. Ein paar Tage allein in Cöln. Dann Else und Frl. Massen. Noch ein paar Paßschwierigkeiten. Dann fertig. Am Abend bei Regenwetter der Koffer im Puffer geknickt. Münster. Im Bummelzug 2. Klasse. Emden. Aufenthalt. Die Stadt Emden. Weiter. Norddeich. Ins Boot. Ferne. Baltrum! Gegrüßt, mein Baltrum!

August 1923 in Baltrum

Nachmittags Ankunft. Mein Zimmer ganz oben mit Ausblick auf volle See. Schnell eingelebt. Goldene Tage des Friedens. Geld- schwierigkeiten. Inflation. Dollar klettert. Wir können kaum aus- halten. Starke Nervosität. Else. Süße Stunden mittags auf ihrem Zimmer und in den Dünen. Sie ist so graziös. Knospenmädchen. Trude Massen fällt auf die Nerven. Familie Volkmann. Waltraud.

65 Richtig: Wolf.

86 Von September bis Oktober 1923 in Rheydt und Cöln

Gustav Adolf. Der Herr Leutnant Stolzel auf[!] Ungarn mit Ge- mahlin. Oberlehrer Sch.. .... Herr Küper. Der Herr Kl... Der Pastor auf Baltrum. Ein Kapellmeister aus Bochum. B.. aus Berlin. Else quält mich sehr. Ihre Verständnislosigkeit für meine Qual. Ernste Szenen. Im Liegestuhl auf der... . Nachricht von Richards Tode.‘ Erschütterung. Ich bin meiner Sinne nicht mehr mächtig. Allein auf der Welt. Ein Brief an Richards Mutter. Qual und Ver- zweiflung. In Deutschland Chaos. So habe ich denn alles verloren. Nervöse Anspannung bis zur Empfindungslosigkeit. Else faßt mich nicht. Krebsfang. Meeresleuchten. Post aus Cöln. E........ Mein Geld kommt nicht. In der Kirche auf Baltrum. Oberlehrer Peter. Weißenfels mit Frau und Tochter. Im Dünenschlößchen. Ich bin krank und werde kränker. Apathie. Else ist mir gleichgültig. Nur das Geld. Täglich zur Post. Gertrud Massen abgefahren. Im Reich die Dinge auf des Messers Schneide. Hier unter Abschluß von der Welt vergrößert sich das Unglück zu phantastisch-grotesken Di- mensionen. Mit Else ernste Auseinandersetzungen. Abbruch. Sie weint wie ein Kind. Eine schmerzensvolle Nacht. Sie droht zu ster- ben. Ich gebe halb nach. Zurück in ihr Zimmer. Ich packe ein. Am anderen Morgen im strömenden Regen ab. Völlig durchnäßt in Nessmersiel. Verdorbene Koffer. Else trocknet ihre Sachen in Nor- den. Abends zurück nach Bremen.

Von September bis Oktober 1923 in Rheydt und Cöln

Im Zuge nach der Wagenfahrt vorläufige Einigung. Sie leuchtet vor Freude. Sie zu Else Ebeling nach Berlin, ich nach Cöln. In Cöln umgepackt. Dann Rheydt. Das Chaos im besetzten Gebiet. Arbei- ter auf der Straße. Das Volk wird losgelassen. Die Jagd nach dem Dollar. Meine ersten Gulden. Else kommt von Berlin zurück. Sie ist

66 Richard Flisges, der sein Studium abgebrochen hatte, starb bei einem Grubenunglück im bayerischen Schliersee. Goebbels schrieb dazu: »Schöp- ferische Kräfte. Richard Flisges, dem toten Freunde!«, Rheydter Zeitung vom 22.12.1923, BA Koblenz, NL 118/113; mit dem Roman Michael Voor- mann. Ein Menschenschicksal in Tagebuchblättern, den er 1923 zu Papier brachte, wollte Goebbels Flisges als »tapferem Soldaten der Arbeit« ein »lite- rarisches Denkmal« setzen. Siehe dazu auch: Reuth, Goebbels, S. 64 ff.

Von September bis Oktober 1923 in Rheydt und Cöln 87

gut und willig wie ein Kind. Meine Krankheit. Entlassung von der Bank. Was nun? Zurück nach Cöln. Else gibt mir 10 Gulden mit. Bei den Arbeitslosen. Ich bekomme nichts. Ich habe nicht die nötige freche Ausdauer. Ich lebe eine Woche von einem Gulden. Tage voll Sorge und Arbeitslosigkeit. Beyer und Frl. ..ke. Else in Cöln an einem Samstag. Toller Abend. Die Bahn geht noch nicht. Bis Wor- ringen mit zurück. Herr Müller. Frau Dr. Borchardt. In den Kirchen von Cöln. Herr Thielen. Musik bei Beyer. Ich lerne Cöln erst richtig kennen. Prometheus brennt mir auf der Seele. Dann ein Zeitdrama. Erste Anfänge des Wanderers. Frau Carplet meine Mutter. Meine Bemühungen um eine Stelle vergebens. Herr Gebhardt. Ich schreibe nach Hause, daß ich krank bin. Vater bittet mich zurück- zukommen. Ja, ich komme. Die letzten Tage in Cöln. Katastro- phales Ende des passiven Widerstandes. Verzweiflung. Carplets ziehen nach Antwerpen. Ungemütlichkeit. Also gepackt. Auf nach Rheydt. An einem Samstag da. Ich nehme keinen Abschied. Wor- ringen. Zum ersten Male mit der Regie. Hans in Neuß besucht. Er mit nach Rheydt. In Rheydt schnell eingerichtet. Gottlob, ein eige- nes Dach über dem Kopf. Die zu Hause sind gut zu mir. Meine Kameraden in Rheydt. Die Jagd nach dem wertbeständigen Geld. 50 Glas Bier für einen Gulden. Herbert und Robert. Nölles. Rechts- anwalt Joseph. Das Judentum. Die Politik ist zum Weinen und zum Lachen. Auf der Straße. Else ist mein Kamerad. Fast wie ein Junge. Nur dann und wann der Eros. Wilde Tage des Saufens aus Verzweif- lung. Herr Hövel. Willy Zilles. Der Untergang des deutschen Gedankens. Ich halte die Qual nicht mehr aus. Ich muß mir die Bit- terkeit vom Herzen schreiben. Else schenkt mir ein Buch für den. täglichen Gebrauch. Am 17. Oktober beginne ich also mein Tage- buch.

(beendet am 11. August 1924.)

Gelegentlicher Nachtrag zu diesen Erinnerungsblättern.

1924

27. Juni 1924

Möge dieses Buch dazu beitragen, daß ich klarer werde im Geiste, einfacher im Denken, größer in der Liebe, vertrauender in der Hoff- nung, glühender im Glauben und bescheidener im Reden! Franz Herwig. »Sankt Sebastian vom Wedding«. Eine Christusnovelle. Ich mußte viel an Jakob Wassermanns »Christian Wahnschaffe« denken. Aber dieser Sankt Sebastian ist doch reiner, überzeugen- der, mit einem Wort, christlicher. Es geht etwas vom wahren Geiste des Katholizismus durch dieses Büchlein. So etwas von Franz von Assisi. Wie weit ist die offizielle Kirche doch von diesem Geiste fern! All diese Bücher aus dem Geiste des Urchristentums, das ist ja nichts anderes als Ausfluß einer starken Sehnsucht nach dem Geiste Christi. Hauptmann »der Narr in Christo«. Vorläufig noch das erste Buch in deutscher Sprache aus diesem Gedanken. Aber wie weit steht der »Narr« noch hinter Dostojewskis »Idiot«! Rußland wird den neuen Christusglauben mit all der jungen Inbrunst und all dem kindlichen Glauben, all dem religiösen Schmerze und Fanatismus finden.! Ich denke in diesen Tagen viel an die Zukunft Deutschlands und Europas. Wie wird das Bild dieses Erdteils in 50 Jahren sein? Wahrscheinlich ganz anders. Wir haben heute einen neuen Men- schen, wenigstens den Anfang davon. Die menschliche Gesellschaft ist dieselbe alte geblieben. Es wird nicht eher Ruhe in Europa sein,

1 Goebbels stand zu dieser Zeit noch ganz im Banne Dostojewskijs und dessen Vision von einem mystisch-religiös begründeten sozialistischen Rußland sozialistisch in dem Sinne, daß der Glaube an Gott das große Integrations- moment des Volkes ist, die »synthetische Persönlichkeit des gesamten Volkes« -»der Körper Gottes«.

30. Juni 1924 89

bis diese Form der menschlichen Gesellschaft gebrochen ist. Das neue Geschlecht wird sich selbst seine neue, ihm gemäße Form ge- ben. Man kann den Gang der Geschichte nicht zurückhalten. Der neue Mensch hat immer und überall nur eine Sehnsucht: nach einer neuen Welt. Else ist sommerlich gut zu mir. Ich möchte mit ihr eine Hochzeitsreise machen, mit viel Geld, viel Liebe, ohne Sorgen, hinunter nach Italien und Griechenland! Ich las heute morgen R. Wagner »die Kunst des Dirigierens«. Für einen Musiker eine Fund- grube von Dirigentenfeinheiten. Lektüre Maximilian Harden (alias Isidor Witkowski)? »Prozesse«: (Köpfe. 3. Teil.) Was ist dieser ver- dammte Jude für ein heuchlerischer Schweinehund. Lumpen, Schufte, Verräter. Die saugen uns das Blut aus den Adern. Vam- pire! Ich sitze in der neu installierten Laube und freue mich des schönen Sommertags. Sonnenschein! Laue schöne Luft! Blumen- geruch! Wie schön ist diese Welt!!!

30. Juni 1924

Gestern in Elberfeld. Das sind also die Führer der völkischen Bewe- gung im besetzten Gebiet. Ihr Juden und ihr Herren Franzosen und Belgier, ihr braucht keine Angst zu haben. Vor denen seid ihr si- cher. Ich habe selten eine Versammlung mitgemacht, in der so viel geschwafelt wurde, wie in der gestrigen. Und dabei am meisten ge- gen die eigenen Kameraden. Im unbesetzten Gebiet ist der Kampf schon aufsheftigste entbrannt, den ich so lange schon erwartete, der zwischen völkischer Freiheitspartei und nationalsozialistischer Ar- beiterpartei.? Die beiden gehören ja auch gar nicht zusammen. Die

2 Ein frühes Beispiel für Goebbels’ stigmatisierende Namenspolemik. Die Be- zeichnung des Schriftstellers und Publizisten Maximilian Harden (urspr. Felix Ernst Witkowski) als»Isidor« istin Zusammenhang zusehen mit Goebbels’spä- terer Verunglimpfung des Berliner Polizeivizepräsidenten Dr. Bernhard Weiß.

3 Dasnachdem Hitler-Putsch im Rheinland durchgesetzte Parteiverbot hatte die Nationalsozialisten zur Improvisation gezwungen. So hatten sie mit der seit Februar 1924 wieder zugelassenen Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP) unter Hintanstellung ideologischer Differenzen für die Reichstagswahl am 4.5.1924 die Vereinigte Deutschvölkische Freiheitspartei und NSDAP gebil- det, die im Rheinland als Völkisch-Sozialer Block angetreten war. Obgleich sie mit 6,5 Prozent im Reichsdurchschnitt mehr als einen Achtungserfolg er-

90 30. Juni 1924

ersten wollen den preußischen Protestantismus (sie nennen es deut- sche Kirche), die anderen den großdeutschen Ausgleich, etwas wohl mit katholischem Einschlag. München und Berlin stehen im Kampf. Man kann auch sagen, Hitler und Ludendorff. Wohin ich gehe, kann kaum die Frage sein. Zu den Jungen, die tatsächlich den neuen Menschen wollen. Die alten Kämpen des Schutz- und Trutz- bundes wollen die Jugend kaltstellen. Vielleicht werden ihnen die Erfolge der Jugend unheimlich. Ich bin für reinliche Scheidung, - auch im Reichstag. Wo sie zusammengehen können, da mögen sie zusammengehen, wo nicht, da sollen sie auch nicht eine verlogene Einigkeit vortäuschen. Wie kläglich der gestrige Nachmittag. Nur Kleinarbeit. Persönliche Streitereien. Kein erlösendes Wort, kein überstrahlender Gedanke. Ein Gemisch von Feigheit, Gemeinheit, Großmannssucht und Strebertum. Wie peinlich der Eindruck, den ich mit nach Hause nahm. Ich muß viel eher nach München, dann nach Berlin. Wenn Hitler doch frei wäre! Maximilian Harden »Pro- zesse«. Wie verlogen manchmal, wie selbstgefällig, wie für den eige- nen lieben Rausch geschrieben. Dabei überraschende Geistesblitze. Meine Herren Völkischen, Sie müssen etwas regsamer, etwas gei- stig elastischer sein, um diese Art von Schriftstellern kaputt zu ma- chen. Mit Schimpfen und .. ung allein geht das nicht. Harden ist ein Mann, der aufs Ganze geht, mit Schärfe, Lauge, Witz und Satire. Die typisch jüdische Kampfesweise. Ob man die Juden anders schla- gen kann als mit ihren eigenen Waffen? Ich sehe mit großer Besorg- nis in die völkische Zukunft. Der Gedanke des völkischen Groß- deutschlands ist gut. Aber es fehlen die tüchtigen, fleißigen, Klugen und edlen Führer. Mit dem guten Willen und der vornehmen Gesin- nung allein ist’s nicht getan. Wir müssen alle arbeiten. Maßlos arbei- ten. Sonst sind wir endgültig verloren. Mit Else manche schöne Stunde und manche trostlose, harte, erschütternde Auseinanderset- zung. Wie schwer ist doch das Leben. Wie oft kommt mir jetzt der Wunsch und der Gedanke: heraus aus dem Getriebe, allein, ein- sam, ein kleines Haus im Walde, ..reichendes Auskommen. Und die Welt Welt sein lassen. Elberfeld ist eine schöne Stadt mit auffal-

zielt hatten, waren die Spannungen im Block unübersehbar. Vgl. dazu: Reuth, Goebbels, S. 76f.

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lend viel hübschen Frauen. Da muß gut wohnen sein! Herr Wiegers- haus, der Reichstagskandidat: Wilhelminisch, dickbäuchig, gedreh- ter Schnurrbart, riecht aus dem Halse, ist verbindlich, ein guter Kerl, nur kein Mann, der der Jugend imponieren könnte. Keine Führernatur. Ich kenne überhaupt noch keinen völkischen Führer. Ich muß bald einen kennen lernen, damit ich mir wieder etwas neuen Mut und neues Selbstvertrauen hole. So geht’s nimmer. Eine Hoffnung nach der anderen bröckelt in mir ab. Ich renne schnur- stracks in die Verzweiflung. Zurück zur Arbeit! Man ist doch am Ende nur das, was man aus sich selber macht. Der Mensch ist nur soviel wert, als er, wäre er nicht er, für sich selbst geben würde. Kleinpolitik hasse ich bis in die Seele. Zusammenhänge, meine Her- ren, Linien, Aussichten. So könnt ihr die Jugend nicht lange behal- ten. Jetzt warte ich auf Ende der Kreditnot. Ich warte bis in alle Ewigkeit auf Stellung und Geld. Verzweiflung! Skepsis! Zusam- menbruch! Ich weiß nicht mehr aus noch ein.

2. Juli 1924

Maximilian Harden, so ein verlogener polnischer Judenlümmel. Wie gemein manchmal. Diese unter scheinbarer patriotischer Tap- ferkeit versteckte Feigheit. Diese auf die Nerven fallende jüdische Rabulistik. Diese liebevolle semitische Selbstberäucherung. »Ich handele nur aus reinsten patriotischen Gefühlen.« »Sie können mich verurteilen, wenn nur die Nation gerettet wird.« Wie grausam dieser Judenbengel gegen die Männer|!], die in seiner Gewalt sind. An Harden kann man, wenn man die Augen aufmacht, die ganze Rassenfrage studieren. Dann das Gemeinste, damit die Gojims in der Provinz nichts merken. »Ihr Name »Ernst, Felix, Maximilian Harden, protestantischer Konfession.« Haha. Ein aufrechter Pa- triot! Ein Mann, der die Wahrheit liebt. Ich rühre nicht im Schlamm. Ich bin kein Mann der Sensation. Ein Maximilian Har- den! Ein Schriftsteller von Rang. Dann eine künstliche Erregung. Der Richter kneift den Schwanz ein. (Wahrscheinlich auch ein Ju- denbengel, genannt Lehmann, der Staatsanwalt heißt Preuß.) Die- ser patriotische Gimpfelfang. »Ich habe sieben Jahre mit mir gerun- gen.«- Dann aber habe ich es mit Wonne in die deutsche Öffentlich- keit hineingegossen. Gott, was[!] ein Schwindel. Herr Maximilian

92 2. Juli 1924

Harden = Isidor Witkowski, protestantischer = jüdischer Konfes- sion, deutscher = polnischer = semitischer Nationalität, Sie Patriot, Sie tapferer Streiter für Wahrheit und Recht, Sie sind ein Lümmel, ein Lump und der größte Schwindler des 20. Jahrhunderts. Das ha- ben Sie nach dem Kriege auch dem Dümmsten bewiesen durch Ihre Schmähartikel gegen Ihr deutsches »Vaterland«. Da durften Sie die Maske von Ihrer jüdischen Fratze reißen. Und Sie haben es mit Wonne getan. Assez! Es lohnt sich nicht der Mühe! Wenn ich in Deutschland zu sagen hätte, dann würden Sie heute noch im Verein mit Herrn Warburg, Herrn Louis Hagen, Herrn Nathan und et- lichen anderen gelben Lümmeln im Viehwagen über irgend eine Grenze geschoben. Der Geist ist eine Gefahr für uns. Wir müssen den Geist überwinden. Der Geist quält uns und treibt uns von Kata- strophe zu Katastrophe. Nur im reinen Herzen findet der gepeinigte Mensch Erlösung von dem Elend. Über den Geist hinaus zum rei- nen Menschen! Rosa Luxemburg »Briefe aus dem Gefängnis an Karl Liebknecht«. Vielleicht eine Idealistin. Manchmal überra- schend in ihrer Innigkeit, in dem warmen, lieben Freundschaftston. (Übrigens sind die Briefe an Sonja, die Frau Liebknechts, und nicht ihn selbst gerichtet.) Jedenfalls hat Rosa für ihre Idee gelitten, hat dafür im Gefängnis jahrelang gesessen und ist schließlich dafür gestorben. Das darf man doch nicht bei all diesen Gedankengängen vergessen. Aber diese jüdischen Ideologen lassen das außer acht, was als ewiges Gesetz in der Brust des abendländischen Menschen geschrieben steht: die Liebe zum Vaterland. Darum bekämpfen wir diese phantastische, lügenhafte - weil unnatürliche - Ideenwelt. Da- bei muß wohl mancher Idealist auf beiden Seiten zu Grunde gehen. Ob Idealist oder nicht: wir brauchen uns nicht von landfremden Ele- menten die Liebe und das verantwortungsvolle Bewußtsein dem Vaterland gegenüber aus dem Herzen reißen zu lassen. Ich sitze jetzt die ganzen schönen Sommertage in der Laube draußen, von lauen Winden umkost, mitten im Sonnenschein. Und laß meine Ge- danken fliegen wie leichte Flocken. Ich sammle für den Winter. Da muß man schon Vorrat haben. Die liebe Olgi* aus der Schweiz

4 Gemeint ist Olgi Esenwein, die Freundin Richard Flisges’. Ihre Briefe an Goebbels finden sich im BA Koblenz, NL 118/112.

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schickte mir ein Paketchen bis oben voll von wilden roten Alpenveil- chen. Die stehen auf meinen Tisch und duften würzige Bergesluft. Die gute, anhängliche Freundin. Ich habe sie sehr gern und fühle manchmal ein großes Verlangen, mich noch einmal mit ihr auszu- sprechen. Sie ist sozusagen die beständige Verbindung, die mich immer wieder auf Richard geleitet. Wer uns im Leben wahrhaft nahe stand, kann uns im Tode nicht sterben. Es geht nichts an Geist in dieser Welt verloren, in irgendeiner Form und in irgendeinem Menschen wirkt jedes Wort, jeder Gedanke, jede Idee weiter bis in das Ende der Zeit. Richard lebt, in mir, und darum in allen Men- schen, die mein Gedanke aufweckt. Vor meinen Augen steht ein blutroter Gruß aus den Schweizer Bergen. Richard und Olgi! Wie viel ward mir schon an Liebe und Treue gegeben in meinem Leben! Mit Else wieder einmal aufs innigste vertragen. Eine köstliche Stunde gegenseitigen Verstehens. Ich habe sie gleichsam wieder von neuem. Sie ist so lieb und anhänglich. Die schärfste Waffe, die die Frau gegen uns führt: ein Tränenstrom. Dagegen sind wir machtlos. Ich höre Else auf dem benachbarten Schulhof kommandieren.? Sie freut sich bestimmt schon auf unser Zusammensein heute nachmit- tag. Sie kann ohne mich nicht mehr sein. Ich bin ihr Alles. Warum gibt das Geschick mir so viel an Liebe? Warum kann ich so viel an Liebe wieder geben? Bin ich anders als die anderen alle? Ein Glückskind gar? Oder darf ich das Leben stärker kosten mit seinen Schätzen, weil ich einmal früh davon scheiden muß? Manchmal habe ich so eine Ahnung! Man kann so sentimental werden! An die Arbeit, my boy! Lernen, damit du kein Schwätzer wirst!

4. Juli 1924

Rosa Luxemburgs Briefe zu Ende. Bei fortschreitender Lektüre merkt man doch den Schmuß[!]. Es ist keine Natur darin. Ihre Blu- men- und Tierliebe ist die Sehnsucht des Großstädters nach der ver- lorenen Natur. Ihre literarischen Bemerkungen sind manchmal

5 Die Katholische Volksschule Dahlener Straße, an der Else Janke unterrich- tete, lag gleich neben dem Goebbelsschen Elternhaus.

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mehr als primitiv. Aber ich tue ihr vielleicht Unrecht, weil ich vor- eingenommen bin. Man kann als Mensch so schlecht aus seiner Haut [Haut durchgestrichen] heraus. Und jetzt ist meine Haut doch eine etwas einseitige antisemitische. Hoffentlich werde ich bald klar und gerecht. Aber das werde ich nie einsehen: daß Maxi- milian Harden kein Lump ist. Ein Gesinnungslump par excellence. Dieser infame Mensch, der größte Kriegshetzer von 1908-1915, geht doch jetzt nach Amerika und besudelt das Land, das er früher sein »Vaterland« nannte. Diese Sorte Leute bleibt doch immer die- selbe. Unser schlimmster Feind in Deutschland ist das Judentum und der Ultramontanismus. Wie sonderbar, daß unsere große völ- kische Bewegung mit einem Mal so schlapp und so oberflächlich geworden ist. Ruhen wir auf den Wahllorbeeren aus? Warum ar- beiten wir nicht? Ich möchte an Sieg und Durchbruch verzweifeln. Olgi schreibt mir einen verträumten Brief aus St. Moritz.° Klagen über das Treiben der Deutschen in den schweizerischen Luxusbä- dern. »Es sind meistens nur Juden.« Wer leidet darunter? Unsere deutschen Kinder, denen das Ausland nicht mehr helfen wird. Ich las Gustav Noskes »Von Kiel bis Kapp«. Welche Erschütterungen, die dieser Sozialdemokrat aus der glorreichen Revolution aufweist. Welch eine Summe von Feigheit, Niedertracht, Phrasenbrei in der Zeit von Kiel bis Kapp. Uns fehlt in Deutschland eine starke Hand. Schluß machen mit Experiment und Phrase. Anfangen mit Ernst und Arbeit. Das Judenpack, das sich dem verantwortlichen Gedanken der Volksgemeinschaft nicht fügen will, an die Luft set- zen. Auch verhauen. Geldabenteurer, an die Luft gesetzt. Gustav Noske hatte etwas von einer starken Hand. Wenn der Mann mit seinen Machtmitteln die jüdische Gefahr bekämpft hätte! Wir stünden heute weiter. Deutschland sehnt sich nach dem Einen, dem Mann, wie die Erde im Sommer nach Regen. Uns rettet nur noch letzte Sammlung der Kraft, Begeisterung und restlose Hin- gabe. Das sind alles ja Wunderdinge. Aber kann uns nicht nur noch ein Wunder retten? Herr, zeig dem deutschen Volke ein Wunder! Ein Wunder!! Einen Mann!!! Bismarck, sta up! Hirn und Herz sind mir wie ausgetrocknet vor Verzweiflung um mich

6 Brief Olgi Esenweins vom 1.7.1924, BA Koblenz, NL 118/112.

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um mein Vaterland. Eine drückende Schwere liegt über Deutsch- land. Man muß auf das Schlimmste warten. Ich wollte mithelfen am Wiederaufbau. Und überall weist man mich ab. Der heutige Kampf um das Gesicht Deutschlands ist der uralte Kampf zwischen Vater und Sohn. Verzweiflung! Verzweiflung! Ich mag nicht mehr leben, um all das Unrecht anzusehen. Ich muß mitkämpfen für Recht und Freiheit! Verzweiflung! Hilf mir, großer Gott! Ich bin am Ende mei- ner Kraft!!!

7. Juli 1924

Die politischen Zustände in Europa, speziell in Deutschland-Frank- reich drängen nach einer gewaltsamen Erschütterung. Es ist kaum zu verstehen, wie die allgemeine Volksstimmung so bald schon nach 1918 ins gerade Gegenteil umschlagen konnte. Die bösen Kräfte sind heute noch am Werke. Wie lange noch? Wer vermag’s zu sa- gen? Endlich wird doch einmal der große Lichtstrahl unserer Frei- heit aufscheinen. Man darf nur nicht den Mut verlieren. Der Ge- danke lebt und maschiert[!] in die Zukunft hinein. Heil und Sieg! Für den neuen Menschen! Ich lese Bebels Memoiren. Der Mann hat ja auch mit nichts angefangen und ist später der große, gefürchtete Sozialistenführer geworden. Ich glaube, in seinen jungen Jahren war er ehrgeiziger Idealist, später war er umgekehrter d. h. soziali- stischer Kapitalist. Die Führer, die aus dem Volke kommen! Ach Gott, die berühmten Autodidakten! Es läuft so viel Pack darin herum. Phrasenbrei! Wir gehen an den Phrasen der Halbgebildeten elend kaput. Man hat bald Scheu, seine Gedanken in die Öffentlich- keit zu tragen: nach ein paar Tagen findet man sie als die trivialsten Phrasen wieder. Der Bebelsche Sozialismus war eine gesunde Ent- wicklung gegen den damals allmächtigen Liberalismus. Er war auch vaterländisch gesinnt. Beweis: Kampf gegen Lassalle, vielleicht aus Instinkt. Später ist dieser Sozialismus jüdisch verseucht worden. Wie passen zu einem deutschen Spießer die blutrünstigen Weltkata- strophenideen eines Karl Marx, eines Lenin und eines Trotzki? Der Russe ist phantastisch genug, bei ihm mag sich der Bolschewismus mit all den Gedankenkreisen von Mystik, Phantasie, Ekstase u. s. w. mischen; vielleicht ohne daß seine Führer es wollen und wis- sen. Darum allein auch kann der Bolschewismus sich so lange in

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Rußland halten. Hier in Deutschland wäre er lange erkannt und gerichtet. (s. Münchener Räterepublik und Berliner Tage 1918 und Anfang 1919.) Bolschewismus ist gesund in seinem Kern. Was wir heute davon sehen, ist Krippenjagd, Unfähigkeit, Unreife und Feig- heit. Diese phantastisch extremistischen Führer des deutschen Kommunismus gehen am deutschen Spießer zu Grunde. An der deutschen Dummheit - oder Einsicht - je wie mans nimmt. Bebel hat sympathische Züge. Man schätzt ihn als aufrechten, geraden Charakter. Aber er gibt geistigen Menschen nichts - rein gar nichts. Er hat keine Kultur, schreibt einen gräßlichen Stil, spricht gern und auf die Nerven fallend von sich selbst (auch Noske tut das, - es scheint also Mode bei den Rosaroten zu sein), ist überhaupt für einen feinen Kopf ungenießbar. Ja, wenn die Herren, statt in der großen Versammlung Phrasen zu dreschen, einmal ein Buch, ein Krrjua &g dei’ schreiben sollen, dann versagen sie vollständig. Dann fällt der falsche Zauber der äußeren Wirkung ab und der Mann steht vor dir in seiner ganzen geistigen Blöße. Schwieriger ist es, hinter Karl Marx zu kommen. Überhaupt sind die Juden da gerissener. Sie erzählen flüssiger, gebildeter, interessanter, vermeiden die Klippen der Kulturlosigkeit und reden mehr um die Sache herum. Die deut- schen Arbeiter sind zu biderb-ehrlich, gut für uns, wir verstehen sie darum eher und besser. Eine andere Kost. Graf Eduard von Key- serling »abendliche Häuser«. Jenes Unkultur, dieses bis ins letzte verfeinerte und köstlich aufgearbeitete Kultur; - vielleicht ihr Ende Zivilisation.® Ein etwas müder, dekadenter Graf erzählt in seinen stillen, köstlichen Geschichten den Untergang seiner morbiden Ge- schlechter. Und das tut er mit einer Liebe, mit einer heimlichen, versteckten Wehmut, mit einer schmerzvoll lächelnden Trauer, daß einem weh wird ums Herz beim Lesen. Untergangsstimmung. Spengler, der Bürgerliche, der Starke und Unverbrauchte, münzt sie aus zum starken Wollen für den Untergang, dieser morbide Graf hat nicht mehr den Mut und nicht mehr die Kraft, - vielleicht auch

7 Ein unvergänglicher Besitz (Thukydides).

8 Diese Passage zeigt einmal mehr, wie sehr Goebbels unter dem Eindruck Os- wald Spenglers stand, der in seiner Geschichtsmorphologie Der Untergang des Abendlandes (München 1923) die »Zivilisation« als das der »Kultur« folgende seelenlos-materialistische Endzeitalter darstellte.

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nicht mehr die Lust dazu. Er erzählt gelassen - und doch voll heim- lich bebender Melancholie - die Schwermut der Häuser, in denen es Abend wird. Da geht eine köstliche Kultur zu Ende. Wir Bürger- lichen dürfen nicht zuviel von diesen Dingen hören, dürfen uns nicht anstecken lassen. Denn wir müssen weiterschaffen und am neuen Geschlecht arbeiten. Thomas Mann hat in seinem Schaffen gezeigt, wie gefährlich es ist, mit dem Untergang zu spielen. Fritz von Unruh ist der gerade Gegenpol zu Keyserling, der adelige Frondeur, der den neuen Menschen sucht auch gegen sein Geschlecht und gegen die Tradition seines Standes unter ihm. Er will sich nicht beschei- den. Keyserling mag das verachten. So bleibt er in seinem Rahmen und gibt letzten Stil seines Standes. Unruh aber muß mit dem Stil kämpfen und unterliegt ihm. Welch eine Kultur in der Sprache Key- serlings. Fein, ziseliert, ein Filigran. Seine Ironie bleibt vornehm und wohltuend, nicht anklagen, verstehen, darstellen, verzeihen. Wer wollte so verbürgerlicht sein, über diese Wehmut zu lachen und sich darüber erhaben fühlen? Keyserlings Menschen sind in ihrer morbiden Unbrauchbarkeit doch noch Edelmenschen, Menschen, die man liebgewinnt. Aber wir müssen sie überwinden. Wir dürfen nicht daran kleben bleiben. Wir haben - gegen sie und über sie hin- aus - noch eine Aufgabe, noch ein Amt, noch eine Mission. Der beste Teil des Adels hat vielleicht noch eine. Nicht alle mögen da verbraucht sein. Aber die Quintessenz des neuen Menschen stellen wir, wir jungen Männer ohne Tradition und ohne Geschlecht. Wir sind das Salz der Erde. Über Adel und Bourgeoisie hinaus ein neues Geschlecht. Wir dürfen nicht verzweifeln, das ist nicht anständig und zu leicht, keine Aufgabe für die Jugend Europas, die die schlimmste Zeit erlebte seit Menschengedenken. Keyserling stri- chelt nur. Aber so eindringlich, daß seine Menschen voll und ganz vor dir stehen. Seine Fastrade ist eine köstliche Traumgestalt. Herb, süß, stark und mit allem wehmütigen Zauber einer untergehenden Welt umgeben. Dieter von Egloff ein hochmütiger, lieber Tunicht- gut. Stirbt an der Verzweiflung darüber, daß er ohne Beruf und ohne Aufgabe in die Welt gesetzt ward. Die Szene, da Fastrade den Verlobten verlassen in der Auerhahnhütte findet, ist erschütternd in der kargen, verschlossenen Einfachheit. »Ganz allein, ganz allein mußte er sterben, ich war nicht da, ich habe ihn ja verlassen, ich habe ihm nicht geholfen, so ist er allein gestorben, niemand war bei

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ihm, als er in Not war.« Gibt es eine ergreifendere Klage um den toten Verlobten, den das reine Mädchen verließ, weil das Gesetz es so verlangte! Meine Zukunft liegt in undurchdringlichem Dunkel. Ich habe nichts zu hoffen und alles zu befürchten. Nichts, worauf ich mich freute, wenn ich morgens erwache. Ich lebe in den Taghinein. Alle Wege sind mir verschlossen. Die Brust ist voll Sehnsucht, - und allenthalben überflüssig. Wo finde ich Rettung? In Berlin war Wahl zum Studentenausschuß. 100 Vertreter wurden gewählt. Davon sind 60 Radikal-Völkische. Die Jugend versagt nicht und sieht dies- mal einmal reiner und klarer als die stolzen Alten. Man hofft so gerne, wenn man in der Verzweiflung steht. Hier zu Hause beginnt man allmählich, mich zu verstehen. Das bereitet mir Freude und Befriedigung. Jetzt habe ich mich wieder einmal so etwas ausgespro- chen. Das macht frei und sicher. Ich sammle in mir nur die Zukunft. Ein gutes Wort kann bisweilen Wunder tuen. Wir Menschen sind Diener der Stimmung und Laune. Else hilft mir wacker. Das gute Mädchen. Ihr schulde ich unendlich viel. Ich möchte wieder einmal die Flügel schlagen! Zum Flug in blaue Ferne! Warum lieben wir Modernen alle das Kranke? Sind wir selber krank? Wir haben zuviel gelitten! Dekadenz ist süß und bitter zugleich. Aber die Mischung ist verführerisch für den Zeitgenossen. Aufpassen, Freund! Nicht daran denken! Opfern! Deine Mission erfüllen!

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Bei Bebel kann man doch mehr lernen, als ich zuerst dachte. Vor allem: daß man den Mut nicht sinken lassen darf, wenn’s auch mal eine Zeitlang ganz daneben geht. Aber das Poltern, das geistlose Polemisieren gegen Feinde und Freunde, diese selbstgefällig Beräu- cherung (alles Tugenden der sozialdemokratischen Funktionäre) fällt mir auf die Nerven. Das typische Zeichen der Halbbildung die- ser Männer. Blutige Autodidakten. Prahlen gern mit ihrem ange- knobelten Wissen. Verkappte Bourgeois. Feinde des Kapitals aus Neid, nicht aus seelischer Sehnsucht und aus Mitleid mit den Ar- men. Negative Kapitalisten. Feinde der Agrarier, weil sie selbst gern Rittergutsbesitzer sein möchten. Der Sozialismus ist nicht ein- mal schön in der Theorie. (Das ist doch das Mindeste, was man von einer Weltidee verlangen muß.) Sie haben keinen Schwung, keine

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Verve, keine Begeisterung. Ohne Idealismus. Der enttheoretisierte Materialismus. Die endgültige Vermechanisierung alles Denkens, Fühlens, Schaffens und Handelns. August Bebel ist als Mensch sehr sympathisch, als Memoirenschriftsteller einfach unmöglich. Viel- leicht muß ich noch einiges über ihn sagen, wenn ich seinen zweiten Band zu Ende gelesen habe. Die hohe Politika des Tages nimmt mich nicht mehr so viel in Anspruch. Das ist alles so geistlos. Phra- sen und Brei. Das Einzige, was mir Spaß dabei macht, ist, ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen, hinter die Kulissen zu schauen. Die französischen Nationalisten rüsten wieder mal zu einem Schlag, um Herriot kalt zu stellen. Vielleicht ist das ganz gut so. Bei Poincare weiß jeder Deutsche, woran er ist. Bei Herriot noch lange nicht. Und das Ziel beider ist doch dasselbe. Offene Politik. Damit wir in Deutschland eine Einheitsfront bekommen. Vielleicht hat England mit seinem versteckten Geschäftssinn uns seit 1918 mehr geschadet als Frankreich mit seinem offenen Vernichtungswillen. Der staat- liche Sozialismus hat die Zukunft. Ich vertraue auf Rußland. Wer weiß, wozu es gut ist, daß gerade dieses heilige Land durch den kras- sesten Bolschewismus hindurch muß. Unser Staatsgefühl muß mit Verantwortung und Freudigkeit durchtränkt werden. Wir müssen die heutige Staatsmüdigkeit überwinden. Ich denke in diesen Tagen viel an Anka Stalherm. Sonderbar. Ich komme von diesem Men- schenkind nicht los. Wir hatten uns noch so viel zu geben. Sie mir an Natur, an Liebe, an Güte, ich ihr an Kraft, an Selbstbewußtsein, an Mut zum zu-Ende-Denken. Ich träume oft von ihr. Dann sehe ich sie meist als schöne, stolze Dame, die das Leben nimmt, wie esnun einmal ist. Sollte das wahr sein? Was mag sie denken und tuen? Ich glaube, wir brauchten nur einen Tag zusammen zu sein, und wir verständen uns. Liebe, liebe Anka! Wie oft sehne ich mich nach Dir! Die Treue zu dem Andenken an sie gibt mir eine Fülle von Mut und Kraft. Immer denke ich dann, daß ich das noch erfüllen muß, was wir beide ersehnten. Ich muß für sie »auch Einer« werden. Ohne die Frau werde ich niemals fertig werden. Sie gibt mir nicht viel unmittelbar. Aber sie weckt Kräfte in mir, die sonst verschlum- mern würden. Else ist lieb zu mir. Sie kommt gestern freudestrah- lend in einem neuen Sommerkleid. Sie hat es an einem Tage selbst genäht, um mich damit zu überraschen. Wenn ich nicht begeistert bin, dann ist sie totunglücklich. Dann möchte sie am liebsten ster-

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ben. Gefährlich ist dieses Spielzeug. Nicht für den Starken! Für den ist die Frau ein köstliches Spielzeug. Ich bin oft bedrückt, habe über etwas Reue, und weiß doch nicht warum. Der Mensch ist zum Lei- den in die Welt gesetzt. Wir haben immer Schmerzen und Reue - und Gefühl der Schuld. Vielleicht tragen wir Schuld von anderen, die vor uns waren, oder eigene Schuld aus einem anderen Leben. Jedenfalls gibt es eine geheimnisvolle Macht, die uns immer wieder treibt, etwas zu tuen, damit die Schuld gemildert werde. Die Schuld ist das, was zwischen letzter Lust und letztem Schmerz steht. Darum müssen wir sühnen und opfern. Nur nicht vergessen, daß wir arme, arme Menschen sind.

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Ich lese Bebels Memoiren teils mit Interesse und Freude, teils mit einem peinlichen Gefühl der mangelnden Befriedigung. Freude be- reitet mir seine Durchgängernatur, sein Mut und seine Festigkeit. Peinlich sind seine persönlichen Erinnerungen. Das klingt alles so hoch und selbstgefällig und ist in Wirklichkeit so hohl und nichtssa- gend. Dann auch bereitet es kein Vergnügen, seinen giftigen Ergüs- sen über Schweitzer zu folgen. Das ist doch ein bischen[!] plebe- jisch. Aber das scheint wohl Manier der sozialdemokratischen Funktionäre zu sein. (s. Noske.) Ich sinne immer noch über den Plan einer Wochenzeitschrift in Elberfeld nach. In Theorie klappt alles. Es fehlen nur 2000M Anfangskapital. Aber die Praxis, die verdammte Praxis. Schöne Sommertage! Heiß wie in Afrika. Könnte man nur heraus, ans Meer oder ins Gebirge. Am liebsten ans Meer. In der Tagespolitik mischen sich Krampf und Seich. Frankreich und England haben sich geeinigt, natürlich auf Kosten Deutschlands. Herriot ist ein hinterhältiger Lump. Poincare ist mir sympathischer. Der englische Premier Macdonald, - oha - ein Frie- densapostel mit dem Ölzweig, englischer Pietist, Mann des cants, dasliebt man in Deutschland nicht, mein Herr. Ich warte, -ich weiß nicht worauf. Auf etwas Ungewisses, aber worauf? Wir warten im- mer, wir Menschen. Bis der Tod unser Warten endet. Wie gern schöpfe ich Mut aus den kleinsten Dingen. Es muß schon ganz schief gehen, wenn ich den letzten Mut verliere. Es gibt Menschen, die sind so verlogen, daß man schon instinktiv beiihrem Reden 90%

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als unwahr abzieht. Ein Teil dieser Menschen sind pathologische Aufschneider (Nölles, Herbert - vielleicht auch ich), ein Teil verlo- gene Lügner (Paul Erich Hind.., der nebenbeigesagt auch noch ein Betrüger und ein Lump ist). Was stellen sich die Menschen heute unter Bildung vor! Er kann mit Messer und Gabel essen, rülpst nicht im Beisein anderer Leute (wenn er allein ist, mager tuen und lassen, was er will), macht eine chike[!] Verbeugung beim Vorstellen: ein netter, gebildeter Mann. Das Bürgertum ist bis ins innerste Mark verfault und angefressen. Schlimmer konnte der Adel niemals her- untergekommen sein. Staatsbewußtsein der Massen: nutzt sie nicht so aus, dann lernen sie wieder ihr Vaterland lieben. Ich spiele jetzt viel auf dem Hof mit Elsbethchen. Ein Kind ist doch ein Wunder Gottes, das uns für ein paar Stunden alles Leid und alle Qual der Erde vergessen läßt. Welch tiefe Weisheit: »wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.« Lernen wir wieder weinen und lachen wie die Kin- der! Aber Kinder können manchmal furchtbar grausam sein. Be- sonders körperlichen Schwächen und Unebenheiten der anderen Kinder gegenüber. Ich weiß ein Liedchen davon zu singen. Aber das sind die Kinder aus Naturtrieb. Ist die Natur nicht auch furchtbar grausam? Ist der Kampf ums Dasein, zwischen Mensch und Mensch, Staat und Staat, Rasse und Rasse, Erdteil und Erdteil, nicht der grausamste Prozeß, den die Welt kennt? Das Recht des Stärkeren - wir müssen dieses Naturgesetz wieder einmal klarer se- hen, dann verfliegen alle Phantasien von Pazifismus und ewigem Frieden. Was redet ihr heute von Pazifismus! Wollt ihr die Ruhe des Friedhofes? Der heutige Weltfriede ist auf Kosten Deutschlands ge- schlossen. Könnt ihr von Weltfrieden reden, wenn 60 Millionen in der Knechtschaft leben. Werden diese 60 Millionen nicht ihr Joch brechen, sobald sie sich stark genug dazu fühlen? Was redet ihr dann von Pazifismus! Wollen wir nicht zur Natur zurück? Ist sie nicht immer noch unsere große Weiserin und Lehrmeisterin? Geht und redet von Pazifismus unter Löwen und Tigern! Pazifismus ist immer das Öl der Sanftmut des Siegers über den Besiegten. Wenn ich von ewigem Frieden spreche und plündere dich aus bis aufs Hemd, - Gott, es gibt immer noch welche, die meinen Worten glau- ben. Unser Verstand geht manchmal fremde Bahnen. Aber das Herz bleibt doch immer zutiefst der ewigen Mutter Natur verbun- den. Wenn ich stärker bin als Du, was kann ich dafür? Führe Klage

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bei Deinem Gott! Oder besser noch, suche Dir gute Freunde, damit sie Dir helfen, meine Übermacht zu brechen. Man muß vor allen Dingen wieder einfach denken, sonst kommt man auf Irrwege. Es gibt ewige Gesetze. Ewige Wahrheiten gibt’s nicht. Aber ewige Gesetze. Das sind die Gesetze der Natur.

14. Juli 1924

Heiße, schwüle Sommertage. Sehnsucht nach Baltrum. Dort im hei- ßen Dünensande liegen und auf das unendliche Meer schauen. Und alles vergessen. Nichts denken. Politika trostlos und verzweifelt. Kampf zwischen Industrie und Börse in Frankreich, d.h. zwischen Poincar&, dem Exponenten der nationalen Industrie und Herriot, dem Exponenten der internationalen Börse. Die erste will uns ein- fach zu Grunderichten, am liebsten vollständig verschwinden lassen (20 Millionen Deutsche sind zuviel in der Welt), die zweite denkt nicht daran, uns zu vernichten. Sie will uns im Gegenteil für ihren Geldsack arbeiten lassen. Und doch sind die »ewigen Verträge«? beider nur von kurzer Dauer. Weil man ein Volk von 60 Millionen nicht für die Ewigkeit zu Sklaven machen kann. Der Mensch, die entfesselte Bestie in dieser schönen Welt! Eine grausame Disso- nanz! Bebels Memoiren zu Ende. Gott sei Dank. Sie wurden etwas langweilig und schrecklich ungebildet. Seine Phrasen vom Interna- tionalen passen zu ihm wie die Faust aufs Auge. Die Internationalen im Kommunismus sind die Marx, Liebknecht, Radek, Schdanek, also die Juden. Die wirklichen Arbeiter sind in Tatsache national bis auf die Knochen, wenn sie sich auch noch so international gebärden. Das macht sie kaputt, daß die Juden ihnen geistig so sehr überlegen sind und sie mit ihrem Phrasenbrei vernichten. Ein Arbeiter käme aus sich nie auf den Gedanken der Internationale. Die Internatio- nale finden wir nie von oben, d. h. unter Verleugnung der Nationen. Das widerspräche ja allen Naturgesetzen. Durch ein starkes Natio- nalgefühl zum europäischen Denken. So allein können wir die Ge-

9 Goebbelssah analog zur vermeintlichen Situation im Reich auch in Frankreich das verderbenbringende Zusammenspiel zwischen nationaler Industrie und Judentum.

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gensätze ausgleichen. Man sucht nicht ein Volk für einen König, sondern einen Königfür ein Volk. Durch Bebels Memoiren leuchtet immer wieder wie ein fernes Ungewitter der Alte aus dem Sachsen- wald'!®. »Er war ein großer Hasser, und als solcher hat er mir immer imponiert«, sagt Bebel von ihm. Eine Kleistsche Heldengestalt. Ebenso groß im Haß wie in der Liebe zu den Feinden seines Vater- landes und zu diesem Vaterlande selbst. Diesen Alten hätten wir nötig in der heutigen Zeit der Schmerzen, nötiger als damals, wo noch alles so leidlich seinen Gang weiterging. Ein verirrter Schmet- terling liegt auf meiner Fensterbank in der Sonne. Hat sich totgeflo- gen. Armes Tierchen! Ich spiele jetzt gern mit Else Schach und freue mich diebisch, wenn ich sie nach langer strategischer Vorbereitung matt setzen kann. Aber sie hat eine gewisse Raffinesse beim Spiele. Weiberschlauheit! Sie ist in letzter Zeit so liebesbedürftig und doch manchmal so real und nüchtern, fast geschäftsmäßig. Eine seltene Mischung von Brunst und Vorsicht. Sie kann nie so einmal aus vol- lem Herzen über die Stränge schlagen. Dazu ist sie zu vernünftig. Wie ganz anders Anka Stalherm. Sie war bereit, für eine Minute Seligkeit die ewige Verdammnis auf sich zu nehmen. Eine göttliche Frau. Aber für mich keine Frau zum Heiraten. Wir wären aneinan- der zu Grunde gegangen. Wir wären - ohne Phrase - an Liebe ge- storben. Ich muß bei der ersten günstigen Gelegenheit Anka Stal- herm nochmal wiedersehen. Heute ist der Bischof in Rheydt. »Die Rheydter Bürgerschaft entbietet dem hochwürdigen Herrn ehr- furchtsvollen Gruß.« (Brechreiz.) Es geht doch nichts über einen gesunden Brei von Lügen und Phrasen.

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Graf Eduard v. Keyserling »Wellen«. Der alte Keyserling. Nicht ganz so müde wie in den »abendlichen Häusern«, dafür aber auch manchmal so pikant und reizvoll. Das andere Buch hat mir weit besser gefallen. In »Wellen« wird der müde Graf schon etwas zu deutlich. Er sagt schon zu viel. Er ist nicht mehr so delikat. Oder ob ich mich schon mehr an seine Art gewöhnt habe? Eine seltene Kari-

10 Gemeint ist Bismarck.

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katur ist der Geheimrat von Knospelius. Ein Wahrsager und ein Prophet. Seine Schlußworte sind erschütternd. Ich habe oft an mich gedacht. Ganz so schlimm hat es das Geschick mit mir nicht ge- meint. Doralise wieder ein pikantes Frauenzimmer. Ähnlich wie Fa- strade. Muß der Mensch sich immer wiederholen? Auch Hilmar ist Egloff N®.2. Dasselbe junge, freche, trotzige Kerlchen. Und auch die rein menschliche Lösung ist ähnlich. Fastrade und Doralise bleiben mit ihrem Schmerz allein. Wundervolle Meeresbilder. Neu. Eigenartig. Auch etwas angekränkelt. Das Meer mit müden Ästhe- tenaugen gesehen. Diese Bücher sind pikant, reizvoll in ihrer mü- den Dekadenz, ein Labsal für Feinschmecker, Handbücher des gu- ten Tons und der feinen Lebensart; aber man darf nicht zuviel davon lesen. Es ist damit wie mit der süßen Nachspeise. Keine Nahrung für alle Tage. Gut dazu, aber kein Lebenselixier. Wenig Eiweiß. Son- derbar, daß das Kranke und innerlich Morsche uns immer wieder gefangen nimmt. Wir müssen doch wohl auch etwas von dieser Krankheit an uns haben. Oder ist es das Weh und das Mitleid, das uns angreift, wenn wir sehen, daß das Schöne sterben muß? Sind wir denn wirklich alle dekadent? Uns fehlt die frische Blutzufuhr. Wir werden steril im Wagen und Schöpfen. Wir müssen uns aufraffen. Nicht um das Verlorene jammern, sondern das Zukünftige mit Freuden wollen. Ich lebe ganz in dem Gedanken, daß mein Mi- chael!! den Preis von der Kölnischen Zeitung bekommt und sause im Geiste schon als lern- und wissensbegieriger Scholar durch den Kontinent. Nach Italien! Ach Gott! Nach Italien! Dostojewski »Nettchen Neswanow«!?. Macht Freude. Die russische Psychologie ist so einleuchtend, weil sie klar und einfach ist. Der Russe sucht keine Probleme außer sich, weil er sie in der Brust trägt. Rußland, wann wirst du erwachen? Die alte Welt sehntsich nach deiner erlö- senden Tat! Rußland, du Hoffnung einer sterbenden Welt! Wann wird es Tag werden?

11 Michael Voormann. Ein Menschenschicksal in Tagebuchblättern, 1923, Manu- skript und maschinenschriftliche Ausführung, Bestand Genoud, Lausanne. 12 Richtig: Netotschka Neswanowa.

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17. Juli 1924

Gestern abend prachtvolle Autotour nach Cöln und zurück. Cöln nochmal bei Nacht gesehen. Wunderbar, so durch den Abend zu sausen. Nach einem erfrischenden Regen war die Luft wie Balsam. Schmetterlinge flogen gegen die Scheinwerfer. Von den Chaussee- bäumen tropften die Regentropfen wie dickes Gold herunter. Ein Herr läuft geradewegs dem Auto entgegen und biegt noch in der letzten Sekunde ab. Durch kleine, verschlafene Dörfer geht der Weg. Wie ein Sturmwind fahren wir. Dostojewskis »Nettchen Nes- wanow«. Eine reizende Jungmädchengeschichte. Wieder Drama über Drama hineinverflochten. Die Liebe zwischen Katja und Nettchen ist ein Kabinettstück psychologischer Malerei. Das macht dem Russen so leicht niemand nach. Die Psychologie ist immer glänzend bei Dostojewski. Im übrigen aber ist die »Nettchen« im Verhältnis zu den großen Romanen Dostojewskis doch mehr eine Gelegenheitsarbeit. Manches ist doch zu klein für den großen, gro- ßen Russen. Vielleicht hatte er Geld nötig. Oder wollte einmal nach einem großen Roman ausspannen. Ich weiß so wenig aus Dostojewskis Leben. Ich trage auch kein Verlangen darnach, mehr zu erfahren. Ich bin so mutlos dem täglichen Leben gegenüber. Al- les, was ich beginne, geht schief. Ich komme hier nicht aus dem Kaff heraus. Als ob mir die Flügel beschnitten wären. Das macht so saft- und kraftlos. Ich habe bis jetzt noch keine rechte Lebens- aufgabe gefunden. Manchmal des Morgens habe ich Furcht davor aufzustehen. Nichts erwartet mich, keine Freude, kein Schmerz, keine Pflicht und keine Aufgabe. Meinem Leben fehlt die Konzen- tration und die Sammlung. Ich irre und schwärme durch das Uni- versum umher. Zu einem aufrechten Leben gehört doch vor allem eine feste Aufgabe und eine sichere Grundlage. Das fehlt mir. Wie oft frage ich mich heute wieder: Was soll ich tuen? Was beginnen? Ewiger Zweifel. Ewige Frage. Wie ausgetrocknet ist mein Geist. Irgend etwas hat mich kaltgestellt. Zu brennen und nicht anzünden zu können! Das Geld, das ich nicht habe, drückt mich nieder. Armseliges Leben, das nach dem verdammten Geld sich rich- ten muß. Fluch und Verderben über mich. Ich habe mich gegen die bestehende Ordnung empört. Nun trage ich die Folgen. Erlö- sung! Ich stürze von Fall zu Fall und von Schuld zu Schuld in den

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Abgrund. Unseliges Verhängnis! Was nützt das Zeitungskauen! Man wird nur dümmer und blöder dadurch. Die Politik verdirbt mich.

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Heute wird es ein Jahr, daß Richard in Schliersee verunglückte. Der Tag kündet sich mit Blitz und Donnerschlag an. Lange nachgedacht, ob er wohl nicht den besseren Teil erwählt hat. Was haben wir in dem verflossenen Jahr nicht wieder an innerer Qual und nationaler Not erlitten! Und er hat doch dem jämmerlichen Erdendasein ein königliches Ende bereitet. Mea culpa waren seine letzten Worte. Durch meine Schuld, durch meine große Schuld. Ist es nicht unsere größte Qual, daß wir Schuld tragen und auf alte ererbte neue eigene Schuld häufen? Leiden wir nicht für die Sünden anderer und sündi- gen weiter für kommende Geschlechter? Wo ist der Sinn dieser Dinge? Wo weilst Du, teurer Toter? Warum gibst Du mir nicht ein Zeichen, wohin wir gehen und was wir tuen müssen, um uns zu erlö- sen? Bist Du ins Nichts gegangen? Oder bereitest Du Dich auf ein höheres Dasein vor? Oder mußt Du wie wir leiden und überwin- den? Sinn im Unsinn? Rätsels Lösung? Älteste, nie gelöste Frage. Richard, mein guter Freund, Quelle meiner Kraft, hilf mir weiter! Sei mir weiter Zeichen und Symbol. Laß mich nicht verzweifeln! Lektüre: »Unterhaltungen mit Friedrich dem Großen, Tagebücher des Herrn de Catt 1758-1760«. Ein damals wohl geistreicher Mann wird von dem König jeden Abend »befohlen«. Gespräche über Welt, Leben, Kunst, Philosophie und Dichtung. Viel fades Gerede des Franzosen. Dann hindurchgestreut die wunderbaren Worte des einzigen Königs. Tritt einem menschlich nahe. Man sieht ihn leiden und sterben. Dieser größte Mensch schlägt am Tage seine gewalti- gen Schlachten und unterhält sich abends mit seinem Freunde über die Unsterblichkeit der Seele, über Gott, über die Pflichten und die Künste und Wissenschaften. Der höchste Punkt des Hohenzollern- geschlechts. »Das Leben wird ein Schimpf und Sterben eine Pflicht«, sagte er in bezug auf eine Schlacht, die unrettbar verloren ist. Welch ein Fanfarenwort in den Ohren seiner unwürdigen Nach- fahren. Ja, eine Monarchie unter dem alten Fritz, das wäre die beste Staatsform. Aber das ist ja nur Illusion. Woher den großen Fritz

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nehmen? So ein Mann kommt nur alle 100 Jahre einmal in der Welt- geschichte vor. DasFormatunserer heutigen großen Herren ist zwer- genhaft gegen seins. »Das Leben wird ein Schimpf und Sterben eine Pflicht!« Donnerwort eines Riesen! Das Büchlein gewährt tiefe, er- hebende und erschütternde Einblicke in die Werkstatt eines Gigan- ten. Dieser größte Feldherr nennt den Krieg nur »Plackerei«. Sein Ideal istSanssouciund eine philosophische Tafelrunde mit Gespräch und und[!] Flötenkonzert. Den Krieg führt er nur aus Pflichtgefühl undals Dienst an seinem Volke. Große Männer machen große Zeiten -Aber nicht große Zeiten große Männer. Was heißtgroße Zeiten? Es gibt ruhige und unruhige Zeiten. Die unsere gehört zu den letzten. Aber die Zeit wird doch erst groß durch den Mann. Alexander, Cä- sar, Barbarossa, Napoleon, Friedrich, Bismarck. Wie kläglich ihre Zeit, wollte man sie hinwegdenken. Überhaupt stehen Zeit und Mensch in einem organischen Zusammenhang. Fehlt der große Mann, dann ist die Zeit noch nicht reif. Wir sehen nicht über die Dinge hinaus und nennen vielleicht groß, was weit ist ohne Tiefe. Nicht die Ausdehnung nach den Seiten, sondern die nach unten und oben gibt den Ausschlag. Unsere reife Zeit wird schon den großen‘ Mann bringen. Fritz, leuchtendes Vorbild für unser schwaches Ge- schlecht. Wenn wir in unserer Schmach nicht in deinem Geiste em- porschreiten, ja, »dann wird das Leben ein Schimpf und Sterben eine Pflicht«. Gestern nachmittag mit Else zum Schäferstündchen bereit. Da kommt Willy Kamerbeek -undbleibt bis inden Abendhinein. Da muß man noch freundlich sein und danken für den Besuch. Warum sagen wir Menschen da nicht die Wahrheit? Volle gesegnete Stunde am Abend. Man kostet dasLetzte an tiefster menschlicher Lust. Man möchte schreien, jubeln, singen, es ist eine Lust, das Leben zu fühlen. Spannung, alles harrt in uns der großen Stunde. Jeder Nerv brennt. Das Blut pocht in den Adern. Es klopft in Kopf und Herz. Eine geheimnisvolle Macht zieht die liebenden Körper aneinander und ineinander. Man vergißt Welt und Qual. Augenblicke völligen Vergessens. Man durcheilt Ewigkeiten. Glut, Jubel, Wahnsinn. Und dann eine Stunde stillen, gesättigten Glückes. Man verlangt nichts mehr. Man ruht im Schoße der Ewigkeit aus. Das Leben ist nur noch ein Beispiel. Man ist still und weise. Und so sitzt man, Arm in Arm und Wange an Wange, lange, lange, und wartet auf ein Zeichen Gottes. Still wie des Meeres Spiegel ist deine Seele. Nur hier und da

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kräuselt noch ein leichter Wind das glatte Wasser. Dann will die Lust wieder aufkeimen in deinem Blut. Unddann kommt wieder die große Stille über dich und du tastet[!] von Stufe zu Stufe bis zum Throne Gottes. (4) Die Stunde/Des großen Glückes/Ist nun vor- bei./Still wie des Meeres Spiegel/Bei Ebbe/lIst deine Seele./Ein leichter Windstoß/Nur Kräuselt noch/Das glatte Wasser. /Blut singt in Adern,/Du lebst, du lebst./Und dann kommt wieder/Die große Stille über dich./Und deine Seele/Tastet sich/Von Stufe/Zu Stufe bis hinauf/Bis zu dem Throne Gottes.

21. Juli 1924

Thomas Mann »Königliche Hoheit«. Ein peinliches Buch für den Dichter und für den Leser. Der Konflikt ist etwas gartenlaubenmä- Big. Der Stil schon etwas stark gemacht. Künstler am Wort. Eine große Enttäuschung über Mann. Erinnert dastark an seinen Bruder Heinrich Mann. National ist das Buch unbedingt zu verwerfen. Mehr davon, wenn ich es ausgelesen habe. Ich habe so noch keinen Blick darüber. Ich denke so vielan Anka Stalherm. Sie erscheint mir im Traume in überraschender Deutlichkeit und redet mit mir. Dabei kneift sie etwas skeptisch eines ihrer graugrünen Augenrätsel zu. Sonderbar: ich lebe ganz in ihrem Bann. Oft meine ich auf der Straße, ich müßte ihr begegnen. Gestern war Else nach Mörs, und da hatte ich denn eine große Sehnsucht nach dem so lange vergesse- nen Mädchen aus Recklinghausen. Was hat das Schicksal mit mir vor? Doch nicht neues Liebesleid und Qual und Schmerz? Denn die Zeit, daich Anka verlor, möchte ich um keinen Preis zurückhaben. Ich glaube, ich müßte dann dabei zu Grunde gehen. Würde ich so auch um Elsens Verlust leiden? Nein! Ich werde sie wohl weniger lieben als Anka Stalherm. Man liebt eben, wenn’s gut geht, in sei- nem Leben nur einmal wie die Götter. Ich glaube, ein neues Aufein- anderstoßen mit Anka würde mich heute furchtbar enttäuschen. Man idealisiert immer die Vergangenheit. Nur die Gegenwart ist grau und trostlos. Konrad ist mit Kind und Kegel ausgezogen, und jetzt ist eine wundersame Stille hier im Hause. Zuerst drückte sie etwas auf mein Gemüt. Aber jetzt finde ich sie köstlich. Man hört den ganzen Tag sozusagen keinen Laut. Nur Minka schlägt hin und wieder einmal an. Draußen Regen und grau. Hier in meiner Keme-

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nate traulicher, geistiger Frieden. Ich bin heute so etwas wie zufrie- den und glücklich. Richardstarb am Samstag, ich träumte die Nacht von Samstag auf Sonntag von Anka. Wachen die Toten auf? Eine Mahnung des Todes an das Leben? Anka Stalherm, du Liebe, Gute, ich sehne mich nach deinem süßen Geplauder, nach deiner milden Hand und deinem gütigen Mund. Wenn etwas aus mir werden sollte, dann will ich dich noch einmal wiedersehen! Gestern Gang durch Wälder und Felder. Sauberer Sommersonntagnachmittag. Wundervolles Schlendern durch den bunten Garten Gottes. Poli- tika traurig. In London verhandeln die reichen Bankiers Deutsch- lands Arbeitskraft auf 40 Jahre.'? Gemach, meine Herren! Sie sind noch nicht am Ende. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht! Olgi schrieb heute aus der Schweiz. Liebes Mädchen. Könnte ich nur ins Ausland kommen! Mutter und Vater sind in diesen Tagen so gut zu mir. Ich weiß nicht, wodurch ich das verdiene. Und Else liebt mich hundertmal mehr, als ich es je um sie verdient habe. Das Leben beschenkt mich. Und ich bin so arm, daß ich kaum wiedergeben kann.

23. Juli 1924

Thomas Mann »Königliche Hoheit«. Geistreicher Kitsch. Stolzer Mann, wohin bist du gegangen. Der alte Adel wird durch die Groß- industrie mit frischem Blut getränkt. Natürlich ist der Prinz sau- dumm und das amerikanische Dollarmädchen ein ausnehmend geistvolles Persönchen, das Mathematik studiert und durch nase- weise Bemerkungen zu imponieren sucht. Viele äußerst peinliche Szenen. Mister Spoelmann, der Kleidermillionär aus Amerika, dol- larmüde, er kommt nach Europa, um Segen zu stiften. Affenliebe zum Töchterchen (natürlich dem einzigen), alles ist da zum Garten- laubenroman. Miß Spoelmann aus allerhand Blut zusammenge- setzt, ein äußerst edler jüdischer Arzt tritt auf - 0, alles so pro domo geschrieben, eine Verteidigung des eigenen Blutes, die weit übers Ziel hinausschießt, tendenziös, peinlich-deutlich. Geistreicheleien

13 Am 16.7.1924 hatte in London die Konferenz über den Dawes-Plan begon- nen.

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fallen auf die Nerven, man verspürt Schmerzen über den Fall des europäischen Schriftstellers Thomas Mann, welch ein Abstieg von den Buddenbrooks zur Hoheit. Wer wird Mann noch einen rasserei- nen Künstler nennen? Dieser Mann hat keine Rasse, nur Zivilisa- tion. Kein Herzschlag. Läßt nicht aufhorchen. Müde plätschernde Plauderei, billige Witze. So disputiert man die Aristokratie doch nicht aus der Welt. Soll das der Adel deutscher Nation sein. Kein Respekt.... ..literatur. Thomas reicht seinem Bruder Heinrich die Hand (»Untertan«), nur daß der doch noch eine ganze Portion erfri- schender Deutlichkeit mehr hat. Ein armes Buch. Das ist der große deutsche Erzähler? Arme deutsche Kunst! An die »Königliche Ho- heit« glaube ich nicht, ja, ich fange an Thomas zu zweifeln an. Die Psychologie ist sehr mager. Kaum glaublich, daß ein Buddenbrook- dichter es sich so leicht machen kann. Herr Mann, die Budden- brooks mußten Sie doch mehr verpflichten. Schätzen Sie Ihr Publi- kum so leicht? Das Buch ist beleidigend für Ihre Verehrer, zu denen ich mit Einschränkung auch gehöre. Sie pflegten früher Ihre Dekadenz in ein anmutiges Gewand zu kleiden. Sie machten sie uns erträglich. Dieses Buch ist nicht mehr zu genießen. Das ist Kitsch, billiges Zeug, Humbug. Das glauben Ihnen nur zum Schein Ihre Judengenossen, glauben es nur aus Politik, nicht etwa aus ästhe- tischem Behagen. Imma Spoelmann, Sie reden furchtbar geschwol- len. Sie sind ein Frauenzimmerchen ohne eine Spur von Natur. Sie meinen geistreich zu sein? Sie sind an den Falschen gekommen. Ich weiß nicht, ob es so saudumme Prinzen gibt. Aber wenn Sie an einen halbwegs gebildeten deutschen Mann gekommen wären, so hätten Sie bald Ihre dummen Phrasen in den Sack stecken können. Arme deutsche Erzählerei! Ich verzichte. Else lieb und gut. Wie eine Frau und Geliebte. Betthäschen? O nein, doch einiges mehr. Ich bin den Frauen gegenüber ein heilloser Egoist. Ich gebe? Nein ich nehme, so viel ich nehmen kann. Ich muß manchmal an die ausgepreßte Zitrone denken. Das Leben ist doch gemein. Soviel Schmutz, soviel Unmenschlichkeit, so viel haarsträubender Mangel an Güte und Liebe. Ich schäme mich oft vor mir selbst. Könnte ich dich heiraten, Else, dann wäre manches gelöst. Anka Stalherm durfte nicht von mir gehen. Sie mußte meine Frau werden, dann wäre mein Leben schön und rund geworden. Heute bin ich den Frauen gegenüber im- mer nur ein Halber. Es fehlt mir das Beste und Tröstendste: die

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Achtung, der Abstand, der Respekt. Wir ziehen uns, einer den an- deren in den Schmutz, wir denken und lachen manchmal so gemein. O, diese Fülle von Niedrigkeit und Scham! Arme Else! Ich bin in der Tat dein Verführer. Wir verlieren unsere Liebe. Warum muß das so sein? Warum ist der Eros meine Qual, warum kann er nicht meine Freude und meine Kraft sein? Anka, du böse, liebe Frau! Ich schaue nach Geld und Verdienst aus. Dieses Leben auf Kosten der anderen ist mir zum Ärger und zur Qual. Da denke ich gerade daran: eine feine Stelle doch bei Mann. Der Hoheit Gespräch mit dem Dichter Martin. Sehr aufschlußreich über die Psyche des modernen Dich- ters. Damit von Zeit zu Zeit so ein Gedicht zustandekomme, wer glaubt wohl, wieviel Faulenzerei und Langeweile und grämlicher Müßiggang dazu nötig ist. Eine Postkarte an den Zigarrenlieferan- ten istoft die Leistung eines Tages. Man schläft viel, man lungert mit dumpfem Kopfe umher. Ja, es ist nicht selten ein Hundeleben. Ver- dammt ja, es ist sehr oft schlimmer als ein Hundeleben. Dieses Lun- gern mit dumpfem Kopfe! Ich glaube, man muß eine feste Arbeit, einen Beruf haben. Sonst geht man unter in Zuchtlosigkeit. Übri- gens in diesem Gespräch zeigt sich wieder der alte Mann, der feine Seelenkünder, der äußerst sensible Künstler, der große Könner im Wort, seine ziselierte Selbstanalyse, in der immer ein gut Teil Selbstanklage steckt. Den hab ich gern, weil er so fein mein eigenes Innere darstellt. Den muß jede künstlerisch empfindende Natur gern haben. Die Politika ist sauer. Die Londoner Konferenz droht wieder zu versacken. Die Juden wollen das Geld nicht ohne Sicher- heit geben. Und die Franzosen wollen wieder die andere Form der Sicherheit. Ein Fall, wo sich deutsche und jüdische Interessen dek- ken. Also werden die Ausbeuter nicht einig. Kampf zwischen Geld und Nation. Der letzte Kampf um die Form unserer Kultur. Wir sind vielleicht bald einmal der tertius gaudens!*. Der französische In- stinkt ist so sicher und so richtig. Man muß dieses hartnäckige Volk in seiner nationalen Einseitigkeit bewundern. Frankreich über alles. Man kann es kaum glauben, daß dieses kranke Land noch einen solchen nationalen Elan aufbringen kann. Lektüre: Richard Wag- ner »mein Leben«. Eine gute, lehrreiche und wohlgemeinte Biogra-

14 Der lachende Dritte.

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phie. Biographien erst führen uns den Mann und sein Werk ganz nahe. Da schwindet das Heroische, (ich meine natürlich Autobio- graphien) das Falsche, die Illusion, das Titanische, da steht der Mann in seiner bescheidenen menschlichen Größe vor uns, und wer zwischen den Zeilen liest, lernt alle seine Fehler und alle seine Tu- genden kennen. Zuletzt las ich Bebels Selbstbiographie, - nun Wag- ner. Nacht und Tag, ein Plebejer und ein Edelmensch, ein Phrasen- held und ein Geistesheld. Widersinnige Unterschiede. Und doch